Hamburg  Erst Muttermord, dann Medienphänomen: Der Fall Gypsy Rose Blanchard

Johannes Kleigrewe
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Von Johannes Kleigrewe
| 12.01.2024 11:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gypsy Rose Blanchard kommt Anfang Januar am Aufzeichnungsort der amerikanischen Talkshow „The View“ an. Foto: imago images/Cover-Images
Gypsy Rose Blanchard kommt Anfang Januar am Aufzeichnungsort der amerikanischen Talkshow „The View“ an. Foto: imago images/Cover-Images
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Jahrelang wurde Gypsy Rose Blanchard von ihrer Mutter missbraucht – bis sie diese durch ihren damaligen Freund ermorden ließ. Nach acht Jahren Haft ist Blanchard seit kurzem wieder frei. Jetzt macht sie in den USA Karriere als Medien- und Internetstar.

Wohl selten ist einer verurteilten Mörderin so viel Sympathie entgegengeschlagen. Die 32-jährige Gypsy Rose Blanchard, die für die Anstiftung zum Mord an ihrer Mutter acht Jahre im Gefängnis saß, wird in den USA gerade zum Star. Viele ihrer Fans und auch einige Medien begegnen Blanchard allerdings äußerst unkritisch.

Um die Aufregung um die Amerikanerin zu verstehen, muss man zurück ins Jahr 2015 gehen. Im Juni dieses Jahres wurde die Mutter der damals 24 Jahre alten Gypsy Rose Blanchard, Dee Dee Blanchard, in ihrem Haus ermordet. Im Zuge der Mordermittlungen offenbarte sich ein dunkles Geheimnis.

Jahrelang hatte Dee Dee Blanchard ihre Tochter der Welt als schwerkrankes Mädchen präsentiert. Sie saß wegen einer Muskelschwäche im Rollstuhl, obwohl sie gesund war. Gypsy Rose wurden die Haare abrasiert, um ihre angebliche Leukämie-Erkrankung glaubhaft zu machen. Sie wurde mittels Medikamenten künstlich krank gehalten, sodass ihr die Zähne ausfielen. Ihre Mutter zwang sie, sich über eine Sonde ernähren zu lassen und Sauerstoffflaschen zu nutzen, wie unter anderem der Spiegel berichtete.

In ihrem Eifer brachte Dee Dee Blanchard Ärzte dazu, Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln. Dazu schottete sie sich und ihre Tochter von ihrer Familie ab, so die Neue Zürcher Zeitung. Auch wenn die Mutter nie untersucht wurde, sind sich Experten einig, dass sie am sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom gelitten haben muss. Bei dieser seltenen psychischen Erkrankung machen Eltern ihre Kinder absichtlich krank. Mutmaßlich wollen sie so Aufmerksamkeit oder Anerkennung finden.

Im Fall von Gypsy Rose Blanchard spendeten bekannte Wohltätigkeitsorganisationen wie das Ronald McDonald House Geld an das vermeintlich schwer kranke Kind. Das Mädchen soll zunächst selbst nicht gewusst haben, ob es an Leukämie erkrankt war oder nicht. Allerdings war ihr bewusst, dass sie selbstständig laufen und sich ernähren konnte.

Als Gypsy Rose Blanchard älter wurde, widersetzte sie sich eigenen Aussagen zufolge häufiger ihre Mutter. Diese reagierte darauf mit Beschimpfungen und Schlägen. 2013 lernte die zu diesem Zeitpunkt 22-jährige Blanchard über eine Dating-Plattform den 26-jährigen Nicholas Godejohn kennen, der ihr erster Freund wurde. Ihm gegenüber offenbarte sie zum ersten Mal, dass ihre Krankengeschichte eine Lüge war. Und ihn stiftete sie 2015 an, ihre Mutter zu töten. Während Godejohn Dee Dee Blanchard mit einem Messer tötete, versteckte sich Gypsy Rose angeblich im Badezimmer.

„Die Schlampe ist tot“, schrieb sie anschließend auf Facebook. Erst jetzt wurden der Betrug und Missbrauch öffentlich bekannt. Blanchard und ihr Freund wurden wegen des Mordes festgenommen. Blanchard einigte sich 2016 mit der Staatsanwaltschaft auf einen Deal, bekannte sich Mord zweiten Grades schuldig, und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die jahrelange Misshandlung durch ihre Mutter wirkte sich strafmildernd aus. Godejohn wurde 2019 zu lebenslanger Haft ohne Aussicht auf Bewährung verurteilt.

Da der Fall so außergewöhnlich ist, wird er im Zuge des True-Crime-Hypes immer wieder aufgegriffen: 2017 erscheint der Film „Mommy Dead and Dearest“, 2019 die Serie „The Act“ und erst am 5. Januar 2024 die Doku-Serie „The Prison Confessions of Gypsy Rose Blanchard“, für die Blanchard im Gefängnis interviewt wurde. So wird sie einem breiten Publikum bekannt, während sie noch im Gefängnis sitzt. Auf TikTok fieberten junge Fans ihrer Entlassung aus der Haft im Dezember 2023 entgegen.

Während ihrer Zeit im Gefängnis erhielt Blanchard eigenen Angaben zufolge auch Briefe von über 250 Männern. 2022 heiratete sie einen ihrer Verehrer, den Lehrer Ryan Anderson, wie der Independent berichtete. Ende des vergangenen Jahres richtete Blanchard Konten bei Instagram und Tiktok ein, wo ihr aktuell über acht beziehungsweise neun Millionen Menschen folgen. Sie bezeichnet sich dort als „Öffentliche Person, Rednerin und Autorin“.

Die 32-Jährige trat in den vergangenen Wochen in zahlreichen Talkshows auf und veröffentlichte ein E-Book, in dem sie ihre Sicht der Dinge darstellt. Was bei der Betrachtung ihrer Auftritte auffällt, ist eine recht einseitige Sicht mancher Fans und Journalisten auf den Fall. Unter ihren Instagram- und Tiktok-Beiträgen wird Blanchard in vielen Kommentaren gefeiert. Bei einem Auftritt in der US-Talkshow „The View“ sagte eine der Gastgeberinnen, Blanchard habe „keine andere Wahl gehabt“ und dass sie nichts falsch gemacht hätte – ihre Kollegin musste sie erst darauf hinweisen, dass Mord falsch ist.

In dieser Wahrnehmung ist Blanchard das klare Opfer, das sich aus einer Notlage befreit hat. Dabei wird ausgeblendet, dass sie ihre Mutter umbringen ließ und als verurteilte Mörderin auch Täterin ist. Blanchard selbst betrachtet ihre Tat deutlich reflektierter. Sie erklärte, dass der Mord falsch war und sie es bereue, sich nicht an ihren Vater gewandt zu haben. „Es gibt immer einen anderen Weg. Man kann alles tun, aber man sollte nicht diesen Weg einschlagen“, wird sie zitiert.

Gleichzeitig erklärte sie bereits, dass sie bei einer weiteren Verfilmung ihres Lebens gerne von der Schauspielerin Millie Bobby Brown dargestellt werden möchte.

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