Folgen der Traktor-Blockaden Ostfriesische Krankenhaus- und Rettungskräfte behindert
Bauern fordern billigen Diesel. Deshalb haben sie Straßen blockiert – und mit ihren Traktoren auch Rettungswagen und Klinikmitarbeiter aufgehalten beziehungsweise behindert. Manche kamen nicht durch.
Ostfriesland - Montag, 8. Januar 2024, gegen 6.15 Uhr: Landwirte haben die Auricher Straße in Emden blockiert, im Bereich der Abzweigung nach Hinte. Innerhalb weniger Minuten staut sich der Berufsverkehr aus Fahrtrichtung Georgsheil auf mehreren Hundert Metern – so weit das Auge in der Dunkelheit blicken kann. Ein Polizeiauto trennt die Blechlawine von den ersten Treckern.
Von dort kommt eine Frau gelaufen, die aufgeregt gestikuliert und anderen Autofahrern ihr Leid klagt. Nicht einmal die Polizeibeamten könnten ihr helfen, erzählt sie gegenüber unserer Redaktion: „Sie können nichts für mich tun.“ Sie wollte an ihren Arbeitsplatz. Wie vermutlich fast alle anderen hier. Allerdings: Diese Frau arbeitet in der Notaufnahme des Emder Klinikums – und sie konnte sich entsprechend ausweisen.
Landwirte haben mit Blockade einen Emder Rettungswagen ausgebremst
Kurz vor dem Gespräch mit ihr war ein Rettungswagen aus Emden vorbeigefahren. Zumindest die letzte Trecker-Sperre stadtauswärts haben die Landwirte für das Fahrzeug mit Martinshorn und Blaulicht ohne Diskussionen geöffnet. Allerdings mussten erst noch die Autos dahinter aus dem Weg, die versucht hatten, auf der Gegenfahrbahn durchzukommen. Das war kurz vorher noch möglich.
Die Landwirte scherten zwar ab Suurhusen wiederholt nach links aus. Aber sie fädelten auch immer wieder in die rechte Spur ein. Die Kolonne mit ein paar Dutzend Traktoren, die Auricher und Norder Kennzeichen trugen, fuhr zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel schneller als Schritttempo. Bis sie auf Höhe der Landesstraße nach Hinte stoppten. Dort wurde kurz darauf der Rettungswagen ausgebremst. Die Emder Stadtverwaltung berichtet später, dass der Rettungsdienst „überall gut durchgekommen“ sei und es „keinerlei Zwischenfälle gab“.
Bauer gibt Straße für Klinikbeschäftigte frei – aber sie kommen nicht weit
Zu der Frau aus der Notaufnahme tritt eine zweite hinzu. Sie ist dahinter aus einem Auto gestiegen. Sie hat dasselbe Problem. Auch sie wird zur Frühschicht im Krankenhaus erwartet, kommt aber nicht weiter. Gemeinsam mit ihr sucht unsere Redaktion das Gespräch mit den Landwirten aus der ersten Traktor-Reihe. Einer fährt bereitwillig zur Seite. Vier Personenwagen dürfen durch – darunter die zwei Frauen. „Ihr müsst nur mit uns reden“, sagt einer der Demonstranten.
Trotzdem stellte sich die Frage: Was machen Ärzte und Pflegekräfte, wenn sie Dutzende Autos weiter hinten stehen? Oder eine Schwangere, die zur Entbindung muss?
Knapp 100 Meter weiter blockieren die nächsten Traktoren die Auricher Straße, überschlägig 15 bis 20 Stück. Vier Autos aus Richtung Hinte sind ebenfalls bis dorthin durchgelassen worden. Betroffene und unsere Redaktion suchen abermals das Gespräch mit den Bauern: Wie sollen die zwei Krankenhaus-Mitarbeiterinnen und andere hier durchkommen?
Sperre mit drei Traktoren – einer blockiert sogar den Rad- und Gehweg
Erneut vergehen einige Minuten. Im Zickzackkurs kommen die Autos bis an die letzte Straßensperre. Drei Landwirte haben nebeneinander geparkt, ein Traktor blockiert den Radweg und den halben Gehweg. Schließlich bequemt sich der mittlere Treckerfahrer ein paar Meter vorzufahren. Nur zwei Autos dürfen durch. Dann macht er wieder dicht. Unsere Redaktion hat die Landwirte an vorderster Front daraufhin ein zweites Mal angesprochen und gefragt, warum sie Leute aus dem Bereich der medizinischen Versorgung nicht endlich durchlassen – die Situation ist in einem Video festgehalten:
Mindestens eine Krankenhaus-Mitarbeiterin in diesem Stau hat umgedreht, weil sie offenbar keine Möglichkeit sah, bis zur Blockade vorzudringen. Das berichtete hinterher eine Kollegin, als unsere Redaktion kurz im Emder Klinikum vorbeischaute. Die Frau betonte aber, dass sie keinen Überblick habe, wie viele Beschäftigte zu spät oder nicht durchgekommen seien.
