Perleberg  Todkranker Daniel und seine Familie erleben ein Weihnachtswunder

Hanno Taufenbach
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Von Hanno Taufenbach
| 22.12.2023 15:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Daniel Gerike überrascht seine Ärzte. Der schwer an Krebs erkrankte Familienvater aus Prignitz in Mecklenburg-Vorpommer kann wieder alleine atmen und wird nicht mehr künstlich ernährt. Nach dem ersten Anruf weinen seine Töchter vor Glück. So feiert die Familie Weihnachten.

Noch immer fließen bei Jenny Gerike während unseres Telefonats die Tränen. Aber anders als in unserem ersten Interview Mitte Oktober sind die Tränen der Sorge und des Schmerzes denen der Freude gewichen. Ihrem Mann Daniel geht es besser.

Der 35-Jährige aus Prignitz in Mecklenburg-Vorpommern war dem Tod näher als dem Leben. Der Krebs wütete in seinem Körper, raubte ihm die Energie, aber konnte nicht Daniels Lebensfunken auslöschen.

Nur eine Stammzellentherapie konnte ihn retten und selbst dann sahen die Ärzte am Universitätsklinikum in Hamburg seine Überlebenschance bei nur zehn Prozent. Jetzt sind sie überrascht.

Sie sprechen von „erstaunlichen Fortschritten“, sagt Jenny. In dieser Woche wurde die Magensonde entfernt, er kann wieder essen und trinken. „Er bekommt zwar nur Brei, aber das ist ein Fortschritt.“ Noch mehr freut es sie, dass Daniel nicht mehr künstlich beatmet wird.

Früher als geplant konnten ihn die Ärzte von der Maschine nehmen, die gelegte Kanüle aus der Luftröhre entfernen. „Er atmet wieder selbstständig.“ Jenny kann es kaum fassen und hat nur eine Erklärung dafür: „Ich glaube, sein Wille hat Berge versetzt.“ Daniel wollte unbedingt wieder sprechen. „Das Lippenlesen hat bei uns gar nicht funktioniert“, verrät sie. Daniel hatte nicht die Kraft, Worte richtig zu formen, und sie selbst sei nicht geschult darin.

Kaum dass er sprechen konnte, griff Daniel zum Telefon und rief seine beiden Töchter an. Es war ihr erstes Gespräch nach so vielen Wochen. Die Stimme rau und fremd. „Oh, Papa kann wieder reden“, waren so ziemlich die einzigen Worte der zehnjährigen Frida. Sie und die erst sechsjährige Matilda standen unter Schock. „Es dauerte Minuten, bis sie begriffen, dass es mit ihrem Papa wieder vorangeht. Dann fingen sie an zu weinen.“

Noch vor zwei Wochen sei das alles unvorstellbar gewesen. In der Nacht zu Donnerstag konnte sogar erstmals die Dialyse eingestellt werden. „Er hat sich noch gar nicht gemeldet, wie es ihm jetzt geht“, sagt Jenny am Morgen danach. Sie sei aber nicht nervös. „Er liegt auf der Intensivstation. Es ist immer hell, rundherum piepen Geräte. Manchmal schläft er erst morgens ein. Dann kommen Visite und Physiotherapie. Er ist gut beschäftigt.“

Der Umzug auf die Onkologie sei der nächste Schritt, den sie alle herbeisehnen. Mehr Ruhe zum Schlafen, ein schöneres Zimmer und vor allem mehr Besuchsmöglichkeiten. Die seien auf der Intensivstation stark eingeschränkt, es dürfen auch nur zwei Personen gleichzeitig sein. Seine Mädels werden ihren Papa aber auch dort nicht besuchen dürfen. „Vielleicht machen die Schwestern Heiligabend eine Ausnahme“, hofft Jenny im Stillen. Nur mal für zwei, drei Minuten. Das wäre fantastisch.

Natürlich wollen sie ihn alle zu Weihnachten besuchen. Für die Familie wird es das erste Fest in Hamburg. „Wir sind jedes Jahr in die Prignitz gefahren, haben zu Hause in Berge und Neuhausen mit unseren Familien gefeiert.“ Jetzt musste sie sogar einen Tannenbaum kaufen, einen künstlichen, verrät die Naturfreundin.

Daniels Eltern werden kommen, seine Schwester, die auch die Stammzellenspenderin war, lebt in der Hansestadt. Am Nachmittag planen sie den Besuch eines Gottesdienstes und danach ist Bescherung. Die Kinder freuen sich darauf, denn anders als erwartet wird es ein tolles Geschenk geben.

Sie teilen sich ein kleines Zimmer mit zwei Betten und der Platz wird knapp. Anfang des Jahres entschied die Familie, zu Weihnachten gibt es Hochbetten mit einem Schreibtisch darunter. Doch dann wurde Daniel krank, sein Verdienst fehlt der jungen Familie. Finanziell wurde es eng. „Ich sagte den Kindern, dass der Weihnachtsmann in diesem Jahr keine großen Geschenke bringen kann.“

Jenny konnte nicht ahnen, dass die Welle der Hilfsbereitschaft weit über die moralische Anteilnahme hinausgehen würde. Es gab monetäre Spenden, zuletzt vom Lions Club Perleberg. Allein der spendete 1000 Euro für die Familie. „Wir haben das Zimmer gemalert, ich konnte die Betten und sogar noch Zubehör wie eine Pinnwand kaufen“, freut sich Jenny. „Ich möchte allen unseren Unterstützern danken. Ohne ihre Spenden wäre das nicht möglich gewesen, aber jetzt haben die Mädchen ihre kleine Höhle.“

Das größte Geschenk sei jedoch das Wunder selbst, dass es ihrem Mann wieder besser geht. Vor lauter Aufregung und den vielen guten Nachrichten hätte Jenny die wichtigste Nachricht während unseres Telefonats fast vergessen: „Beide Tumore sind nicht mehr sichtbar. Aktuell ist Daniel krebsfrei.“

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