Neues Ausbildungsangebot  Fachschule in Leer bildet Tagesmütter aus – Alternative zur Krippe

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 26.01.2024 13:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Frank Gieselmann, Vorstand bei der Familienservice Weser-Ems eG, und Daniela Kroon hoffen auf viele Ausbildungsteilnehmer. Foto: Gettkowski
Frank Gieselmann, Vorstand bei der Familienservice Weser-Ems eG, und Daniela Kroon hoffen auf viele Ausbildungsteilnehmer. Foto: Gettkowski
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Wenn Krippen wegen personeller Engpässe dicht bleiben, stehen vor allem berufstätige Mütter und Väter vor einem Problem. Die Fachschule für Kindertagespflege setzt auf die Ausbildung von Tagesmüttern.

Landkreis Leer - Viele Mütter und Väter im Landkreis haben die Personalnot in den Krippen schon zu spüren bekommen. Wenn Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfallen, kommt es vor, dass die Krippe dicht bleibt. Berufstätige, die auf die Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind, stellt das vor Probleme. Der Familienservice Weser-Ems in Leer hat im vergangenen Jahr im Pavillon am Bahnübergang an der Bremer Straße eine Fachschule für Kindertagespflege eröffnet. Mit einer qualifizierten Ausbildung will man schnell die so dringend benötigten Fachkräfte gewinnen. Koordinatorin Daniela Kroon und Frank Gieselmann, Vorstand der Familienservice Weser-Ems eG, erzählen, wie künftig eine verlässliche Betreuung von Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren gewährleistet werden soll.

Wie ist die Situation in den Krippen?

Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung kann Niedersachsen den Rechtsanspruch auf einen Platz in der Krippe oder dem Kindergarten nach wie vor nicht bedarfsgerecht erfüllen. Bei den Kindergartenkindern liegt die Betreuungsquote zwar bei 92 Prozent, dagegen werden nur 34 Prozent der Kinder unter drei Jahren betreut, obwohl fast 50 Prozent der Eltern einen Krippenplatz wünschen. „Viele Familien stehen finanziell unter Druck. Beide Elternteile wollen oder müssen arbeiten“, weiß Frank Gieselmann, Vorstand bei der Familienservice Weser-Ems eG. Die Krippen würden auch künftig den Rechtsanspruch nicht erfüllen können, weil Erzieher und Erzieherinnen fehlten. Als Alternative setzt der Familienservice Weser-Ems auf die Ausbildung von Tagesmüttern und -vätern.

Dozentin Stephanie Schult unterrichtet die Teilnehmer des Lehrgangs in der Fachschule für Kindertagespflege in Leer. Foto: Fachschule für Tagespflege
Dozentin Stephanie Schult unterrichtet die Teilnehmer des Lehrgangs in der Fachschule für Kindertagespflege in Leer. Foto: Fachschule für Tagespflege

Was ist Ziel der Fachschule?

„Die Fachschule soll ein Qualitätsmanagement bieten“, erzählt Gieselmann. Die Wertigkeit der Tagesmütter soll erhöht werden und mehr Frauen und Männer für diese kurze, aber intensive Form der Ausbildung begeistern. „Vom Bildungsauftrag ist die Kindertagespflege seit 2021 Krippen und Kindergärten gleichgestellt.“ Das spiegelt sich in den Ausbildungsinhalten wieder. Ein Unterrichtsmodul richtet sich daher auch an „alte Hasen“, also Personen, die bereits Erfahrungen als Tagesmütter oder -väter haben.

Wie wird man Tagesmutter oder -vater?

Die Qualifizierung erfolgt an der Fachschule für Tagespflege. Die einjährige Ausbildung gleicht fast der Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin/ zum sozialpädagogischen Assistenten. Grundlagen werden Neueinsteigern an der Fachschule in einem 160-stündigen Grundkursus vermittelt. Der Unterricht findet in den Abendstunden statt, damit die Ausbildung neben dem Beruf möglich ist. Dem ersten Modul schließen sich ein praktischer Teil von 140 Unterrichtseinheiten und ein Praktikum an. 350 Euro kostet die Ausbildung.

Wer ist die Zielgruppe?

„Wir sprechen die Altersgruppe 40plus an – gerne auch Quereinsteiger, die vielleicht etwas ganz anderes gelernt haben, aber sich verändern wollen und mit Kindern arbeiten möchten“, sagt Frank Gieselmann. Bislang hätten Tagesmütter und -väter hauptsächlich als Selbstständige gearbeitet. „Man muss eine genaue Dokumentation machen, sich selbst versichern, einen Businessplan erstellen – das schreckt viele ab“, weiß Daniela Kroon, die selbst in Jemgum als Tagesmutter gearbeitet hat und jetzt als Koordinatorin und Dozentin an der Fachschule tätig ist. „Man kann gut davon leben, wenn man eine gute Geschäftsfrau ist“, sagt sie. Die Möglichkeit, nach der Ausbildung im Angestelltenverhältnis zu arbeiten, zögen allerdings viele vor. Diese deutliche Tendenz spiegele sich bei den 20 Teilnehmern des ersten Kursdurchgangs im Jahr 2023 wieder. „Zwei Drittel sind in Anstellung beschäftigt, ein Drittel hat sich für die Selbstständigkeit entschieden“, zieht Frank Gieselmann Bilanz.

Was ist der Vorteil von Großtagespflegestellen und Tagesmüttern?

„Die Verlässlichkeit und die Flexiblilität ist der große Vorteil für Eltern“, sagt der Geschäftsführer des Familienservice Weser-Ems. Es gibt auch Eltern, die im Schichtdienst arbeiten und für die die in Krippen und Kindergärten angebotenen Betreuungszeiten nicht ausreichen. Die Betreuung im kleinen familiären Kreis sehen viele Familien ebenfalls als Vorteil. Eine Tagespflegeperson darf fünf Kinder zeitgleich betreuen. In einer Großtagespflege werden maximal acht Kinder von zwei Personen betreut. „Für Urlaubs- und Krankheitszeiten gibt es eine Vertretungskraft“, so Gieselmann. In einer Krippe dagegen würden maximal 15 Kinder von drei Fachkräften betreut. Davon müssen zwei Erzieher oder Erzieherinnen sein – ein Grund für die personellen Engpässe in manchen Einrichtungen.

Wie viele Kinder werden aktuell in Kindertagespflege betreut?

„Zum Stichtag 1. Oktober 2023 wurden im Landkreis Leer 249 Kinder von Tagespflegepersonen betreut, davon sind 226 unter drei Jahre alt“, berichtet Maike Kuch von der Pressestelle des Landkreises. Ergänzende Kindertagespflege neben einer Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder einer anderen Institution werde laut Kuch derzeit nur selten in Anspruch genommen. „Zum Stichtag 1. Oktober 2023 waren es zwei Betreuungsverhältnisse.“ Insgesamt gebe es im Landkreis 101 Tagespflegepersonen mit Erlaubnis.

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