Berlin „Die nächste Pandemie kommt so sicher wie das Amen in der Kirche“
An diesem Samstag vor vier Jahren wurde in Deutschland der erste Corona-Fall bestätigt. Es folgten zwei Jahre mit Lockdowns und gesellschaftlichen Verwerfungen. Ist die Covid-Gefahr ein für alle Male gebannt? Und was hat Deutschland aus der Pandemie gelernt?
„No lessons learned” – Nichts gelernt: Das ist die bittere Corona-Bilanz von Ex-Kinderärztepräsident Thomas Fischbach. Ihm und anderen Medizinern, Politikern und Wissenschaftlern haben wir vier drängende Fragen zur Bewältigung der Krise und der Gefahr neuer Pandemien gestellt. Hier kommen Antworten von Thomas Fischbach, Frank Ulrich Montgomery, Andreas Gassen, Alena Buyx, Boris Palmer und Wolfgang Kubicki.
„Diese Pandemie ist vorbei. Das hat auch die Weltgesundheitsorganisation unlängst festgestellt“, sagt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP), der immer wieder vor übertriebenen Eindämmungsmaßnahmen gewarnt hatte. Corona werde „nicht als Pandemie“ zurückkommen, meint Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. „Aber es bleibt ein Dauerthema, weil der Krankenstand deutlich höher liegt und die Langzeitfolgen unzureichend erforscht sind“ Stichwort: Long Covid.
Entwarnung gibt der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, der schon früh einen „Freedom Day“ für Deutschland gefordert hatte, also die Aufhebung aller Schutzmaßnahmen: „Mit Corona haben wir gelernt zu leben. Ähnlich wie bei der jährlichen Grippewelle gibt es angepasste Impfstoffe, die in den Praxen verimpft werden. Das haben wir im Griff!“
Auch für die Vorsitzender der Ethik-Kommission, die Medizinerin Alena Buyx, spielt das Impfen die zentrale Rolle: „Die Impfung hat uns, mit Verlaub, allen den Hintern gerettet“, sagt sie und ergänzt: „Die Leute, für die das empfohlen ist, sollten sich mal wieder impfen lassen. Ein harmloser Schnupfen ist Corona ja nicht für die, die anfällig sind.“
Auch hier gehört Montgomery zu den Pessimisten: Er sagt: „Die nächste Pandemie kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Frage ist nur: wann und wie?“ Aber auch „Freedom Day“-Verfechter Gassen ist überzeugt: „Irgendwann wird die nächste Pandemie kommen. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern statistisch leider wahrscheinlich.“
So sieht es auch Kinderarzt Fischbach: Die Corona-Pandemie „wird nicht die letzte pandemischen Lage gewesen sein wird, die unser Land herausfordern wird.“ Ob dies durch Coronaviren oder andere gefährliche Erreger sein wird, gleiche einem Blick in die Glaskugel. „Gerade auch durch den fortschreitenden Klimawandel muss befürchtet werden, dass zukünftig auch andere Erreger wie Dengue, Westnil-Virus oder Malaria eine Bedrohung darstellen werden.“
„Ich hoffe, dass wir aus der Pandemie gelernt haben“, sagt die Ethikrat-Vorsitzende Buyx. „Ich sehe aber, dass wir als Gesellschaft noch mehr lernen müssen, was unsere kritische Infrastruktur angeht, unseren Umgang mit Daten, gesellschaftlicher Zusammenhalt und so weiter - das sind alles Themen, die bleiben. Auch bei den konkreten Lehren für unser Gesundheitssystem wünsche ich mir noch viel mehr.“
So sieht es auch Kassenärztepräsident Andreas Gassen: „Zentral wäre es, die bewährte Struktur der niedergelassenen Praxen zu stärken.“ Denn 19 von 20 Covid-19-Fällen seien von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten behandelt worden. Und an die Adresse von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach fügt er hinzu: „Leider beobachten wir im Augenblick das Gegenteil.“
Grundsätzlich findet Gassen, dass bei der nächsten vergleichbaren Notlage die medizinische Bewertung von Maßnahmen im Vordergrund stehen müsse, „nicht politische Erwägungen“. Bund und Länder müssten sich zudem ihrer Verantwortung für den Katastrophenfall deutlich stärker bewusst sein und Vorsorge treffen. „Nicht nur mit Papierkonzepten in Schubladen, sondern durch konkretes Handeln, beispielsweise das Anlegen von Vorräten von Schutzmaterial.“
Montgomery sagt: „Die Corona-Krise hat viele Schwächen nicht nur unseres Gesundheitssystems bloßgelegt, sondern das weltweite Chaos gezeigt. Wir müssen alle unsere Pandemie- und Katastrophenpläne überdenken.“
Das Ende der Pandemie fiel mit dem russischen Überfall auf die Ukraine zusammen. Der Krieg und andere Krisen haben die politische Energie weitgehend absorbiert. Viele Menschen mit Long Covid fühlen sich im Stich gelassen. Und erst die Hälfte der Anträge auf Anerkennung von Impfschäden ist bislang bearbeitet. Mehr als 5.000 Anträge stapeln sich bei den Versorgungsämtern.
Ungenügend sind auch die Anstrengungen, um die Schäden – von Lernlücken über Fettleibigkeit bis zu Depressionen –, die bei Kindern und Jugendlichen angerichtet wurden, zu lindern.
Kinderarzt Fischbach sagt: „Eher halbherzig finanzierte ‚Korrekturmaßnahmen‘ durch den Staat werden diese Schäden nicht beheben können.“ Zumal Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wie beispielsweise den Niederlanden nur sehr geringe finanzielle Anstrengungen unternehme.
Fischbachs sagt weiter: „Die Schulen sind nach wie vor unterfinanziert, räumliche Situationen und Digitalisierung immer noch mangelhaft. Alles in allem ziehe ich eine sehr ernüchternde Bilanz - no lessons learned (keine Lehren gezogen).“
Auch Tübingen-OB Palmer fürchtet, das Land könne nochmal in die selben Fallen laufen, weil man etwa von den Schweden und ihrem liberalen Weg nicht gelernt habe: „Die Freiheitsbeschränkungen haben hohe Folgekosten zum Beispiel in der Schulbildung und diese wären zu einem erheblichen Teil mit mehr Risikodifferenzierung und Schutzkonzentration auf Alte und Kranke vermeidbar gewesen.“
FDP-Mann Kubicki ist weiterhin über die vielen Freiheitsbeschränkungen, insbesondere für Ungeimpfte, erschüttert. Er klagt an: „Dass offizielle Stellen, wie das Bundesgesundheitsministerium und das Robert-Koch-Institut, in Teilen ihre gesetzliche Aufgabe nicht erfüllt haben und sogar mit falschen Erklärungen an die Öffentlichkeit gegangen sind, bedarf zwingend einer Aufarbeitung.“
Kubickis große Sorge: „Dass es nicht möglich ist, im Bundestag eine qualifizierte Minderheit für eine entsprechende Enquete-Kommission einzurichten, hinterlässt deshalb gesellschaftlich eine offene Wunde.“
Anlässlich des vierten Jahrestages des ersten bekannten Corona-Falls in Deutschland blicken wir ganzheitlich aus verschiedenen Perspektiven auf die Pandemie zurück. Hier finden Sie alle Texte.