Osnabrück Neue Drogen-Studie: Können halluzinogene Stoffe in Pilzen Depressionen heilen?
Laut einer US-amerikanischen Studie lindert bereits eine Dosis des „Magic-Mushroom“-Wirkstoffs Psilocybin die Symptome einer ernsthaften Depression. Und das für mehrere Wochen. Allerdings spielt auch die psychische Kondition des Patienten eine Rolle.
Das Forscherteam um Psychiater Charles Raison vom Usona Institut in Wisconsin verabreichte 104 Patienten mit einer Major Depression – sie litten vor allem unter Niedergeschlagenheit sowie Verlust an Lebensfreude und Interesse an ihren Alltagsaktivitäten – entweder 25 Milligramm Psilocybin oder ein Placebo. Beide Gruppen wurden zusätzlich noch psychologisch betreut.
Das Ergebnis: In der Psilocybingruppe gingen die Symptome gegenüber der Placebogruppe relativ schnell zurück. Und dieser Rückgang hielt sich 42 Tage lang.
Es kam außerdem zu keinen schwerwiegenden Nebenwirkungen. Zwei Drittel der Psilocybin-Anwender klagten über vorübergehende Kopfschmerzen, aber in der Placebogruppe war es immerhin auch ein Drittel.
„Unsere Studie bestätigt die Hinweise darauf, dass Psilocybin – mit psychologischer Unterstützung – ein vielversprechendes neues Mittel zur Behandlung von Major Depressionen sein könnte“, resümiert Raison.
Die schnelle, aber trotzdem lange anhaltende Wirkung in Kombination mit einem geringen Risiko mache den Pilzwirkstoff zu einer ernsthaften Alternative zu den herkömmlichen Antidepressiva. Denn die müssten täglich eingenommen werden, bräuchten mehrere Wochen, bis sie wirken, und hätten letzten Endes auch ein höheres Risiko für ernsthafte Nebenwirkungen.
Diese Einschätzung teilt auch Dimitris Repantis von der Charité in Berlin: „Die Ergebnisse der Studie waren erwartbar, es weisen bereits diverse Arbeiten in diese Richtung.“ Psilocybin verändere den Bewusstseinszustand, also die visuellen Wahrnehmungen, Emotionen und Denkweisen.
„Die Menschen nehmen dann bestimmte Dinge auf eine andere Weise wahr“, erläutert Repantis. Und diese Veränderungen sorgten, so lautet eine Theorie, für Veränderungen im neuronalen Netzwerk, was zu einer neuen, antidepressiven Verschaltung im Gehirn führen kann. „Wir kennen solche Effekte auch von anderen antidepressiven Substanzen“, so Repantis.
Eher lerntheoretisch ist hingegen das zweite Erklärungsmodell. Demnach erfährt der Patient durch die veränderte Wahrnehmung mittels Psilocybin, dass es einen Weg aus seiner depressiven Sackgasse gibt. Viele Patienten gewinnen neue Einsichten über ihr Leben, beispielsweise auch über die Werte, die sie verfolgen.
So kann es dem Einen helfen, wenn er erkennt, dass sein Verhältnis zu seinen Eltern durchaus positive Seiten oder sein berufliches Scheitern weniger an ihm als an äußeren Umständen gelegen hat. Wobei Psychiater Repantis betont, dass die Erfahrungen allein nicht reichen, um einen Weg aus der depressiven Spirale zu finden: „Sie sollten auch therapeutisch begleitet werden, um sie richtig einzuordnen und aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen.“
Offen ist noch, ob man die Einnahme von Psilocybin wiederholen kann, sofern ihr Effekt nach einigen Wochen doch wieder nachlässt. In jedem Falle sollte man nicht eigenmächtig zu den einschlägigen Pilzen greifen, um sich den antidepressiven Wirkstoff zuzuführen. „Es geht ja nicht um die Substanz allein“, warnt Repantis. Außerdem eigneten sich Magic Mushrooms und Psilocybin nicht für jeden.
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„In den klinischen Studien achten wir penibel darauf, wem wir das Mittel verabreichen, und wem nicht“, betont Repantis. Gerade Menschen mit einer Prädisposition zu einer Psychose könnten durch Psilocybin negative Wahrnehmungen erleben, aus denen sie allein nicht mehr herausfinden.