Geschichte der Autos  Vom „Teufelswagen“ bis zum Feierabendstau in Rhauderfehn

| | 18.01.2024 17:55 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Autowerkstatt von Austermann am Untenende in den 1950er Jahren. Fotos: Archiv
Die Autowerkstatt von Austermann am Untenende in den 1950er Jahren. Fotos: Archiv
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Der „Teufelswagen“ von Dr. Trepte war das erste Auto im Landkreis Leer. Später kam mit Austermann eine Werkstatt an das Untenende. Die Geschichte der Mobilität in den Rhauder Fehnen.

Kaum ein später Nachmittag vergeht, ohne das es sich am Untenende in Westrhauderfehn staut. Dicht an dicht drängen sich die Autos im Feierabendverkehr – Tag für Tag. Die Landesbehörde für Straßenbau hat bei einer Messaktion herausgefunden, dass rund 8400 Fahrzeuge die Ortsmitte pro Tag passieren. 120 Jahre zuvor war das anders. Weit und breit gab es nur ein Auto und die Fehntjer bezeichneten es als „Teufelswagen“. Wie das Auto auf das Fehn kam.

Carl Benz erfand das erste Auto

Am Silvesterabend des Jahres 1879 hat Carl Benz zum ersten Mal seinen Zweitaktmotor zum Laufen gebracht. Sechs Jahre später – am 29. Januar 1886 – meldet er das Patent für das „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ an. Das Patent mit der Nummer 37435 gilt als die Geburtsurkunde des Automobils mit Verbrennungsmotor. Im Sommer des Jahres führt er seine Erfindung in Mannheim vor.

Dr. med. Walter Trepte mit seiner Frau in seinem Auto um 1905.
Dr. med. Walter Trepte mit seiner Frau in seinem Auto um 1905.

Weit weg von dort, steht die Fehn-Kolonie noch ganz im Zeichen von Pferdewagen und Schifffahrt. Torfschiffe wurden über die Entwässerungskanäle gezogen. Rund 2800 Menschen leben in 1886 in dem Ort, in dem gerade eine Navigationsschule gebaut wurde. Zwischen 1875 und 1890 verdoppelt sich die Zahl der Seeschiffe, die dort ihren Heimathafen haben, beinahe. Waren es 1875 noch 69, so stieg die Zahl auf 127. Die Gründung zweier Werften – die Schlömer-Werft 1879 und die Harms-Werft 1880 – fiel ebenfalls in diese Zeit.

Dr. Trepte hatte das erste Auto im Landkreis

Den Nutzen eines Automobils erkennt der angesehene Mediziner Dr. med. Walter Trepte von der Rhauderwieke. Um schneller zu seinen Patienten, die im gesamten Oberledingerland lebten, zu kommen, schafft er sich im Jahr 1901 seinen „Teufelswagen“ an. Die Fahrzeugnummer im Register des Kreises lautete: 1. Der Wagen von Trepte kostete neu ungefähr 3000 Goldmark.

Bernhard Austermann am Steuer seines Autos, um 1930.
Bernhard Austermann am Steuer seines Autos, um 1930.

Der Benz-Motorwagen war der erste Wagen im Landkreis Leer – und der sorgte für Geschichten. Entsetzt sprangen Fußgänger in Straßengräben, wenn Trepte kam, schrien „der Leibhaftige kommt“ und krochen erst wieder aus ihrer sicheren Deckung hervor, wenn der Doktor vorbeigerattert war, heißt es in Überlieferungen.

Adressbuch mit allen Autoinhabern

Wie selten zu jener Zeit solche Fahrzeuge – die nicht von Pferden oder Menschen gezogen wurden – zeigt ein Blick in ein historisches „Adreßbuch“ mit Autobesitzern aus dem Jahr 1909. Verzeichnet sind in dem Werk für Ostfriesland gerade einmal 38 Autos und 131 Krafträder. Die 1.210 Seiten wurden von der TU Braunschweig digitalisiert. Die Einträge wurden mit Kategorien versehen. Der Teufelswagen von Dr. Trepte war zum Beispiel mit der Abkürzung BW versehen. Sie stand für Wagen für Berufszwecke. Eine weitere Kategorie waren Wagen für Luxus-, Vergnügungs- oder Sportzwecke. Darunter fielen die Fahrzeuge von Rentner E. Dübbelde aus Breinermoor und Graf Landrat von Wedel aus Leer, wohnhaft in der Evenburg. Fahrradhändler Jan G. Roskam aus Westrhauderfehn, Gastwirt und Fahrradhändler Ubbo Meyerhoff aus Holterfehn, Dr. med. Geißler aus Collinghorst, Gastwirt Johann Boekhoff aus Collinghorst sowie Dr. Trepte standen als Besitzer von Krafträdern – also frühe Motorräder – in dem Verzeichnis.

•Autowäsche bei Austermann. Das Bild stammt aus den 1950er Jahren.
•Autowäsche bei Austermann. Das Bild stammt aus den 1950er Jahren.

Auch im Nachbarkreis gab es zu jenem Zeitpunkt erste Fahrzeuge. Beim Amt Friesoythe waren sechs Krafträder – darunter das des Gendarms I. Schmidt aus Strücklingen – registriert. Das einzige Auto hatte Ziegelleibesitzer Hinderk Müller aus Scharrel. In Papenburg hatten gleich fünf Geschäftsleute vom Hauptkanal, sowie ein weitere von der Bahnhofsstraße Krafträder. Das einzige Auto hatte der Kaufmann Teubenberg, ebenfalls vom Hauptkanal.

