Hamburg  Caspar David Friedrich: Der erste Vertreter der „Letzten Generation“?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 13.12.2023 17:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Caspar David Friedrich (1774–1840): Mondaufgang am Meer, 1822 Öl auf Leinwand, 55 x 71 cm Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie Foto: © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich (1774–1840): Mondaufgang am Meer, 1822 Öl auf Leinwand, 55 x 71 cm Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie Foto: © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders
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Mehr Romantik geht nicht: Mit der Ausstellung in Hamburg beginnt ein Parcours der Superlative zum 250. Geburtstag Caspar David Friedrichs. Die Kunsthalle inszeniert ihn als ersten Ökologen der Kunst.

Hamburgs Mona Lisa lächelt nicht. Sie dreht dem Betrachter den Rücken zu. Was norddeutsch kühl wirkt, fasziniert gleichwohl. Seit Generationen verharren die Besucher der Hamburger Kunsthalle vor Caspar David Friedrichs Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1817) und schauen mit ihm und an ihm vorbei in verhangene Weiten wie in eine unsichere Zukunft. Caspar David Friedrich ist der Maler der Sehnsüchte, der Seher, Grübler, Künder. Der romantischste Romantiker. Und seine eigene These. Friedrich inszeniert Natur als Hallraum der Sehnsucht, als Projektionsraum unerfüllter Freiheitswünsche. Und als Macht, an der menschlicher Machbarkeitswahn zerschellt. Ist er der erste ökologische Künstler?

Wo sonst als in der Kunsthalle Hamburg könnte ein Jahrestag des größten aller Romantiker gefeiert werden? Am 5. September 2024 jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal. Die Kunsthalle Hamburg birgt mit dem „Wanderer über dem Nebelmeer“, mit dem Gemälde „Das Eismeer“ (1823/24) und anderen Meisterwerken ohnehin schon einen beeindruckenden Friedrich-Hort. Jetzt breitet das Haus rund 70 Gemälde und 100 Zeichnungen zu einer intensiven Spurensuche aus. Kurator Markus Bertsch hat in der Galerie der Gegenwart der Kunsthalle eine Etage für Caspar David Friedrich reserviert, Ruth Stamm zeigt zeitgenössische Reaktionen auf Friedrichs Werk im Stockwerk darüber. Mit Johannes Grave von der Universität Jena betreut ein ausgewiesener Kenner Friedrichs die Schau, an die sich 2024 Präsentationen in der Berliner Alter Nationalgalerie und in Dresdens Staatlichen Kunstsammlungen anschließen werden.

Wer seinen Caspar David Friedrich sucht, wird ihn in Hamburg sicher finden. Die Kunsthalle, die schon 2007 und 1974 Ort epochaler Präsentationen des Romantikers war, inszeniert eine wahre Gala der Meisterwerke als intensives Seherlebnis. In teilweise überraschend kleinen Räumen auf Wänden in ruhigem Taubenblau präsentiert, dürfen sich gerade die Ikonen Friedrichs mit all ihrer suggestiven Kraft entfalten. Ob der „Wanderer über dem Nebelmeer“, die „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818), „Mönch am Meer“ (1808-1810) oder „Der Watzmann“ (1824/25): So viel Friedrich gab es lange nicht mehr an einem Ort - und wird es auch danach auf lange Zeit so nicht mehr geben. Die Hamburger Schau ist ein Ereignis auf Jahrzehnte.

Entsprechend klassisch fällt die Inszenierung aus. Die Bilder Friedrichs dürfen unter sich bleiben. Die überraschend vielfältigen zeitgenössischen Reaktionen auf seine Kunst sind separat inszeniert. Hier der Meister, dort sein Kometenschweif - trotz aller kuratorischen Thesen bleibt die Hierarchie strikt gewahrt. Das mag konservativ erscheinen, hat aber viel für sich. Caspar David Friedrich schockierte seine Zeitgenossen. Es ist an der Zeit, sich seiner Kunst wieder mit frischem Blick und erneuerter Verwunderung zuzuwenden. Denn Friedrichs Zeichnungen machen staunen. Und sie öffnen die Augen. Kurz vor 1800 vertieft sich der junge Künstler nicht nur in seine ganz eigene Technik, er versenkt sich auch in die Natur. Und wie. Ein Wunder an zeichnerischer Präzision und meditativer Kraft.

Zugleich wird mit Friedrichs Zeichnungen auch klar, dass hier noch kein Freilichtkünstler am Werk ist. In der Natur der Bleistift, im Atelier die Ölfarbe – so trennt der Romantiker die Sphären. Er malt Natur nicht einfach ab, er konstruiert sie auf seinen Bildern neu. Was er in seine Skizzenbücher filigran und penibel zeichnet, ist mehr als Notat eines Augenblicks. Friedrich arrangiert die Blätter und Zweige und Erdhügel aus einen Skizzen in den folgenden Jahren immer wieder neu und anders zu einer Natur, die allemal eher Vision als Realität ist. Nebelschwaden und Wolkenformationen wird er immer wieder in seinen Gemälden auftürmen. 1799 haucht er mit dem Stift „Wolkenstudien“ so zart auf ein Blatt, dass es fast leer zu sein scheint. Der große Bilddramatiker, er beginnt denkbar verhalten.

