Kommentar zur Klinikplanung  Zwei Krankenhäuser in Leer konkurrierend zu betreiben, ist unklug

Andreas Ellinger
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Ein Kommentar von Andreas Ellinger
| 03.01.2024 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Klinikum Leer betreibt einen Verdrängungswettbewerb. Archivfoto: Ortgies
Das Klinikum Leer betreibt einen Verdrängungswettbewerb. Archivfoto: Ortgies
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In der Stadt Leer konkurrieren eine Kreisklinik und ein kirchliches Hospital miteinander. Statt gemeinsam alles dafür zu tun, dass die Bevölkerung bestmöglich medizinisch versorgt wird. Ein Kommentar.

Ostfriesland - Wenn politisch angestrebt wird, die Zahl der Krankenhäuser zu reduzieren, wie das die Bundesregierung aktuell tut, dann beschleicht einen als Bürger und möglichen Patienten ein ungutes Gefühl. Inwieweit wird die Strukturreform aus medizinischen Gründen betrieben, inwieweit ist sie vom Sparwillen geprägt?

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Es steht zu befürchten, dass die Kostengründe bezüglich der Schließung von Klinikstandorten überwiegen. Gleichzeitig kann tendenziell ein Bemühen unterstellt werden, wenigstens medizinisch das Beste aus der (finanziellen) Situation zu machen – wobei es in mancher Hinsicht sogar gelingen kann, medizinische Verbesserungen zu erzielen.

Der Krankenhaus-Wettbewerb in Leer ist aberwitzig

Die Wohnortnähe der medizinischen Versorgung, insbesondere in der Notfallversorgung, mag dank des Fortschritts in der (mobil einsetzbaren) Medizin-Technik und im Zeitalter der Rettungshubschrauber an Bedeutung verloren haben. Völlig egal geworden ist die Entfernung stationärer Versorgungsmöglichkeiten und die Dauer eines Notfall-Transports jedoch trotzdem nicht. Im Ergebnis ist und bleibt es eine Abwägungsfrage, wie eng das Netz stationärer Angebote sein muss.

Aberwitzig erscheint es allerdings, in einer 35.000-Einwohner-Stadt wie Leer zwei Krankenhäuser miteinander konkurrierend zu betreiben. Der Geist des kirchlichen Borromäus-Hospitals mag ein anderer sein als der des landkreiseigenen Klinikums – das jedenfalls behaupten manche Mütter, die sich für die Geburt ihres Kindes bewusst für das eine oder andere der Krankenhäuser entschieden haben.

Das Kooperations-Gebot in der medizinischen Versorgung

Es gibt sicherlich noch mehr Gründe, an der Tradition der beiden Kliniken in Leer festzuhalten. Doch eine engere Kooperation und eine wirtschaftlich faire Aufteilung der Leistungsspektren ist mit Blick auf eine medizinische Spezialisierung und das allenthalben notwendige Kostenbewusstsein überfällig – und nicht erst geboten, seit die Bundesregierung mit einer neuen Krankenhausreform die nächste Schließungsrunde für Klinik-Standorte einläutet.

Die ausbleibenden Antworten des Borromäus-Hospitals und die inhaltslosen Antworten des Klinikums zu Fragen bestehender Leistungsspektren und künftiger Kooperation, deuten nicht darauf hin, dass die Geschäftsführungen an einer Optimierung eines gemeinsamen medizinischen Angebots besonders interessiert wären oder gar daran arbeiten würden.

Bestmögliche Versorgung der Bevölkerung müsste das Ziel sein

Dieses Vorgehen und die dabei gepflegte Intransparenz ist schäbig, weil die bestmögliche stationäre Versorgung der Bevölkerung das gemeinsame Ziel sein müsste. Die Krankenhaus-Versorgung einer Bevölkerung, der das kreiseigene Klinikum und – was den entsprechend kirchlich organisierten Teil der Bürgerschaft betrifft – auch das Hospital gehört.

Betreibt insbesondere die Klinikums-Geschäftsführung einen Verdrängungswettbewerb? Der bauliche Expansionskurs kann als äußerlich sichtbares Zeichen dafür gewertet werden – die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse als Indiz dafür, dass das Kreiskrankenhaus den Konkurrenzkampf erfolgreich führt.

Der kreisübergreifende Konkurrenzkampf ostfriesischer Kliniken

Offensichtlich ist, dass das Klinikum Leer einen Konkurrenzkampf gegenüber dem Klinikverbund Aurich-Emden-Norden führt. Das medizinisch umstrittene Bestreben des Klinikums, was ein neurologisches Angebot betrifft, könnte nicht nur für den bisherigen Klinikverbunds-Standort Emden wirtschaftlich nachteilig sein. Im ungünstigsten Fall ist das gleichzeitig für das Klinikum unlukrativ.

Vor allem aber könnte eine Aufteilung der neurologischen Patienten aus einer Region wie Ostfriesland dazu führen, dass die Ärzte an beiden Standorten weniger fachliche Routine ausbilden können. Die Befürchtung: Das könnte sich auf die Behandlungsqualität insgesamt negativ auswirken.

Jetzt ist politisch kluges und verantwortungsbewusstes Handeln gefragt

Politisch verantwortlich für das Handeln des Klinikums Leer sind der Kreistag des Landkreises Leer und Landrat Matthias Groote (SPD), der dem Aufsichtsrat des Krankenhaus-Unternehmens vorsteht. Die oft mit einem Jahreswechsel verbundenen guten Vorsätze und die anstehende Krankenhausstrukturreform könnten Anlässe sein, das bisherige Vorgehen zu überdenken.

In Leer zwei Krankenhäuser in Konkurrenz zueinander zu betreiben, ist in der Sache absurd. Landkreis und Kirche müssten einzig bestrebt sein, die Bevölkerung medizinisch möglichst gut zu versorgen. Mit Blick auf die anstehende Klinikreform ist der Wettbewerb obendrein strategisch unklug.