Nach dem Auto kam die Kleinbahn

In Sachen Mobilität erreichte mit der Kleinbahn zwischen Ihrhove und Westrhauderfehn ein weiteres modernes Verkehrsmittel die Dörfer. Da am Bahnhof in Ihrhove auch Züge nach Leer und Papenburg erreicht werden konnten, öffneten sich für viele Fehntjer neue Möglichkeiten. Fahrgeschäfte zum Markt erreichten auf diesem Weg das Untenende. Per Bahn kamen auch die Filme für die Kinovorführungen der Frisia Lichtspiele zum Fehn. Gastwirt Jelly Bahns betrieb übrigens selbst auch einen kleinen Fahrservice.

Die Autowerkstatt von Austermann am Untenende in den 1950er Jahren. Fotos: Archiv
Die Autowerkstatt von Austermann am Untenende in den 1950er Jahren. Fotos: Archiv

Tankstellen gab es damals noch nicht. Benzin wurde unter anderem in Drogerien und Gaststätten gekauft. Davon zeugt eine undatierte Reklame der Gastwirtschaft der Familie Plümer. Darin heißt es: „Das Spezialmotoren-Benzin der Deutsch-Amerikanischen-Petroleum-Gesellschaft. Wirtschaftlichster Betriebsstoff für Kraftfahrzeuge jeder Art.“ Der Liter wurde für 36 Pfennig angepriesen, bei Abnahme des Inhalts einer Originalkanne. In der Anzeige wurde ebenfalls auf 2000 weitere Depots im ganzen Reiche verwiesen.

Austermann eröffnete Werkststatt

Um 1930 kaufte Bernhard Austermann ein Haus auf der Südseite des Untenender-Kanals, gegenüber der Alten Fehn-Apotheke, und richtete darin einen Auto-Reparaturbetrieb mit Tankstelle, Autovermietung und Fahrschule ein. Die Autovermietung betrieb er schon seit 1928 im Verlaatshus. Ein Teil des Gebäudes verkaufte er an den Schlachter Johann Ahlers. Mitte der 1950er Jahre bauten sie gemeinsam auf dem Grundstück ein neues Gebäude mit einer markanten Tordurchfahrt zur Werkstatt auf dem Hof.

1975: Kfz-Meister Hans Heyer stellt in der Werkstatt Austermann an einem VW Käfer die Scheinwerfer ein.
1975: Kfz-Meister Hans Heyer stellt in der Werkstatt Austermann an einem VW Käfer die Scheinwerfer ein.

Als Firmengründer Bernhard Austermann 1969 starb, übernahm sein Schwiegersohn, der Kfz-Meister Johannes Heyer, den Betrieb, der ein Fachgeschäft für die Marke Ford wurde. Autos gab es in jenen Jahren auf dem Fehn noch nicht so viele. Das Untenende war noch keine Einbahnstraße und statt eines Kreisels floss der Verkehr noch über zwei Brücken an jener Stelle. Der Kreisel kam übrigens erst im Jahr 1974 – damals war das Untenende schon längst eine Einbahnstraße.

Im Jahr 1982 hingegen war das Autohaus Hans Nee auf dem Rathausfest vertreten.
Im Jahr 1982 hingegen war das Autohaus Hans Nee auf dem Rathausfest vertreten.

Am 22. September 1931 hatte Rudolf Straatmann aus Idafehn mit dem Mineralölunternehmen Aral – das damals noch den Namen „BV“ trug – einen Vertrag zur Zusammenarbeit geschlossen. In den 1950er Jahren gründet der Strücklinger Hans Nee ebenfalls ein Autohaus. Er spezialisierte sich auf die Marke Volkswagen. Und das mit Erfolg: 1968 wurde er als einer der besten VW-Händler in ganz Deutschland ausgezeichnet. 1970 eröffnete der Kaufmann eine Filiale in Westrhauderfehn an der 1. Südwieke.

Shell, Esso und Autohaus Focken

In Ostrhauderfehn gab es den Kraftfahrzeugmechaniker Johannes Kalkhoff. Dort lernte Heinrich Uken sein Handwerk. Er wagte 1952 den Schritt in die Selbstständigkeit. Er eröffnete einen Betrieb in Elisabethfehn. Anfang der 1960er zog es ihn nach Rhaudermoor. An der Rhauderwieke baute er eine Esso-Tankstelle mit Werkstatt.

Die Esso-Station an der Rhauderwieke im Jahr 1973.
Die Esso-Station an der Rhauderwieke im Jahr 1973.

An jenem Standort ist heute die Tankstelle Rolfes. Ukens Betrieb an der Rhauderwieke war der Grundstein für das Autohaus Focken. Helmut Focken pachtete die Werkstatt an der Rhauderwieke zum 1. Januar 1973. Eine Zeit lang gab es an der Rhauderwieke drei Tankstellen: Eine war ab 1972 beim Combi-Markt und die andere schon seit 1964 an der Rhauderwieke. Letztere wurde von dem Reeder Dodo Duis gegründet. Die Shell-Tankstelle an der Kreuzung zur Jürgenaswieke gibt es heute immer noch.

Sogar Exoten kamen zum Fehn

Mit den Jahren kommen immer mehr Werkstätten und Autohändler nach Rhauderfehn. Im August 1983 wurde es ganz exotisch. Eine Daihatsu-Vertretung ist von der Kfz-Werkstatt und Texaco-Station Dieter Wolf an der Rhauderwieke in Rhaudermoor eröffnet worden. Es war die erste Vertretung des japanischen Autoherstellers im Landkreis Leer. Dieter Wolf bot aus der Palette des Angebots drei Wagentypen an: den Charmant, den Charade und den Cuore.

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