Debatte über Straßennamen Infos über Bavink sollen in Leer jetzt auf Stelen stehen
Der Wissenschaftler Bernhard Bavink war ein Anhänger des Nationalsozialismus. Dennoch ist eine Straße in Leer nach ihm benannt. Schilder informieren über sein Leben. Das wird jetzt geändert.
Leer - Die Bavinkstraße in der Leeraner Oststadt sorgt seit mittlerweile zwei Jahren für Diskussionen. Dabei geht es nicht um irgendwelche Bauprojekte, sondern um den Namen. Das Handeln und Wirken Bernhard Bavinks ist nämlich sehr umstritten. Der 1879 in Leer geborene Mann war zwar ein namhafter und erfolgreicher Wissenschaftler, Bavink war aber auch ein Anhänger der Nationalsozialisten und hatte mit anderen die theoretischen Grundlagen für das Dritte Reich gelegt. Das hatten Recherchen des ehemaligen Leeraner Bürgermeisters Wolfgang Kellner ergeben. Gerade nach den Enthüllungen des Recherchenetzwerks Correctiv zu den Deportationsplänen von Vertretern der AfD und weiterer Rechtsextremer in diesem Monat, wird das Thema wieder in der Gesellschaft diskutiert. Zahlreiche Demonstration gegen rechtes Gedankengut sind die Folge.
Die Forschung Kellners
Der Physiker wurde 1879 in Leer geboren und wuchs in der Brunnenstraße auf. Nach dem Abitur studierte er Chemie, Mathematik und Biologie und wurde Lehrer für Naturwissenschaften in Bielefeld. Dort wurde er auch Mitglied eines Netzwerks aus Erbwissenschaftlern. „Er lebte dort in einer geistigen Atmosphäre, in der das Dritte Reich zur Existenz gelangen konnte“, hatte Kellner bei der Vorstellung seines Buches vor zwei Jahren gesagt. Der ehemalige Leeraner Bürgermeister hatte für sein Buch unter anderem in Bielefeld recherchiert. Dabei stellte der Historiker fest: Es gibt einige eindeutige Anzeichen dafür, dass Bavink ein deutlicher Unterstützer der Nazis war. „Er schaffte innerhalb eines Netzwerkes von Wissenschaftlern, eine geistige Atmosphäre, in der das Dritte Reich zur Existenz gelangen konnte“, sagte Kellner. Unter anderem beschäftigte sich die Gruppe mit der Frage nach der Rassenlehre. Dabei war Bavink laut Kellner kein aktiver Täter, er schaffte eher die intellektuellen Grundlagen, auf denen die Nationalsozialisten ihre menschenverachtenden Taten argumentieren konnten.
Die Leeraner Stadtpolitik sprach sich nach langer Diskussion knapp gegen eine Umbenennung der Bavinkstraße aus. Stattdessen wurde beschlossen, Hinweistafeln samt QR-Code an die Straßenschilder anzubringen. Der Text lautete „Bavink, Bernhard, 30. Juni 1879 Leer (Ostfriesland) – 27. Juni 1947 Bielefeld, deutscher Naturwissenschaftler, Naturphilosoph und Eugeniker. Nach heutigen Erkenntnissen lassen Teile seiner Veröffentlichungen auf eine rassistische und fremdenfeindliche Weltanschauung schließen, die mit der nationalsozialistischen Ideologie übereinstimmte. Diese menschenverachtende Gesinnung ist zu verurteilen und sollte für jeden von uns stets dringende Mahnung sein, für Menschlichkeit, Toleranz und Weltoffenheit einzutreten.“ Die Schilder wurden schließlich aufgehängt.
Schilder über Bavink sind klein und nicht gut lesbar
Doch die Umsetzung sorgte vor allem bei Mechthild Tammena, beratendes Mitglied der Grünen im Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur, für Empörung. „Mir war es nicht möglich, diesen Text zu lesen. Ein QR-Code wird nicht helfen“, sagte sie kürzlich in einer Ausschusssitzung. „Wenn das das Resultat unserer ganzen Überlegungen zu Bavink ist, ist es sehr ärgerlich. Es ist eine Posse.“ Das Schild beim Kreisel am Germania-Sportplatz sei außerdem auf einer Verkehrsinsel für den Fußgängerüberweg angebracht. „Autofahrer haben angehalten und wollten mich rüberlassen, als ich mir das Schild angucken wollte.“ Da könne man gar nicht stehenbleiben. Bürgermeister Claus-Peter Horst versprach in der Sitzung, sich die Sache anzuschauen.
Das habe er auch gemacht. „Ich habe entschieden, dass wir zwei größere und gut sichtbare Stelen mit den bekannten Informationen zur Person Bavink (die, die jetzt auch auf den kleineren Hinweisschildern zu lesen sind) aufstellen werden, einmal eingangs und einmal ausgangs der Bavinkstraße“, teilt der Bürgermeister auf Nachfrage mit. Die dort aktuell vorhandenen kleineren Hinweisschilder würden künftig an anderer Stelle – und zwar an Schildern in der Mitte der Bavinkstraße – angebracht. „Vorgesehen ist zudem, dass wir auf den beiden Stelen QR-Codes anbringen, über die weitgehendere Informationen zu Bernhard Bavink abrufbar sind“, so Horst. Aufgestellt werden sollen die Stelen, sobald sie geliefert und beschriftet seien.
Text über Bavink sei „verweichlicht“
Mechthild Tammena sieht die Stelen zwar als eine Verbesserung. „Ich bin mit dem Text aber weiterhin nicht einverstanden“, sagt sie. Dieser müsste vernünftig sein „und nicht dieses Verweichlichte“. Grundsätzlich sei sie auch weiterhin für eine vollständige Umbenennung der Straße. „Ich werde ganz häufig darauf angesprochen, wie Leer weiterhin eine Bavinkstraße haben kann.“ Gerade in der jetzigen Zeit mit den Enthüllungen des Recherchenetzwerks Correctiv sei es nicht mehr tragbar. Tammena hat die Hoffnung aber aufgegeben, dass es doch noch zu einer Umbenennung kommt. „Es gibt jetzt einen Beschluss. Der Stadtrat müsste jetzt ganz neu anfangen“, sagt sie.
Dass es eine neuerliche Diskussion geben wird, scheint auch eher unwahrscheinlich. „Es ist hinreichend diskutiert worden“, macht der SPD-Fraktionschef im Stadtrat, Heinz Dieter Schmidt, deutlich. „Wir können nicht so lange abstimmen, bis die Initiatoren ihren gewünschten Beschluss haben.“ Schmidt macht deutlich, dass er in der heutigen Zeit keine Straße nach Bavink benennen würde. „Es ist schade, dass sie in Leer so heißt“, so der Sozialdemokrat. Er denke aber vor allem an die Menschen, die dort wohnen, die überall ihre Adresse ummelden müssten. „Das wäre ja fürchterlich.“Kreistagsmitglied kritisiert Entscheidung des Stadtrats
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