Hamburg  LNG-Terminal vor Wilhelmshaven: Drehen jetzt Richter den Gashahn wieder zu?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 19.12.2023 01:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vor einem Jahr wurde das LNG-Terminal vor Wilhelmshaven eröffnet. Die Spitzen der Bundesregierung waren vor Ort. Stoppen jetzt Richter den Betrieb der Anlage in Niedersachsen? Foto: dpa/ Pool AP
Vor einem Jahr wurde das LNG-Terminal vor Wilhelmshaven eröffnet. Die Spitzen der Bundesregierung waren vor Ort. Stoppen jetzt Richter den Betrieb der Anlage in Niedersachsen? Foto: dpa/ Pool AP
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Droht Deutschlands erstem LNG-Terminal vor Wilhelmshaven die Abschaltung? Die Deutsche Umwelthilfe macht ernst und klagt gegen den umstrittenen Chlor-Einsatz an Bord der „Höegh Esperanza“.

Als der Gasfluss aus Russland versiegte, hatte es Deutschland eilig: Woher sollte das dringend benötigte Erdgas nun kommen, damit Deutschland nicht friert und die Wirtschaft nicht kollabiert? Das bis dahin verpönte Flüssigerdgas LNG war ein Teil der Antwort. Was fehlte, war die Infrastruktur zur Umwandlung des aus aller Welt herbeigeschifften LNG von flüssig zurück zu gasförmig.

Nach einer rekordverdächtige kurzen Genehmigungs- und Bauzeit nahm vor gut einem Jahr das erste LNG-Terminal vor Wilhelmshaven den Betrieb auf. Herzstück ist die „Höegh Esperanza”. An Bord des Spezialschiffes wird das LNG umgewandelt und anschließend in die Gasnetze eingespeist.

Die Politik hatte Beschwerde- und Klagemöglichkeiten gegen die LNG-Technologie stark eingeschränkt, um Verzögerungen beim Bau zu vermeiden. Das sogenannte LNG-Beschleunigungsgesetz wurde verabschiedet, das den Rechtsweg maximal verengte. Wer seitdem gegen LNG-Vorhaben klagen will, muss gleich ganz oben anfangen: beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) macht damit jetzt ernst. Sie hat in Leipzig Klage eingereicht. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte dies auf Anfrage unserer Redaktion. Wann entschieden wird, ist aber noch unklar.

Jedenfalls müssen sich Deutschlands oberste Verwaltungsrichter damit befassen, ob bei der Genehmigung des Terminals alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Konkret geht es um die Frage, ob der Einsatz von Chlor an Bord der „Esperanza” legal ist.

Das Biozid wird aus dem salzigen Wasser der Jade gewonnen und anschließend durch die Rohrsysteme an Bord gepumpt. So soll verhindert werden, dass sich Seepocken oder Muscheln in den Rohren festsetzen und verstopfen. Am Ende könnte dies den Totalausfall des Terminals bedeuten.

Nach dem Reinigungsdurchlauf fließt das Chlor in die Jade und gefährde das Ökosystem Wattenmeer, moniert die Umwelthilfe. Das Terminal befindet sich in unmittelbarer Nähe zu dem Weltnaturerbe.

Die DUH will mit der Klage erreichen, dass die Richter die Genehmigung zur Einleitung des Chlors für nichtig erklären. Erlaubt hatte das der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Die Behörde teilte vergangene Woche mit, dass die Befürchtungen der Umweltschützer nicht real seien. Nach elf Monaten Betrieb hätten die Messwerte der verschiedenen Chlor- und Nebenprodukte überwiegend sogar unter der jeweiligen Nachweisgrenze gelegen, teilte das NLWKN mit. Die Umwelthilfe stellt das nicht zufrieden. Sie fordert, das sofort auf umweltschonende Reinigungstechnologien umzustellen.

Betreiberfirma Uniper hatte erst kürzlich ein Konzept vorgelegt, das derzeit noch von den Genehmigungsbehörden in Niedersachsen geprüft wird. Darin war das Unternehmen der Frage nachgegangen, welche Alternativen es zum Chlor gibt, die auf der „Esperanza” funktionieren. Das Ergebnis aus Unternehmenssicht: keine. Bei anderen Methoden, so das Konzept, sei der Umbauaufwand an Bord der „Esperanza“ zu hoch, der Effekt schlicht zu gering oder etwa die Einleitung von Schwermetallen in die Jade zu befürchten.

Allerdings soll die Menge des eingesetzten Chlors an Bord des Schiffes reduziert werden. Statt dauerhaft Biozid einzusetzen, soll es künftig in Form einer sogenannten Stoßchlorierung durch die Rohre fließen – besonders dann, wenn Pocken oder Muscheln wachsen. Das ist vor allem in den wärmeren Jahreszeiten der Fall. Uniper selbst schätzt, dass der Chlor-Einsatz dadurch um bis zu 50 Prozent gesenkt werden kann.

Der Deutschen Umwelthilfe aber reicht das nicht. Aus Sicht der Umweltschützer darf gar kein Chlor mehr fließen. Sie verweisen auf das zweite LNG-Terminal, das kommendes Jahr in Wilhelmshaven in Betrieb gehen soll. An Bord des Regasifizierungsschiffes soll statt Chlor Ultraschall eingesetzt werden. Das Schiff wird entsprechend umgerüstet.

Auch an den übrigen neu geschaffenen LNG-Standorten in Stade, Brunsbüttel oder auf Rügen wird auf das Biozid verzichtet. Allerdings ist hier der Salzgehalt des Wassers auch deutlich geringer. In der Folge ist der sogenannte Bewuchsdruck schwächer.

Im Uniper-Konzept heißt es zur Ultraschall-Technologie, dass es bislang keinerlei Einsatzerfahrungen gebe. Zudem seien die Auswirkungen auf maritime Säugetiere durch den Schall unklar. Auch sei die „Esperanza“ anders gebaut als die „Excelsior“, was eine Umrüstung auf Ultraschall entsprechend komplizierter mache.

Das Umweltministerium in Hannover, vorgesetzte Behörde des NLWKN, drängt dagegen auf eine möglichst rasche Umrüstung auf ein chlorfreies Reinigungsverfahren. „Das Ziel muss sein, auch bei der „Höegh Esperanza“ den Chloreinsatz weiter zu minimieren“, sagte Umweltminister Christian Meyer (Grüne). Falls sich die Ultraschalltechnik auf dem zweiten Terminal bewähre, sollte zügig umgerüstet werden. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte für so eine Umrüstung bereits Gelder zur Verfügung gestellt.

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