Ein Nachruf  Ihrhover Anton-Erich Brandt im Alter von 96 Jahren gestorben

Jan Brandt
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Von Jan Brandt
| 09.01.2024 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Der Ihrhover Anton-Erich Brandt ist am 4. Januar 2024 im Alter von 96 Jahren gestorben. Foto: Marco Schaa
Der Ihrhover Anton-Erich Brandt ist am 4. Januar 2024 im Alter von 96 Jahren gestorben. Foto: Marco Schaa
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Anton-Erich Brandt ist am 4. Januar 2024 mit 96 Jahren gestorben. Der Ihrhover führte ein Modegeschäft und war bis ins hohe Alter aktiv: bei der Band Mare. Sein Sohn, der Autor Jan Brandt, hat einen Nachruf geschrieben.

Ihrhove - Wie fasst man ein Leben zusammen, das so lange gedauert hat? Fast 100 Jahre Welt- und Landesgeschichte spiegeln sich in seiner Biografie. Geboren in der Weimarer Republik, aufgewachsen im Dritten Reich, gearbeitet im Wirtschaftswunderland und in Rente gegangen im wiedervereinigten Deutschland. Er hat den Krieg erlebt, zwei Währungsreformen, 14 Kanzler und eine Kanzlerin, er hat die Besatzung überstanden, die Teilung, die Studentenproteste, den Punk und die Pandemie.

Als Zehnjähriger war Anton-Erich Brandt Mitglied im Schulorchester in Ihrhove, das 1937 gegründet wurde. Er ist auf diesem Bild in der hinteren Reihe der Zweite von links. Foto: Privat
Als Zehnjähriger war Anton-Erich Brandt Mitglied im Schulorchester in Ihrhove, das 1937 gegründet wurde. Er ist auf diesem Bild in der hinteren Reihe der Zweite von links. Foto: Privat

Als er am 29. November 1927 zur Welt kam, war vieles gerade zum ersten Mal passiert, was uns heute selbstverständlich erscheint: George Lemaitre entwickelte die Urknalltheorie. Charles Lindbergh flog als erster Mensch nonstop von New York nach Paris. Und in Hollywood feierte der erste kommerzielle Tonfilm Premiere. Die Weltbevölkerung lag bei zwei Milliarden Menschen. Und einer davon war Anton-Erich Jan Brandt.

Per Hausgeburt auf die Welt gekommen

Er war eine Hausgeburt. Die Adresse der Entbindungsstation lautete Bahnhofstraße 107, Ihrhove (Ostfriesland). Anwesend waren die 25-jährige Mutter, Gesine Brandt, geborene van der Pütten, der 50-jährige Vater Johann Heinrich Brandt, die Gemeindeschwester Sophie – und im Nebenzimmer, von dem Geschrei im Haus unbeeindruckt, der zweieinhalb Jahre ältere Bruder Wolfgang, genannt Wolfi. Weil nicht einmal ein Jahr später noch eine Schwester hinzukam, Johanne, hieß Anton-Erich im Haus bald nur noch Brüderli oder Brüle.

Dieses historische Foto zeigt das Geschäft der Familie Brandt im Jahr 1961.
Dieses historische Foto zeigt das Geschäft der Familie Brandt im Jahr 1961.