Rettungswagen infolge von Protestaktionen beschädigt
Unsere Redaktion hat bei der Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden angefragt, wie sich die Trecker-Blockaden auf die Arbeit ihrer Häuser ausgewirkt hat. „Die Protestaktion mit den resultierenden erhöhten Verkehrsaufkommen in spezifischen Bereichen erschwert sicherlich aktuell die Fahrt zur Arbeit und führt auch zu ungewohnten Verspätungen von einzelnen Kollegen“, antwortete die Pressestelle.
Die Auricher Kreisverwaltung ergänzte nach einer Anfrage unserer Redaktion per Pressemitteilung: „Beim Rettungsdienst kam es zu keinen größeren Behinderungen.“ Aber: „In Aurich gab es beim Passieren einer Absperrung einen kleineren Blechschaden.“ Und: „In Wiesmoor wurde die angeordnete Rettungsgasse zugestellt, sodass dort der Rettungsverkehr über den Radweg geleitet werden musste. Dort ist ein Rettungswagen mit einem Verkehrsschild kollidiert, wobei das Blaulicht zerstört wurde.“
Wittmunder Krankenhaus bestellte Mitarbeiter und Patienten früher ein
Daran anknüpfend berichtete die Wittmunder Kreisverwaltung: „Ein Fahrzeug der Rettungsdienst Wittmund gGmbH hatte Schwierigkeiten, sich durch die Demonstration in Wiesmoor hindurch zu bewegen. Einzelne Demonstrationsteilnehmer mussten von der Fahrzeugbesatzung persönlich angesprochen werden, machten dann aber den Weg frei.“
Das Krankenhaus Wittmund hatte wegen der Protestaktionen seinen „Frühdienst weitgehend etwas früher beginnen lassen, um diesen noch vor 6 Uhr“ – und damit vor Protestbeginn – „im Haus zu haben“, schrieb Geschäftsführer Kai Schasse. „Und Patienten wurden teils früher einbestellt. So konnten wir negative Einflüsse vermeiden.“
Bauern-Protest verlängerte Krankenhaus-Aufenthalte in Leer
Das Leeraner Borromäus-Hospital teilte mit, dass die Protest- und Straßen-Blockaden „nur wenig Einfluss auf die Arbeit“ des Krankenhauses gehabt hätten: „Vereinzelt sind Mitarbeitende aufgrund von Staus zu spät zur Arbeit gekommen. Dies war allerdings nicht so signifikant, dass es zu einer Störung des Klinikalltags führte. Auch die Kolleginnen und Kollegen aus der Spätschicht kamen weitestgehend reibungslos zur Arbeit. In der Notaufnahme kam es ebenfalls nicht zu nennenswerten Einschränkungen, die Rettungsdienste haben uns zurückgemeldet, dass Sie unser Haus weitestgehend ohne Probleme anfahren konnten.“
Das „Borro“ fügte hinzu: „Die heutigen Protestaktionen sorgen allerdings für einige Probleme bei der Verlegung von Patienten beziehungsweise bei Krankentransporten.“ Diese Rückmeldung habe die Klinik „unter anderem von den Taxi-Unternehmern bekommen“. Die Folge: „Dadurch können einige Patienten heute beispielsweise nicht zurück in Pflegeinrichtungen verlegt werden und müssen ihren Aufenthalt bei uns um einen Tag verlängern.“
Kreisverwaltung Leer meldet Verzögerungen bei Notfalleinsätzen
Ein Sprecher des kreiseigenen Klinikums Leer berichtete, dass es zu „vereinzelten Ausfällen“ von „pflegerischem oder ärztlichem Personal“ gekommen sei. Die Leeraner Landkreis-Verwaltung informierte: „Der Rettungsdienst ist in den meisten Fällen offenbar noch gut durchgekommen.“ Aber: „Bis zum Nachmittag wurden aus dem Kreisgebiet zwei Notfalleinsätze gemeldet, in denen es hingegen zu Verzögerungen kam: einmal in Rhauderfehn und einmal in Nortmoor.“ Ob diese Verzögerung „medizinisch relevant war“ oder „die Hilfsfristen dadurch überschritten wurden“, habe die Kreisverwaltung noch nicht in Erfahrung bringen können.
Den Nortmoorer Fall kannte die Polizei-Inspektion Leer/Emden nicht. Aus Rhauderfehn wusste sie von einer „ganz kurzen Verzögerung“. So sei das vom Rettungsdienst an die Leitstelle mitgeteilt worden. Es sei wohl um zwei Minuten gegangen. Der Vorfall führe „nach bisherigen Erkenntnissen“ aufgrund der „schnellen Lösung der Situation“ kein Verfahren nach sich.
Kamen die Emder Klinik-Beschäftigten vollends durch die Trecker-Sperren?
Zurück nach Emden, wo sich Krankenhaus-Beschäftigte am Montagmorgen von Trecker-Sperre zu Trecker-Sperre kämpften. Der folgende Video-Clip zeigt, ob die Landwirte sie vollends durchgelassen haben.