New Hampshire Frühere Trump-Vertraute Nikki Haley will in New Hampshire Trumps „Chaos“ stoppen
Schon in den ersten Vorwahlen im Januar könnten wichtige Entscheidungen fallen. Nikki Haley ist in New Hampshire Trump auf den Fersen und könnte ihren ehemaligen Chef bedrängen. Ein Besuch an Vorwahlveranstaltungen vor Ort.
Zum Träumen ist es in Amerika nie zu spät. Daran scheint auch New Hampshires republikanischer Gouverneur fest zu glauben. Der 49-jährige Chris Sununu ist in seinem Gliedstaat derart populär, dass er selbst mit einer Präsidentschaftskandidatur liebäugelte. Nun unterstützt er jedoch Nikki Haley, die ehemalige Gouverneurin von South Carolina und Trumps frühere Uno-Botschafterin, im Rennen um das Weiße Haus. Bei einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt im von Wäldern und einem Golfplatz umgebenen Country-Club der 7000-Seelen-Gemeinde Atkinson skizzierte er im Dezember seine Vision: „Wenn Nikki am 23. Januar in New Hampshire gewinnt, werden die ganzen Vorwahlen neu formatiert.“
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Im gut gefüllten Saal sitzen und stehen an diesem Donnerstagmorgen kurz vor Weihnachten vielleicht 300 Wähler, die meisten von ihnen Rentner, unter ihnen viele Frauen. Ihnen gefällt, was sie hören. Er und Haley hätten Donald Trump 2016 und 2020 unterstützt, holt Sununu aus. „Aber sind wir ein Land, das rückwärtsgeht? Nein, wir gehen immer vorwärts. Wir wollen eine neue Generation!“
Die Medien und die nationalen Umfragen gingen derzeit von einem klaren Sieg für Trump aus. Aber ein Erfolg für Haley in New Hampshire könne dies ändern: „Das ganze Land wird sich sagen: ,Moment mal, alles, was uns über diese Wahl erzählt wurde, ist falsch.‘“
Eine aktuelle Umfrage des Fernsehsenders CBS lässt Haley in New Hampshire zumindest hoffen. Trump führt laut den Angaben mit 44 Prozent zwar immer noch deutlich. Aber die Unterstützung für seine ehemalige Botschafterin stieg auf beachtliche 29 Prozent. Floridas Gouverneur Ron DeSantis liegt nur noch auf 11 Prozent, und New Jerseys ehemaliger Gouverneur Chris Christie verzeichnet 10 Prozent. Kurz nach Veröffentlichung der Umfrage versandte Haleys Wahlkampfteam eine Fundraising-E-Mail: „Wir sind Trump in New Hampshire auf den Fersen.“
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In Atkinson betritt Haley die Bühne zu „Eye of the Tiger“, der kämpferischen Boxer-Hymne aus dem dritten Rocky-Film. „Rising up to the challenge of our rival“ lautet eine Zeile darin. Und tatsächlich scheint die Tochter indischer Einwanderer die einzige Mitbewerberin zu sein, die es mit der Trumpschen Herausforderung annähernd aufnehmen könnte. Seit Monaten erzählt sie in ihren fast täglichen Wahlkampfreden eine überzeugende Geschichte in einem klaren Dreiklang: wie sie als gelernte Buchhalterin ihrem Heimatstaat South Carolina zu einem Wirtschaftsboom verhalf, wie sie bei der Uno die Feinde Amerikas das Fürchten lehrte und warum Trump keine gute Lösung mehr ist.
Innenpolitisch wirft Haley dem früheren Präsidenten vor, den öffentlichen Schuldenberg vergrößert zu haben. Außenpolitisch hält sie im Gegensatz zu Trump eine Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland für eminent wichtig für die gesamte Weltordnung: „Ein Sieg für Russland ist ein Sieg für China. Wenn die Ukraine gewinnt, gibt es keine chinesische Invasion in Taiwan.“
Um die Trump-Anhänger nicht zu vergraulen und für sich zu gewinnen, versucht es Haley zunächst mit einem Lob: „Trump war der richtige Präsident zur richtigen Zeit.“ Sie teile viele seiner Standpunkte. „Aber – ob zu Recht oder nicht – das Chaos verfolgt ihn.“ Und das Chaos, das die Demokraten im Land angerichtet hätten, ließe sich nicht durch ein republikanisches Chaos unter Trump beseitigen.
