Osnabrück Nicht die Mitte sein, in die Mitte nehmen: Was Demonstrationen gegen Rechtsradikale sagen
Wer ist bei den Demonstrationen gegen Rechtsradikale eigentlich auf der Straße? Das Wort von der schweigenden Mehrheit fällt immer wieder. Die eigentliche Botschaft der Demos liegt in einem anderen Punkt.
Die schweigende Mehrheit gibt keinen Laut, lässt alles mit sich machen. Das scheint ihr Schicksal zu sein. Ändert sich das gerade? Über eine Million Menschen haben schon gegen Rechtsradikalismus und Rassismus demonstriert. Und die Kundgebungen gehen weiter.
Das Potsdamer Treffen, bei dem Rechtsradikale, aber auch Mitglieder der AfD und der CDU am 25. November 2023 darüber beratschlagt haben, wie Menschen ausländischer Herkunft aus dem Land gedrängt werden sollen, mobilisiert die ansonsten träge Mitte.
Während die bloße Zahl der Demonstranten alle Rekorde für Kundgebungen in der Geschichte der Bundesrepublik bricht, suchen Beobachter nach einem Wort für das Phänomen. Die schweigende Mehrheit soll sich in Bewegung gesetzt haben. Aber gibt es sie überhaupt, als homogenen Block von Menschen? Das wohl nicht. Aber es wirkt in diesem Land, was Briten als Common Sense schätzen: die stille Übereinkunft über das, was geht – und was nicht.
Wir sind das Volk? Rechtspopulisten kommt mit dem Protest von Hunderttausenden gerade ihre Bezugsgröße abhanden – und ihr zentrales Narrativ, nach dem eine Mehrheit von unten gegen die da oben aufbegehrt. Gesunder Menschenverstand gegen Elitendünkel, homogene Gemeinschaft gegen Multi-Kulti, das flache Land gegen die abgehobene Metropole: Aus solchen Oppositionen konstruieren Rechtspopulisten, was sie als Widerstand etikettieren. Oder Schlimmeres, wie sich in Potsdam gezeigt hat.
Was zeigen die Kundgebungen für Grundgesetz und Demokratie? Unter anderem, dass Vorstellungen von einem Volk in Deutschland kaum noch die Lebenswirklichkeit treffen. Sie pulverisieren auch den Beschreibungswert von Vokabeln wie Mitte oder Masse. Die Demonstrationen zeigen etwas ganz Anderes: eine plurale Gesellschaft, die kein nationales Zentrum braucht, um sich einig zu fühlen. Die zivile Umgangsform entscheidet, nicht ein unterstellter identitärer Wesenskern.
Darin liegt eine neue Qualität. Sie überschreitet jenes Misstrauen, dass der bloßen Menge und der gesichtslosen Masse im Hinblick auf die Erfahrung des Nationalsozialismus in Deutschland immer entgegengebracht worden ist. Sicher, mancher Slogan, der bei den Kundgebungen zu sehen oder zu hören ist, wirkt verrutscht, nicht jedes Statement ausgewogen.
Was überwiegt, ist aber der Eindruck einer bei aller Nachdrücklichkeit des Anliegens durchgängig friedlichen Mobilisierung. Die gerade von Politikern gern zitierte Mitte wird nicht nur laut, sie zeigt sich auch als erstaunlich heterogen, als Patchwork der Milieus und Lebensstile. Kernfamilie, Reihenhaus? Das alte Muster dominiert längst nicht mehr.
Artikuliert sich da der gesunde Menschenverstand? Eher ein Bedürfnis nach Maß als nach Mitte. Der Wunsch, sich zu versammeln, auch die Sehnsucht nach Vernunft und Empathie. Egoismus, Polarisierung, Entkopplung: Viele Menschen spüren den Überdruss an einer zerrissenen Gesellschaft.
Zum ersten Mal wird die Gefahr spürbar, die aus der jahrelangen Zerrüttung der Maßstäbe auch in Deutschland folgen kann. In Potsdam haben Rechtsradikale darüber gesprochen, Menschen zu selektieren, sich das Recht angemaßt, darüber zu entscheiden, wer dazugehört und wer nicht. Konservative haben mit am Tisch gesessen. Ein Schock. Dieser Schock treibt die Menschen jetzt auf die Straße.
Verwandelt sich die bislang schweigende Mehrheit damit in einen politischen Akteur? Das Bild jener Menschen, die sich lieber nicht einmischen, die stillhalten, ihre Welt auf Haus und Familie beschränken, hat Risse bekommen. Die schweigende Mehrheit setzt sich nicht nur in Bewegung, sie bewegt auch etwas.
Politische Initiative kommt nicht mehr nur von den radikalen Rändern des politischen und sozialen Spektrums. Veränderung ist nicht länger nur die Frage entschlossener Minderheiten. Das ist die eigentliche Botschaft der Kundgebungen gegen rechte Radikale, für die Demokratie.
Gustave le Bons Studie „Psychologie der Massen“ und Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“, sind zwei klassische Texte, die vor der manipulierbaren Masse warnen. Der Einzelne verliert seine Urteilskraft, wird er nur von der Dynamik der Menge erfasst. Das war lange der Konsens. Es fällt ohnehin schwer, bloßen Ansammlungen von Menschen schon eine höhere Vernunft zuzuschreiben.
Die Kundgebungen dieser Tage geben zumindest ein Signal: Die schweigende Mehrheit, auf die sich zuletzt auch ein Hubert Aiwanger berufen wollte, es gibt sie so nicht. Sie ist eine Projektion, ein Konstrukt von Demoskopen oder Demagogen, ganz nach Interesse und Lesart.
Plurale und offene Gesellschaften verhandeln ihre Mitte ständig neu. Dazu bedarf es mehr als gut gemachter Sonntagsreden und wohlfeiler Programme. Schlüsselerlebnisse prägen intensiver. Die Kundgebungen gegen Radikale und Rassisten sind genau das. Sie öffnen einen neuen Raum, weil sich Menschen, die man immer für schweigend hielt, nun als verbunden wahrnehmen – über alle Trennungen der Lebensstile und Anschauungen hinweg.
Nicht die Mitte sein, in die Mitte nehmen. Das ist es. Und auch der kühle Beobachter darf das für einen Moment durchaus anrührend finden.