Osnabrück  Wie die Krebsdiagnose die Beziehung auf die Probe stellt

Joachim Göres
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Von Joachim Göres
| 12.01.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Drittel der an einem bösartigen Tumor Erkrankten leidet unter einer psychischen Störung. Besonders oft sind es Depressionen. Foto: Unsplash/Gus Moretta
Ein Drittel der an einem bösartigen Tumor Erkrankten leidet unter einer psychischen Störung. Besonders oft sind es Depressionen. Foto: Unsplash/Gus Moretta
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Eine Krebserkrankung kann in einer Beziehung zur chronischen Stressbelastung führen. Ein wirksames Mittel dagegen ist das Gespräch.

„Meine Frau kann nicht verstehen, dass ich an dem Abend zur Weihnachtsfeier gegangen bin– anstatt sie nochmal im Krankenhaus zu besuchen. Ich war doch morgens schon da und jetzt wollte ich einfach mal was Normales machen und nicht an den Krebs denken müssen.“ Das berichtet ein 35-Jähriger, dessen Frau an Krebs erkrankt ist.

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Ein 62-jähriger Mann klagt darüber, dass sich Freunde und Angehörige ständig nach seiner krebskranken Frau erkundigen, aber niemand danach frage, wie es ihm mit der veränderten Situation gehe. Er spricht über sein schlechtes Gewissen, wenn er sich einmal nicht um seine Frau kümmere und eigenen Interessen nachgehe.

Zwei von vielen Beispielen, die Tanja Zimmermann präsentiert. Die Professorin für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat zusammen mit dem Soziologen Jochen Ernst die Bücher „Meine Frau hat Krebs“ und „Mein Mann hat Krebs“ veröffentlicht, in denen es darum geht, wie sich eine chronische Erkrankung auf den gesunden Partner auswirkt und worauf zu achten ist, damit das Paar und auch andere Angehörige und Freunde mit den Belastungen besser klarkommen.

Ein Thema, dass für die Mehrheit der über 65-Jährigen relevant ist: 62 Prozent von ihnen sind von einer chronischen Erkrankung betroffen. Besonders groß sind die Belastungen dabei für Krebspatienten, wie Zimmermann betonte: Die plötzliche Diagnose Krebs kann die wirtschaftliche Existenz bedrohen, wirkt sich auf die Lebensplanung aus, bringt häufig Angst vor Kontrollverlust mit sich. Ein Drittel der Krebspatienten weist nach ihren Angaben eine psychische Störung auf. Der gesunde Partner wird zur wichtigsten Quelle für die seelische und körperliche Unterstützung.

„Jetzt ist meine Frau krank, häufig im Krankenhaus oder zu erschöpft – und ich habe neben dem Vollzeitjob auch noch die Versorgung der Kinder und den Haushalt zu erledigen“, zitiert Zimmermann einen 33-jährigen Mann. Eigene Bedürfnisse müssen auf unbestimmte Zeit zurückgestellt werden. Dies könne bei langer Andauer zu Überreiztheit, Schlafstörungen, depressiven Symptomen oder auch zu Wut und Aggressivität führen.

„Krebs kann eine chronische Stressbelastung für die Partnerschaft sein. Es verringert sich die Intimität und das emotionale Wohlbefinden, der Stress führt zu einer Verschlechterung bei der partnerschaftlichen Kommunikation“, sagt Zimmermann und fügt hinzu: „Der gesunde Partner kann seine eigenen Sorgen weniger äußern.“

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Vielfach gelinge es dennoch, sich nach der Diagnose zusammenzuraufen und für den Erkrankten da zu sein. Dabei sei es wichtig, Trost zu spenden, Mut zu machen, Probleme nicht kleinzureden, Körperkontakt zu halten und auch über andere Themen als Krebs zu sprechen. Die gemeinsame Bewältigung könne die Partnerschaft stärken, weil man eine Krise gemeinsam überstanden und erfahren habe, dass man sich auf den anderen verlassen könne.

Allerdings drohe nach überstandener Erkrankung mitunter auch die Entfremdung bis hin zur Trennung, wenn bei dem gesunden Partner der Wunsch nach Rückkehr zur Normalität wachse, während der erkrankte Partner den bisherigen Zustand aufrecht erhalten und weiter umsorgt werden möchte.

Dies alles gelte unabhängig davon, ob der gesunde bzw. erkrankte Partner männlich oder weiblich sei. Allerdings hat Zimmermann durchaus Unterschiede beim Umgang der Geschlechter mit einer chronischen Erkrankung ausgemacht. Danach ziehen sich Männer eher zurück oder nehmen die Krankheit fatalistisch hin, während Frauen sich eher Unterstützung suchen und dabei häufiger als Männer auch ihr soziales Umfeld einbeziehen.

Zimmermann plädiert dagegen dafür, die eigenen Gefühle zu zeigen, da dies dabei helfe, mit Stress und dem Krebs besser klarzukommen. Dabei sollte man den Partner nicht drängen, sondern ihn fragen, wie es ihm gehe und was man für ihn tun könne. Ihr Fazit: „Je klarer man sich ausdrückt, desto einfacher wird das Zusammenleben.“

Nicht wirklich weiter helfe dagegen die Einstellung, die eine 63-jährige Krebspatientin so auf den Punkt bringt: „Ich dachte, nach 40 Jahren Ehe muss er doch wissen, was ich denke, was ich fühle.“

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