Immer wieder erhält Haley stehenden Applaus. Auch von Hellen, einer pensionierten Lehrerin, die ihren Nachnamen lieber für sich behält. Vor acht Jahren wählte sie Hillary Clinton, und vor vier Jahren gab sie Joe Biden ihre Stimme, beides Demokraten. Jetzt aber sagt sie: „Wir brauchen frisches Blut.“
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Haley gefiel Hellen bereits vor ihrem Auftritt in Atkinson. Nur etwas verunsicherte sie noch: ihre Position zum Recht auf Abtreibung. „Ich bin eine Befürworterin“, sagt Hellen. Haley ist eine Gegnerin, die sich an diesem Donnerstagmorgen für einen ausgewogenen Kompromiss ausspricht. „Lasst uns späte Schwangerschaftsabbrüche verbieten. Einigen wir uns, worauf wir uns einigen können.“ Gefragt nach dem Fall einer Texanerin, die ihren restriktiven Gliedstaat verlassen musste, um einen nicht überlebensfähigen Fötus abzutreiben, meinte Haley: „Mein Herz blutet für diese Mutter. Wir wollen keine Frau sehen, die ein Baby mit einer seltenen Krankheit austragen muss.“
Das überzeugte Hellen vollends. Sie ist in New Hampshire als unabhängige Wählerin registriert. Diese können ohne große Formalitäten an den republikanischen Vorwahlen teilnehmen. Nicht nur dort will Hellen nun Haley ihre Stimme geben. Gewinne Haley die konservativen Primaries, werde sie im Herbst lieber für die Republikanerin statt für Biden stimmen. Und auch ihren Bruder, der Trump gewählt hat, will sie überzeugen: „Ich glaube, ich muss ihn anrufen.“
Hellen ist kein Einzelfall. Haley spricht viele moderate Wähler an. Dies wäre im Herbst ein klarer Vorteil für sie. Trump liegt derzeit in den Umfragen ein paar Prozentpunkte vor Biden. In einer kürzlichen Umfrage des „Wall Street Journal“ besiegt Haley den Amtsinhaber hingegen um 17 Prozentpunkte. Sie nützt dies auch in Atkinson als Verkaufsargument: „Habt ihr nicht genug von diesen Zitterpartien?“, fragt sie das Publikum. Ein klares Wählermandat, so Haley, könne ihrer Partei auch in den Wahlen um den Senat und das Repräsentantenhaus helfen.
Auch Andrew Smith, der Leiter des Umfrageinstituts an der University of New Hampshire, sieht seinen Gliedstaat als entscheidenden Trendsetter. Noch vor New Hampshire wählt zwar Iowa am 15. Januar. Doch die Vorwahl in dem von evangelikalen Christen dominierten Agrarstaat im Mittleren Westen hat gewöhnlich keine großen Auswirkungen auf die folgenden Primaries. „New Hampshire ist viel wichtiger. Es bestimmt die Ausgangslage für die nächsten Vorwahlen“, bestätigt Smith. Im Gegensatz zum konservativen Iowa sei die Bevölkerung des Ostküstenstaats säkular geprägt. Biden gewann die Wahl 2020 in New Hampshire gegen Donald Trump mit knapp 53 Prozent der Stimmen. Wenn Haley selbst hier keine Überraschung gelingt, wird sie diese auch im Februar in ihrer Heimat South Carolina und in vielen anderen Gliedstaaten am entscheidenden „Super Tuesday“ im März kaum schaffen.
Ganz unwichtig ist Iowa dabei trotzdem nicht. DeSantis hat sich als der konservative Kulturkämpfer und Abtreibungsgegner schlechthin positioniert. Er bereiste sämtliche Wahlbezirke in Iowa, um die evangelikalen Herzen zu erobern. Trotzdem liegt er im Schnitt der Umfragen nur bei knapp 20 Prozent. „Wenn er in Iowa nicht besser abschneidet, werden ihn die Medien abschreiben“, glaubt Smith. Zieht sich DeSantis zurück, bliebe in New Hampshire nur noch Chris Christie als ernsthafter Nicht-Trump-Kandidat neben Haley übrig.
New Jerseys ehemaliger Gouverneur Christie wird in Iowa völlig chancenlos sein. Und auch nach New Hampshire hat der Politiker keinerlei Perspektiven. Trotzdem hält Christie bis anhin an seiner Kandidatur als ultimativer Trump-Kritiker fest. Bei einem Wahlkampfauftritt in New Hampshire im Klubhaus eines Veteranenverbandes in der Kleinstadt Londonderry griff er Haley erneut dafür an, dass sie Trump – diesen „Wahnsinnigen“ – nicht klar genug für amtsunfähig erkläre.
Im Gegensatz zu Christie versprachen Haley und die anderen Mitbewerber bei der ersten Fernsehdebatte im August, dass sie Trump bei der Präsidentschaftswahl im November unterstützen würden, sollte dieser die Vorwahlen gewinnen. Deshalb könne man ihnen nicht vertrauen, lautet Christies Botschaft. Sie kommt bei Jim Mastromarino gut an, der an der Bar im Klubhaus ein Bier trinkt. „Christie ist der einzige Kandidat, der Trump nicht in den Arsch kriecht“, meint der pensionierte Marinesoldat.
