Paris Macrons Schützling: Wer ist Frankreichs neuer Premier Gabriel Attal?
Mit der Ernennung des 34-jährigen Gabriel Attal zum neuen Regierungschef ist Präsident Emmanuel Macron eine Überraschung gelungen, obwohl er als eines der größten politischen Nachwuchstalente Frankreichs gilt. Die beiden verbindet einiges.
Bei seiner Silvesteransprache vor zehn Tagen hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für das anstehende Jahr die Devise der „Entschlossenheit“ ausgegeben. Wie schwer sie umzusetzen ist, illustrierte er seitdem mit der zögerlichen Ernennung eines neuen Premierministers. Nachdem entsprechende Gerüchte seit Tagen die Runde gemacht hatten, reichte die bisherige Regierungschefin Élisabeth Borne am Montagabend ihren Rücktritt ein, der in Wahrheit mehr einer erzwungenen Entlassung gleichkam. Dass die 62-Jährige an ihrem Posten hing, war bekannt. Doch Macron wollte einen Neuanfang angesichts der Unbeliebtheit seiner Regierung und einer Krise um das im Dezember mit Stimmen der extremen Rechten beschlossene, äußerst scharfe Migrationsgesetz.
Es wird davon ausgegangen, dass der Verfassungsrat noch im Januar einen Teil davon kassiert. Erst am Dienstagmittag wurde offiziell bestätigt, dass der bisherige Bildungsminister Gabriel Attal Borne nachfolgt – eine erstaunliche Verzögerung, die viel über Macrons Schwanken verriet. Denn mehrere Schwergewichte aus seinem Umfeld stemmten sich laut Insidern gegen seine Entscheidung, von denen viele in Attal einen gefährlichen Konkurrenten sehen.
Die Verfassung verbietet Macron bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2027 eine dritte Kandidatur. Das ruft viele Ehrgeizige auf den Plan, von Wirtschaftsminister Bruno Le Maire bis Ex-Regierungschef Édouard Philippe. Und eben auch Attal, trotz seines Alters. Mit nur 34 Jahren wird er der jüngste Premierminister der Fünften Republik, die 1958 begann. Auch deshalb ist seine Ernennung eine Überraschung, obwohl er als eines der größten politischen Nachwuchstalente Frankreichs gilt. Im Vorfeld zirkulierten eher die Namen anderer junger oder nicht mehr ganz so junger Männer aus dem nahen Umkreis des Staatschefs.
War Attal ab dem Teenageralter Mitglied der sozialistischen Partei, so schloss er sich 2016, ein Jahr vor der Wahl Macrons, dessen Bewegung an. Er wurde Regierungssprecher, dann beigeordneter Minister für Haushaltsfragen. Erst im vergangenen Juli folgte der Karrieresprung an die Spitze des Bildungsministeriums. Dort legte Attal einen viel beachteten Start hin, indem er ein Verbot für das Tragen des Übergewandes Abaya für muslimische Schülerinnen, einen harten Kampf gegen Mobbing und einen „Wissens-Schock“ ankündigte. Innerhalb kurzer Zeit stieg er zu einem der beliebtesten Politiker des Landes auf. Er sprach sowohl Wähler des linken wie des rechten Spektrums an.
Hat Macron ihn deshalb ernannt, auch auf die Gefahr hin, dass ihn sein eigener Zögling in den Schatten stellt? Er zähle auf Attals „Energie und Engagement“, betonte der Präsident gestern selbst. Macron wolle sich „an dessen Beliebtheit in den Umfragen anhängen“, spottete der Chef des rechtsextreme Rassemblement National, Jordan Bardella. Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon höhnte, Attal werde wieder zum Regierungssprecher, ohne eigenen Handlungsspielraum: „Der präsidentielle Monarch regiert allein mit seinem Hof.“
Vielleicht sind es aber auch gewisse Ähnlichkeiten zwischen beiden Männern, die die Beförderung erklären. Macron selbst war erst 39 und politisch relativ unerfahren, als er Präsident wurde. Beide gelten als charmant im Umgang und dennoch als einzelgängerisch. In einem langen Hintergrundartikel über „den stutzig machenden Monsieur Attal“ im Magazin „L’Express“ beschrieb diesen der Journalist Erwan Bruckert als Einzelkämpfer. „Nichts kann ihn aufhalten und er wagt alles“, sagte Bruckert nun über den jungen Minister. Mit Élisabeth Borne trat faktisch die gesamte Regierung zurück. Noch in dieser Woche soll ein neues Kabinett aufgestellt werden. Politische Beobachter bleiben skeptisch, ob dies Macron aus der aktuellen Krise zu helfen vermag. „Dass Frankreich einen neuen Premierminister hat, lässt die Menschen eher kalt“, sagte Eddy Vautrin-Dumaine vom Analyseinstitut Kantar Public. „Sie erwarten eher ein klares Ziel des Regierungshandelns.“ Was der Präsident und sein neuer Premierminister konkret vorhaben, sei zu diesem Zeitpunkt noch sehr unklar.