Dass es diese Familie überhaupt gab, gleicht einem Wunder: Johann Heinrich, vom Kampfeinsatz im Ersten Weltkrieg schwer traumatisiert, eröffnete im Hyperinflationsjahr 1923 einen Gemischtwarenladen am Bahnhof Ihrhove. Er verkaufte Lebensmittel, Schuhe, Porzellan, Stoffe, Wolle, Unterwäsche, Arbeitskleidung und auf dem Lager Werkzeuge und Eisenwaren. Per Anzeige suchte er eine Verkäuferin, und als sich eine junge Frau aus Heisfelde bei ihm vorstellte, muss es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn schon wenige Wochen später gaben sie ihre Verlobung bekannt. Sie sei, so heißt es, die bessere Geschäftsfrau gewesen, ohne sie hätte er den Laden nicht durch Krieg und Nachkriegszeit gebracht. Und neben dem Einkauf, der Kundenbetreuung, dem Haushalt kümmerte sie sich wie selbstverständlich um die Kinder und um ihren zunehmend schwächer werdenden Mann. Anton-Erichs Kopf zierten zwei Male: eine braune Narbe an der Wange, eine Delle an der Schläfe. Die Narbe stammte von einem Fett-Unfall, als seine Mutter Flomen in heißem Fett anbriet und der Zweitgeborene nachschauen wollte, was es damit auf sich habe. „Und dann hat meine Mutter gleich ein paar Eier kaputtgehauen, zwei oder drei“, erzählte er später gerne, „die wussten sich zu helfen früher, und hat die Haut, nicht Eidotter oder Eiweiß, nur die Haut hat sie hier bei mir draufgelegt und ein Handtuch drumgewickelt und mich ins Bett gepackt.“ Die Delle rührte von einem Dachziegel her, den ihm ein Nachbarsjunge versehentlich an den Kopf geschmissen hatte, eigentlich hatte der damit Kastanien aus einem Baum herausholen wollen und nicht gesehen, dass Anton-Erich direkt darunter stand.

Brandt lernte das Spielen auf der Mandoline

Sein musikalisches Erweckungserlebnis war, als ein Musiklehrer aus Bremen in die Volkschule kam und fragte, wer ein Instrument lernen wolle. Anton-Erich entschied sich für die Mandoline. 1942 kam er in die Lehre, beim Modehaus Gröttrup-Mitte in Leer. Er war so klein, die Kollegen scherzten immer: „Man sieht ihn nicht, man hört ihn nur.“ Seine Zeit dort nahm ein unrühmliches Ende. Als er ins Stammhaus nach Loga versetzt wurde, befahl ihm die alte, schwerhörige Chefin eines Tages, die Fenster zu putzen. „Nee, Froo Gröttrup“, habe er daraufhin zu ihr gesagt, „de putz ik mörgen.“ – „Watt hebbens secht?“ Sie hob ihr Hörrohr ans Ohr. „Mörgen froh. Nu schient ja de Sünn darup.“ Am nächsten Tag wurde er entlassen.

Seine Musterung hatte ergeben, dass er „nicht kv“ sei – nicht kriegsverwendungsfähig. Und so kam er im Zuge einer Dienstverpflichtung zur Maschinenfabrik Kramer. Dort wurden Bleche für die Luftwaffe gestanzt. Wenn er über dieses Erlebnis sprach, sagte er immer: „Das war die Mördergrube meiner Jugend.“ Als er dort anfing, wog er 125 Pfund, nach drei Monaten waren es nur noch 80. Seine „Rettung“, wie er erklärte, war die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst nach Bremen-Lesum am 30. Dezember 1944. In den Baracken bei der Villa Marßel arbeitete er auf der Schreibstube, Abteilung Postordonnanz. „Wenn Fliegeralarm war, haben wir in Erdlöchern gehaust.“ Vor den heranrückenden alliierten Truppen flüchtete er mit dem Fahrrad erst nach Tornesch bei Pinneberg, dann zu Fuß zurück über Glücksstadt, Wischhafen, über Bederkesa nach Blexen, und von dort über Wittmund und Wiesmoor nach Heisfelde, wo er vor Erschöpfung einen Tag durchschlief, bevor er mit der Fähre nach Esklum übersetzte. Als er sein zu Hause erreichte, war das Geschäft geplündert, die Eltern lebten bei den Nachbarn, in der Wohnung war, wie er immer sagte, „polnische Besatzung“.

