Pegel weiter kritisch  Hochwasser im Nordwesten – so ist die Lage

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 29.12.2023 14:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Absperrbake steht in der Huntemarsch bei Oldenburg auf einem Feldweg. Über das Bümmersteder Fleth in der Huntemarsch wird eine dringend notwendige Entlastung der Hunte vorgenommen. Foto: Dittrich/DPA
Eine Absperrbake steht in der Huntemarsch bei Oldenburg auf einem Feldweg. Über das Bümmersteder Fleth in der Huntemarsch wird eine dringend notwendige Entlastung der Hunte vorgenommen. Foto: Dittrich/DPA
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Auch am Freitag bleibt die Hochwasserlage in Niedersachsen weiter angespannt. Eine zentrale Frage ist, wie viel Regen herunterkommt.

Ammerland/Oldenburg/Meppen - Während sich die Hochwasser-Lage in Ostfriesland nach dem Abflauen der Weihnachtsflut ein wenig entspannt hat, sind die Sorgen an anderen Orten im Nordwesten und in Niedersachsen weiter groß. In sechs Landkreisen, darunter auch die Landkreise Oldenburg und Emsland, sowie in der Stadt Oldenburg ist mittlerweile ein außergewöhnliches Ereignis festgestellt worden. Dies ermöglicht es beispielsweise, einfacher auf Hilfskräfte zuzugreifen.

So hat die Stadt Oldenburg etwa nach Hubschrauberunterstützung angefragt, berichtet Pressesprecher Stephan Onnen im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Lage sei nach wie vor angespannt. „Das wird uns auch in den kommenden Tagen auf Trab halten.“ Zwar steige der Pegel der Hunte nicht mehr weiter, er verharre allerdings auf hohem Niveau. Sorge bereite demzufolge die Dauerbelastung der Deiche. „Nach acht Tagen kommen wir in eine kritische Phase, wie Experten urteilen, da die Deiche mehr und mehr durchweicht sind.“

Betretungsverbot für Deiche in Oldenburg und dem Ammerland

Reagiert hat die Stadt auf die derzeitige Lage damit, dass das ausgesprochene Betretungsverbot für die Deiche bis zum 7. Januar verlängert wurde. Auch wurden Onnen zufolge als Vorsichtsmaßnahme 70 Bäume entlang der Deiche gefällt. Die Stadt befürchtete, dass bei einer Entwurzelung der Bäume Deiche beschädigt werden könnten. Ein Hauptaugenmerk der Einsatzkräfte liege derzeit auf der Situation im Bereich Achterdiek, der gelegen zwischen Hunte und dem Küstenkanal besonders bedroht sei. An gefährdete Haushalte am Achterdiek und an der Sandkruger Straße habe die Stadt gezielt Sandsäcke ausgegeben

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Mitarbeiter der Stadtgrünpflege in der Stadt Oldenburg fällen im Bereich der Hunte am Achterdiek mehrere Bäume auf dem Deich. Experten des NLWKN befürchten, dass die Bäume in dem aufgeweichten Deich nicht mehr genügend Halt finden. Foto: Dittrich/DPA
Mitarbeiter der Stadtgrünpflege in der Stadt Oldenburg fällen im Bereich der Hunte am Achterdiek mehrere Bäume auf dem Deich. Experten des NLWKN befürchten, dass die Bäume in dem aufgeweichten Deich nicht mehr genügend Halt finden. Foto: Dittrich/DPA

Ein Betretungsverbot für die Deiche hat auch der Landkreis Ammerland ausgesprochen, da der hohe Wasserstand sowie eine starke Strömung die Deiche im Kreisgebiet stark beanspruchten. Insbesondere in der Gemeinde Apen seien die Deiche durch das langsame Aufweichen in ihrer Schutzfunktion gefährdet, teilt die Kreisverwaltung mit. „Um in diesem Bereich weitere Vorsorge zu treffen, habe ich mit einer Allgemeinverfügung das Betreten und Befahren der Deiche im gesamten Kreisgebiet Ammerland verboten. Hierdurch sollen Beschädigungen verhindert und damit die Gefahr eines Dammbruchs reduziert werden“, wird Landrätin Karin Harms zitiert. Die Freiwilligen Feuerwehren sowie die Hilfsorganisationen arbeiteten die örtlichen Lagen zusammen mit den Gemeinden koordiniert und zuverlässig ab, sodass größere Überschwemmungen bisher hätten verhindert werden können, heißt es weiter.

