Hamburg  Millionendeal: Deutschland größter Flüchtlingsheim-Betreiber wird verkauft

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 15.12.2023 07:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
European Homecare betreibt in Deutschland weit mehr als 100 Flüchtlingsunterkünfte. Von großen Messehallen wie in Hannover bis hin zu kleinen kommunalen Asylheimen. Foto: Imago Images/Bernd Günther
European Homecare betreibt in Deutschland weit mehr als 100 Flüchtlingsunterkünfte. Von großen Messehallen wie in Hannover bis hin zu kleinen kommunalen Asylheimen. Foto: Imago Images/Bernd Günther
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Mit dem Betrieb von Flüchtlingsheimen lässt sich gutes Geld verdienen. Und weil immer mehr Menschen in Deutschland Asyl beantragen, wird das auch erst einmal so bleiben. Davon will auch ein britischer Konzern profitieren: Eine Übernahme des größten Anbieters von Asylunterkünften in Deutschland steht bevor.

Fast 326.000 Menschen haben in diesem Jahr bereits einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Sie alle müssen irgendwo untergebracht werden. Der Staat ist dabei auf Hilfe von Dritten angewiesen. Per Ausschreibungen suchen Bundesländer, Landkreise, Städte und Gemeinden nach Betreibern von Flüchtlingsunterkünften.

Branchenkenner schätzen, dass jährlich Aufträge in Höhe von einer Milliarde Euro vergeben werden. Die Tendenz ist ebenso steigend wie die Zahl der Asylanträge. Bislang vorne mit dabei, wenn es um solche öffentlichen Aufträge geht: European Homecare (EHC).

Das Unternehmen aus Essen betreibt deutschlandweit etwa 120 Flüchtlingsunterkünfte unterschiedlicher Größe. Dazu gehören etwa acht Einrichtungen des Landes Nordrhein-Westfalen. Allein in ihnen ist Platz für fast 3600 Menschen. Rund 2000 Mitarbeiter sind für EHC tätig. Der geschätzte Umsatz liegt in diesem Jahr bei 150 Millionen Euro.

Dabei galt in den Vorjahren: Je höher die Zahl der Asylanträge, desto mehr Geld verdienten die Essener am Ende auch. Für 2022 wird in Veröffentlichungen im Bundesanzeiger mit einem Gewinn von 24,5 Millionen Euro gerechnet. Wenige Jahre zuvor waren es bei niedrigen Asylantragszahlen noch gut 300.000 Euro.

EHC gehörte bislang zu 100 Prozent der Korte-Stiftung aus Essen. Dahinter steht die Gründerfamilie, die das Unternehmen in den 90er-Jahren mit der damals noch ungewöhnlichen Geschäftsidee an den Start gebracht hat. Jetzt soll EHC allerdings verkauft werden. Es fehlt nur noch die Zustimmung der Wettbewerbsbehörden.

Der britische börsennotierte Dienstleistungskonzern Serco will übernehmen. Auf 40 Millionen Euro wird der Kaufpreis beziffert. Zu Serco wiederum gehört seit einigen Monaten das Schweizer Unternehmen ORS: „Organisation for Refugee Services”.

ORS ist der größte Flüchtlingsheimbetreiber in der Schweiz, aber auch in Österreich, Italien und eben Deutschland tätig. Laut Geschäftsführer Jürg Rötheli betreibt ORS hierzulande 20 Unterkünfte. Insgesamt arbeiten 3000 Mitarbeiter für die Schweizer, den Umsatz beziffert Rötheli länderübergreifend auf 250 Millionen Euro.

Die bisherigen Konkurrenten ORS und EHC sollen verschmelzen. Rötheli wird die Gesamtverantwortung übernehmen. Er sagt: „Gemeinsam werden wir in der Lage sein, noch bessere Angebote abzugeben. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Mensch. Unser Ziel ist es, eine Top-Dienstleistung zu bieten – sowohl für Auftraggeber als auch für die zu betreuenden Menschen.”

Angesichts der Unternehmensgröße dürfte ORS künftig in der Lage sein, deutlich kostengünstiger zu kalkulieren als die Konkurrenz. Im Bereich der Flüchtlingsheime sind das in Deutschland vor allem Wohlfahrtsverbände wie das Deutsche Rote Kreuz. Häufig sind es hier Orts- oder Kreisverbände, die im staatlichen Auftrag Heime betreiben. Weil sie über keinen großen Logistik- und Personalapparat verfügen, ist das entsprechend aufwendig.

Rötheli versichert: „Wir setzen bei den Auftraggebern auf Kontinuität und planen auch keinen Stellenabbau.” Der Fachkräftemangel sei auch in der Heimbranche ein großes Problem.

Voraussetzung: Es kommen weiter viele Flüchtlinge nach Deutschland. Die Politik diskutiert seit Monaten darüber, wie sich das ändern lassen könnte, beispielsweise durch Asylantragsverfahren, die an der EU-Außengrenze durchgeführt werden.

Bedroht das nicht das Geschäftsmodell von ORS? „Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Migranten in den kommenden Monaten nicht signifikant sinken wird. Das heißt: Es müssen weiterhin Menschen untergebracht und versorgt werden; unsere Dienstleistung wird weiter gebraucht”, so Geschäftsführer Rötheli.

Selbst wenn eine Einigung gelänge, müssten weiterhin Hunderttausende Migranten betreut werden, die bereits in Europa sind. Zudem nehme die legale Migration zu. Tatsächlich sieht es derzeit so aus, als wenn die Migrationskrise sich 2024 fortsetzen wird: Die Ampel-Koalition in Berlin hatte es im Schatten des Haushalts-Streites nicht geschafft, Vorhaben zur Migration zu verabschieden.

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