Fußball und Handball bei Concordia Ihrhove

Seine Mandoline nahmen die abziehenden Soldaten mit, aber er ließ sich das Musizieren nicht vermiesen und trat in den Männerchor ein, in dem damals vor allem Lehrer mitwirkten – und Walter Buskohl, der Vater des Gitarristen Carl Carlton. Auch sportlich war er aktiv, spielte Fußball und Feldhandball bei Concordia Ihrhove. In den frühen Fünfzigerjahren hospitierte er bei Leffers in Oldenburg, um mal aus Ostfriesland herauszukommen, und arbeitete ein halbes Jahr als Verkäufer bei der Strickwarenfirma Kahlen in Bad Zwischenahn. Alle zwei Wochen besuchte er seine Eltern und nahm bei dieser Gelegenheit Pullover, Troyer und Bostrocken aus dem Werk mit – der Beginn seiner eigenen Kaufmannskarriere. Sein Bruder Wolfgang hatte die Bundesrepublik kurz zuvor verlassen, war mit seiner Familie nach Kansas City, Missouri, ausgewandert, wo ein Onkel lebte, der ihm dort eine Farm besorgt hatte, und seine Schwester hatte einen Finanzbeamten geheiratet. Anton-Erich übernahm das elterliche Geschäft und führte sofort einige Änderungen durch: Er kaufte sich einen VW-Käfer und fuhr damit über Land, um die Leute mit Textilien zu beliefern. Er übernahm die Buchhaltung, und als sein Vater starb, rückte er auch offiziell an dessen Stelle.

Silvester 1957 nahm sein Leben eine dramatische Wendung. Mit einem Bekannten hatte er bei Buschmann in Leer feiern wollen, aber da gefiel es ihm nicht, und er kehrte zu seinen Freunden zurück, die in der Hajo-Unken-Straße wohnten. Kaum war er da, hörte er Musik und Gesang heraufdröhnen, und so ging er um kurz vor Mitternacht die Treppe hinunter, um bei Familie Vosberg seinen Tenor zur Entfaltung zu bringen. „Da war Stimmung, da habe ich gedacht, hier bleibst du.“ Zumal er ein Auge auf eine der anwesenden Frauen geworfen hatte – Helene Vosberg, die, wie sich herausstellte, als Chefsekretärin bei Bünting arbeitete, eine gute Partie. Einen Monat später begegneten sie sich beim Euterpe-Ball im Schützengarten an der Heisfelder Straße wieder – und ab da war es um beide geschehen. Sie heirateten 1961. Helene gab ihre Stellung auf, zog nach Ihrhove und begann, sich mit ganzer Kraft dem Brandt’schen Geschäft zu widmen. Es folgten mehrere Umbauten, und im gleichen Maße, wie sich der Laden vergrößerte, verkleinerte sich die Bandbreite des Sortiments. Ab den 1970er Jahren, als ringsum in der Gegend Supermärkte eröffneten, hatten sie sich ganz auf „Plünnen“ spezialisiert, und über der Bahnhofstraße leuchtete die orangefarbene Leuchtschrift in den Abendhimmel hinein: „Textil- und Mode Brandt“.

Sie riefen „Dein Opa ist da“

Zusammen bekamen sie vier Kinder: Heiko, Uwe, Silke – und mich. Uwe starb kurz nach der Geburt, er hatte einen offenen Rücken. Aber aus den anderen, heißt es, sei etwas geworden. Das ist die Zeit, in der meine Erinnerung einsetzt, an meine Eltern und Geschwister, an das große Geschäftshaus an der Bahn, an das Klirren der Tassen im Schrank, wenn ein Zug vorbeidonnerte, und an Onkel Wolfi, der mehrmals im Jahr aus Amerika anreiste, um in Westdeutschland Souvenirs zu kaufen, Wandteller, Kuckucksuhren und Hummelfiguren, und sie in Kansas City wieder zu verkaufen – ein einträgliches Geschäft, bis der Zoll dem ein Ende bereitete.

Beim 70-jährigen Bestehen (von links): Annegret Brandt, Helene Brandt, Anton-Erich Brandt und Philipp Lüpkes. Fotos: Archiv
Beim 70-jährigen Bestehen (von links): Annegret Brandt, Helene Brandt, Anton-Erich Brandt und Philipp Lüpkes. Fotos: Archiv