Und macht mit unbedingter Entschlossenheit weiter. Beispiel „Der Mönch am Meer“. Wo Künstlerkollegen ihre Landschaftsbilder mit pittoresker Staffage ausgestalten, räumt Caspar David Friedrich den Bildraum radikal leer. Zuerst setzt er noch ein großes Segelschiff in den Vordergrund des berühmten Gemäldes aus Berlin. Später tilgt er es ebenso wie andere Motive, die in der trüben Leere dieses kosmischen Raumes am Meer Halt gegeben hätten. Nicht nur das Mönchlein wirkt so verloren wie ein Komma im Ozean der Texte, auch der Betrachter verliert die Orientierung. Dieses Bild ist so wie die endlose Weite selbst – eine radikale Herausforderung.

Zentrales Thema der Schau sei das neuartige Verhältnis von Mensch und Natur in Friedrichs Landschaftsdarstellungen. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts setze er damit wesentliche Impulse, um die Gattung der Landschaft zur „Kunst für eine neue Zeit“ zu machen“, beschrieb Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthalle, die Intention der Präsentation. Friedrichs Kunst weist ins Offene. Dazu gehört, dass manche seiner gerade wichtigsten Bilder Rätsel aufgeben, die auch Experten heute noch nicht auflösen können. Was geschieht eigentlich am „Kreidefelsen auf Rügen“, den Friedrich ganz exakt und doch als freie Erfindung inszeniert? Sehen wir Städter, die die freie Natur genießen, Bildungsbürger, die Landschaft für sich entdecken? Oder spielt sich hier ein Eifersuchtsdrama ab, mit dem Künstler in zweifacher Ausfertigung – einmal als souveränem Betrachter rechts und dann noch einmal als von Liebeskummer niedergedrückten Gatten in der Bildmitte?

In dieser Hinsicht ist es nicht abwegig, Friedrichs Bilder mit der „Mona Lisa“ des Leonardo da Vinci zu vergleichen. Ebenso wie das Porträt dieses Zentralgestirns der Renaissance sind auch Friedrichs Kompositionen nicht in Geschichten oder Gefühle aufzulösen. Hat er immer nur gegrübelt oder auch einmal gelacht? Von den Gefühlslagen Caspar David Friedrichs wissen wir erstaunlich wenig, wie Experten einräumen. Er bleibt ein Rätsel. Und das ist auch gut so. Weniger unklar fallen allerdings die politischen Anspielungen aus, die Friedrich in Bilder wie „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819/20) oder in „Huttens Grab“ (1823/24) einbaute. Die Figuren geben sich als um ihre Hoffnungen betrogene Freiheitskämpfer zu erkennen, ob durch ihre Kleidung oder ihre Pilgerfahrten zum Reformator Ulrich Hutten.

Der politische Friedrich – das wäre eine Recherche wert gewesen, gerade nach den vielen politischen Instrumentalisierungen gerade dieses Künstlers etwa im Nationalsozialismus. Aber in Hamburg avanciert Friedrich zum Vorläufer der Klima-Bewegung. In einem eigenen Stockwerk finden sich zeitgenössische Kommentare zu Antworten auf Caspar David Friedrich ausgebreitet. Kehinde Wiley etwa stellt auf seinem Gemälde von 2021 zwei Afrikaner an die Kreidefelsen und bläst Friedrichs Motiv auf das Riesenformat von drei mal vier Metern auf. Julian Charrière zeigt sich selbst mit dem Bunsenbrenner auf dem Eisberg wie den Reisenden einer Expedition an die Grenzen des Wachstums.

Von Caspar David Friedrich führt ein direkter Weg zur „Letzten Generation“. So die These. Sie kommt einem übertrieben vor und politisch etwas überkorrekt. Gleichwohl etabliert Caspar David Friedrich einen neuen Blick auf die Natur. Er zeigt sie als übermächtig und unverfügbar. Vor allem zeigt er sie als Frage an uns Menschen, als Frage nach unserer Endlichkeit und Sinnerwartung. Die Künstlerin Elina Brotherus übrigens stellt auf ihrem Print „Der Wanderer 2“ (2004) eine Frau vor die weite Landschaft. Auch diese Mona Lisa lächelt nicht, sondern zeigt uns ihren Rücken. Friedrichs Wanderer hat eine Schwester. Schon das gibt Hoffnung.

Hamburg, Kunsthalle: Caspar David Friedrich. Kunst für eine neue Zeit. 15. Dezember 2023 bis 1. April 2024. Di., Mi., Fr.-So., 10-19 Uhr, Do., 10-21 Uhr.

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