Die Hochwasserlage im Landkreis sei allerdings nach wie vor angespannt, aber stabil. Die Pegelstände würden sinken, wenn auch teilweise nur langsam, teilte die Kreisverwaltung auf Anfrage mit. Der Tideabzug Richtung Nordsee funktioniere wieder, so dass der Druck auf die Deiche im Bereich Apen/Augustfehn deutlich nachgelassen habe und hier derzeit keine Probleme drohten. Der Pegelstand im Polder in Petersfehn konnte aufgrund der getroffenen Maßnahmen in den letzten 24 Stunden um mehrere Dezimeter gesenkt werden. Auch die Pegelstände an der Aue würden weiter sinken, so dass perspektivisch auch mit einer deutlich entspannteren Situation am Zwischenahner Meer gerechnet werden können. Diese Annahmen gelten nur im Zusammenhang mit den derzeit prognostizierten moderaten Niederschlägen, schränkt die Verwaltung ein.

Altenheim in Meppen evakuiert

Angespannt ist die Hochwasserlage nach wie vor auch im Emsland. In Lingen mussten erste Häuser evakuiert werden, in Meppen bereiten sich Einsatzkräfte auf die Evakuierung des Stadtteils Esterfeld vor. Wenig hilfreich war dabei auch ein schweres Gewitter, teils mit Hagel, das sich am Freitag um die Mittagszeit über der Kreisstadt austobte. Durch aufgeweichte Deiche besteht an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet weiterhin Überschwemmungsgefahr, wie die Stadt am Freitag mitteilte. Zur Unterstützung der Einsatzkräfte ist am Morgen die Leeraner Kreisfeuerwehrbereitschaft Nord nach Meppen ausgerückt. 130 Einsatzkräfte aus dem Kreis Leer sind nun im Emsland im Einsatz.

Sven Lammers, stellvertretender Leiter der Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Feuerwehr, blickt am Donnerstag auf den durchweichten Emsdeich bei Meppen. Foto: Penning/DPA
Sven Lammers, stellvertretender Leiter der Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Feuerwehr, blickt am Donnerstag auf den durchweichten Emsdeich bei Meppen. Foto: Penning/DPA

Ein direkt an der Ems liegendes Altenheim in Meppen ist aufgrund des Hochwassers vorsorglich evakuiert worden. Insgesamt 52 Bewohnerinnen und Bewohner seien am Donnerstagabend mit Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes aus dem „Haus Emsblick“ gebracht worden, sagte die Pressesprecherin der Stadt, Petra Büter, am Freitag.

Kein Böllerverbot wie in Bremen

Im Landkreis Oldenburg ist aktuell die Huntebrücke in Astrup komplett gesperrt. Zudem bedrohen die Fluten das Oldenburger Wasserwerk und eine Kläranlage, wie Pressesprecher Oliver Galeotti auf Anfrage berichtet. „Trotz der hohen Wasserstände ist derzeit alles noch kontrollierbar, sowohl in Sandkrug als auch in Wildeshausen“, sagt er. Die Deiche müssten aber weiter geschützt werden. Auch dafür waren am Donnerstag rund 450 ehrenamtliche Kräfte im Einsatz. Unterstützung gab es am Freitag aus der Wesermarsch und aus Delmenhorst.

Ein Feuerwerksverbot, wie es mittlerweile die von der Flut stark betroffene Gemeinde Lilienthal im Landkreis Osterholz und die Stadt Bremen in den Ortsteilen Borgfeld und Timmersloh sowie in Teilen von Oberneuland erlassen haben, wird es für den Landkreis Oldenburg nicht geben. „Auch wenn wir ein außergewöhnliches Ereignis festgestellt haben, gibt uns das keine Weisungsbefugnis über die Kommunen“, erläutert Galeotti. Somit müssten dies weiter die einzelnen Gemeinden entscheiden. Böllerverbote im Landkreis seien ihm allerdings nicht bekannt. Er appelliere dennoch an die Vernunft der Leute. So hält es auch die Stadt Oldenburg, wie Sprecher Onnen bestätigt.

Weiterer Regen ist wahrscheinlich

Und so bleibt es beim Appell des niedersächsischen Umweltministers Christian Meyer, der sich angesichts der Hochwasserlage in vielen Teilen des Landes für ein Verzicht auf das Böllern in den betroffenen Regionen ausspricht. Dort sollte man stattdessen etwa auf organisierte Feuerwerke setzen, sagte der Grünen-Politiker am Freitag in Hannover. Dadurch könnten weniger Einsätze für die stark beanspruchten Kräfte anfallen. Landesbranddirektor Dieter Rohrberg betonte, an Silvester sei die Einsatzfrequenz ohnehin sehr hoch. Eine Regierungssprecherin sagte, man habe sich gegen ein allgemeines Böllerverbot entschieden, weil viele Bürgerinnen und Bürger verantwortungsvoll damit umgingen.

Nach Tagen des Hochwassers kommt auf Niedersachsen am Freitag voraussichtlich weiterer Regen zu. Es könne wiederholt zu Schauern und vereinzelt Gewittern kommen, hieß es in einer Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes (DWD). In Südniedersachsen sei es generell regnerisch am Freitag.

Mit Material von DPA

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