Was mein Vater von anderen Vätern unterschied, war sein Alter, schließlich war er 47 Jahre älter als ich. Bei Fußballspielen riefen meine Mannschaftskameraden mir jedes Mal zu „Dein Opa ist da!“, sobald sie ihn am Spielfeldrand entdeckten. Herausragend war auch sein Temperament. Er bereicherte jedes Fest durch Gesangseinlagen oder Ansprachen. Manchmal, und das war uns Kindern besonders unangenehm, stellte er sich, der besseren Verständlichkeit wegen, dafür sogar auf einen Tisch. Anfang der Neunziger Jahre trat er dem Zupforchester Leer bei und ließ seine Leidenschaft fürs Mandoline-Spiel wieder aufleben. Das Modegeschäft übernahm meine Schwester, mein Bruder begann, das alte Lagerhaus nebenan zu renovieren, und ich zog zum Studium nach Köln, London und Berlin. Von da an sahen wir uns nur noch selten. Anfangs brauchten wir Distanz – ein Generationenkonflikt, in dem unterschiedliche Welt- und Wertvorstellungen aufeinanderprallten –, aber im Alter näherten wir uns wieder an.

Gemeinsam mit dem Vater auf Tour

In seinen letzten Lebensjahren, als er die Mundharmonika für sich entdeckt und mit zwei wesentlich jüngeren Musikern eine eigene Band gegründet hatte, Mare, gingen wir sogar zusammen auf Tour. Ich las aus meinen Büchern, er spielte Ostfriesenlieder und erhielt so viel Applaus dafür, dass ich kaum noch zum Vorlesen kam. Während der Pandemie, kurz vor ihrer Diamantenen Hochzeit, starb meine Mutter an einem Schlaganfall. Vor Trauer verlor er den Lebensmut, zeitweise war er sogar im Altenheim, aber die Liebe zur Musik und die Zusprache seiner Bandmitglieder sorgte für ein Comeback. Kaum waren die Corona-Beschränkungen gefallen, hatten sie wieder 50 Termine auf ihrem Spielplan, und Vater schwang sich vor Freude auf sein E-Bike und fuhr damit kilometerweit über die Dörfer, durch den Hammrich zum Deich und zurück und erzählte jedem, den er unterwegs traf, Döntjes aus seinem Leben. „Ostfriesland-Nahverkehr“, nannte er das. Samstags traf man ihn bei Multi Süd im Die-Welt-gehört-dem-der-sie-genießt-Café, wo er neue Freunde gefunden hatte.

Reemt Neemann (links, 74 Jahre) und Anton-Erich Brandt treten gern noch öffentlich auf und spielen.
Reemt Neemann (links, 74 Jahre) und Anton-Erich Brandt treten gern noch öffentlich auf und spielen.

Mein Vater verstand es immer wieder, die Welt zu genießen, trotz aller Schicksalsschläge, von denen auch er nicht verschont wurde: Herzinfarkt und Schlaganfall, der Untergang seines Modegeschäftes, der Tod seiner Geschwister, seiner Freunde, seiner Frau. Wenn ich heute darüber nachdenke, was ihn so alt hat werden lassen, dann ist es dies: Musik, Bewegung, ausgewogene Ernährung, das Festhalten an Routinen und ein reges, sich stets erneuerndes Sozialleben. Er hatte keine Scheu vor Menschen und verstand es, jeden für sich einzunehmen, so auch an seinem 96. Geburtstag, den er vor vier Wochen noch im Ulenhoff feierte.

Er ist eine große Legende

Als er an Silvester am Telefon meinte, es gehe ihm nicht gut – ich war nach den Feiertagen wieder nach Berlin zurückgekehrt –, machte ich mir keine Gedanken. Ich dachte, am nächsten Tag, im neuen Jahr, sei er wieder wohl auf, aber wie sich herausstellte, hatte er einen leichten Herzinfarkt und kam ins Krankenhaus. In der Erwartung, ihn wieder nach Hause zu bringen, reiste ich an – und fand ihn stark geschwächt vor. Er wollte immerzu „nach oben“, weil er dachte, er sei zu Hause, und oben war sein Schlafzimmer. In der Nacht ist er für immer eingeschlafen. Er ist jetzt oben – wo immer das ist. Und wir sind hier unten geblieben, um uns seine Geschichten zu erzählen und seine Lieder zu singen. Und um an ihn zu denken, daran, was er ist: eine große Legende.

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