„Ich habe Trump zweimal gewählt“, sagt Mastromarino. Aber nach dem Sturm auf das Capitol vor drei Jahren könne er nicht mehr für ihn stimmen. Trump sei ein „insurrectionist“ – ein Aufständischer. Wenn der ehemalige Präsident und Biden im Herbst erneut zur Wahl ständen, werde er wohl zu Hause bleiben. „Die Mehrheit der Amerikaner will zwei neue Präsidentschaftskandidaten.“
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Zieht sich Christie in New Hampshire nicht aus dem Rennen zurück, wird er damit jedoch vor allem Trump helfen und Haley schaden, indem er die Anti-Trump-Stimmen spaltet. Mit ihm sind die Chancen auf eine bahnbrechende Überraschung in New Hampshire noch wesentlich kleiner.
Womit es Haley zu tun hat, zeigt sich an einem Samstagnachmittag im Universitätsstädtchen Durham. Trump mietete hier gleich das ganze Eishockeystadion der Hochschulmannschaft für sein Rally. Bereits Stunden vor seinem Auftritt bildet sich davor eine lange Schlange. Und ein junger Mann mit einer Gesichtsbemalung in den Farben der amerikanischen Flagge fordert die Menge immer wieder zu Sprechchören auf: „USA, USA, USA“ oder „Wir wollen Trump!“.
Nicht nur Rentner sind gekommen, auch viele Studenten. Die 20-jährige Erin etwa hat ihre Mutter Marlo mitgebracht, die im Marketing der Universität arbeitet. Beide wollen ihren vollen Namen nicht preisgeben. Marlo ist sich noch nicht sicher mit Trump. Seine Politik gefällt ihr, aber sein oft ruppiger Ton nicht. Ihre Tochter hingegen ist genau deshalb ein großer Fan: „Ich liebe es, dass Trump nie Angst davor hat, etwas zu sagen.“ Im Vergleich zu heute schien für sie unter dem ehemaligen Präsidenten alles besser. Er senkte die Steuern, hielt die Lebenskosten tief und bremste mit der Grenzmauer zu Mexiko die illegale Immigration. „Er hat es wunderbar gemacht und wird es wieder tun“, ist Erin überzeugt.
Sollte Trump die Vorwahlen gewinnen, will auch Marlo für ihn stimmen. Der von ihm angestiftete Sturm auf das Capitol ist für sie kein Grund, der ihn für das Amt des Präsidenten disqualifiziert. „Dann sollte Biden aufgrund seines mentalen Verfalls auch nicht wählbar sein.“ Die Welt sei unter Trump friedlicher gewesen: „Wir fühlten uns sicherer.“ Mit ihm im Weißen Haus hätten weder Russland noch die Hamas gewagt, einen Krieg anzuzetteln.
Marlo ist eine Wählerin, die Haley allenfalls noch für sich gewinnen könnte. Im Gegensatz zu ihr scheint die Mehrheit in der Schlange vor dem Stadion bereits vollständig in der Trump-Welt zu leben. So wie etwa Danielle, die mit ihrem 20-jährigen Sohn und ihrem Mann gekommen ist. Noch 2016 wählte sie Hillary Clinton. Aber die Covid-Pandemie und die Impfungen veränderten für sie alles. „Die Regierung zwang die Menschen dazu, sich eine Biowaffe zu injizieren.“ Das habe ihr die Augen geöffnet.
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Die USA seien von „Globalisten“ infiltriert worden, die nun in Washington und weltweit herrschten, ist Danielle überzeugt. Zu ihnen gehörten etwa der Investor und Philanthrop George Soros oder die Teilnehmenden des von Klaus Schwab geführten Weltwirtschaftsforums. Diese dunklen Kräfte wollten den Kommunismus nach Amerika bringen. Aus dieser wirren Sicht ist Russland für Danielle kein feindliches Land: „Auch Putin bekämpft die Globalisten.“
Danielle zweifelt auch nicht daran, dass der Sturm auf das Capitol von Agenten der Bundespolizei und linken Aktivisten angezettelt wurde. Aber die gute Nachricht sei: „Am Ende gewinnt Gott.“ Die USA befänden sich in einer „spirituellen Schlacht: Gut gegen Böse“. Trump selbst verspricht seiner Wählerschaft eine „finale Schlacht“, um die sogenannten Globalisten, Kommunisten und Faschisten zu verjagen oder gar wie „Ungeziefer“ zu vernichten.
Selbst mit einem Achtungserfolg in New Hampshire dürfte es Haley deshalb nur schwer gelingen, gegen Trumps eingeschworene Wählerschaft anzukommen. Manche gehen davon aus, dass ihr die gute Kampagne trotzdem nützen könnte, um sich als Vizepräsidentin oder Kandidatin für 2028 zu empfehlen. Der ebenfalls an der University of New Hampshire lehrende Politikprofessor Dante Scala kann sich aber auch ein anderes Szenario vorstellen: „Wenn Haley in ihrer eigenen Partei keine Heimat mehr sieht, könnte sie als unabhängige Kandidatin antreten.“ Schließlich ist sie bei der gesamten Wählerschaft beliebter als Trump und Biden. Um zu träumen, ist es in Amerika nie zu spät.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.