Berlin/Kiel  „Hab‘s nicht verkackt“: Rainer Bocks Weg von der Ostsee bis nach Hollywood

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 04.12.2023 11:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Rainer Bock spielt in der ARD-Serie „Die Saat“ einen gewissenlosen Lobbyisten. Foto: Raimund Müller / Imago Images
Rainer Bock spielt in der ARD-Serie „Die Saat“ einen gewissenlosen Lobbyisten. Foto: Raimund Müller / Imago Images
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Aus einem norddeutschen Kunstcafé hat Rainer Bock es bis ins amerikanische Blockbuster-Kino geschafft. Vor dem Start seiner neuen Serie „Die Saat“ haben wir mit dem 69-Jährigen über seine lange Karriere gesprochen.

Rainer Bock gehört zu den deutschen Schauspielern, die international ausstrahlen. Welche Rolle war eigentlich seine wichtigste? Der Bauingenieur Werner Ziegler, den er in der US-Serie „Better Call Saul“ gespielt hat? Oder doch der grausame Landarzt aus Michael Hanekes Kinofilm „Das weiße Band“?

Im Gespräch mit unserer Redaktion nennt Bock den Film noch vor der Serie: „Mein filmisches Coming-out war ‚Das weiße Band‘“, sagt der 69-Jährige. „Ich bin ihm mein Leben lang dankbar, dass Michael Haneke mich besetzt hat. Der Film wurde weltweit gesehen, gerade in der Branche. Ich habe es auch nicht ganz verkackt. Also hat es Türen geöffnet.“

Das Ergebnis kann man seitdem im Kino erleben. Im Action-Film „Unknown Identity“ ist Bock an der Seite von Liam Neeson zu sehen. Er spielt in der John-le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“ und auch im Superhelden-Blockbuster „Wonder Woman“. Mal ist er der Sicherheitschef eines Hotels, mal Weltkriegsgeneral.

Wenn er Nebenrollen übernimmt, sind sie es, die in Erinnerung bleiben. In der deutsch-norwegischen Serie „Die Saat – Tödliche Macht“ (ab 9. Dezember in der ARD) zum Beispiel. Rainer Bock verkörpert hier einen rücksichtslosen EU-Lobbyisten. Im Auftrag von Saatgut- und Düngeriesen geht seine Figur über Leichen. Als Schurke, den zu hassen man liebt, ist er einer der Schauspieler, für den man bis zum Schluss dranbleibt.

Die offiziösen Würdenträger, ihre Kälte, ihre Bereitschaft zur Gewalt – klingt in all dem immer noch Bocks Durchbruch nach: der Landarzt aus „ Das weiße Band“, der nach außen eine Stütze der Gesellschaft war und nach innen die Familie quälte und erniedrigte?

Bock hört diese Frage nicht so gern. Es stimme zwar, dass der Film die Fantasie der Casting-Leute geprägt habe. Festlegen lassen will er sich aber nicht: „Wenn Sie mein Portfolio genau angucken, sehen Sie: Es ist auch von anderen Rollen durchwirkt.“ Am Theater könne man sich ein so enges Rollenfach ohnehin nicht leisten. Und hier ist er schließlich groß geworden, vom Debüt am Kieler Stadttheater über das Schleswig-Holsteinische Landestheater, bis nach Heidelberg, Stuttgart und München.

Dass er sich überhaupt auf eine Schauspielschule gewagt hat, verdankt sich übrigens seiner Zeit als Gastronom. Ende der 1970er eröffnete Bock in Kiel das Café Lucy („Benannt nach meiner damaligen Katze“), das Fotoausstellungen, Lesungen und Konzerte organisierte – und Stammgäste von Stadttheater anzog. Bock: „Die haben mich angefixt.“

Wenn der Schauspieler in der Thriller-Serie „Die Saat“ nun als Spindoctor die Interessen eines Wirtschaftsbosses durchsetzt, ist das auch biografisch spannend. Privat kommt Bock nämlich von der Gegenseite. Nach dem Abitur engagierte er sich in der Umweltschutzbewegung, die sein Serien-Charakter jetzt bedenkenlos bekämpft. Bock lebte sogar mal in einem Anti-AKW-Protestdorf.

Wächst mit der Rollenarbeit die Einfühlung in den einstigen Gegner? Auch mit dieser Frage kann der Schauspieler wenig anfangen: „Zwischen meiner Beschäftigung mit der Anti-AKW-Bewegung und dieser Rolle liegen 40 Jahre“, sagt er. Das müsse nicht heißen, dass man alte Ideale verleugnet, aber: „Jetzt bin ich Schauspieler und als solcher muss ich mich mit jedweder Charakteristik auseinandersetzen können.“

Wie steht Bock übrigens zum aktuellen Streit um die Atomkraft? „Ein Satz dazu, dann bitte ich Sie, wieder zum Thema zu kommen“, antwortet der und erklärt die Debatte für absurd. Zu gering sei der Anteil, den Atomkraftwerke an der deutschen Energieversorgung haben, um darüber groß zu streiten, sagt Bock. Und bittet um weitere Fragen zur Serie.

Rainer Bock als Werner Ziegler in der US-Serie „Better Call Saul“:

Ist „Die Saat“ mit ihrer Kritik am globalen Kapitalismus also ein politisches Statement? „Absolut“, antwortet Bock. „Das ist inhaltlich richtig und sehr gut recherchiert. Was in ‚Die Saat‘ verhandelt wird, gehört auf die Tagesordnung, auch mit unseren Möglichkeiten der Unterhaltung.“

Und hofft er, mit seiner Kunst etwas zu verändern? „Wenn ich nur einen erwische, der nach einem Theaterstück oder Film ein wenig anders auf die Dinge blickt, dann habe ich was erreicht”, antwortet Bock und stellt sich die nächste Frage dann sicherheitshalber selbst: „Löst unsere Serie eine antikapitalistische Revolution aus?“, fragt Rainer Bock. Und? Tut sie es? Bock: „Sicher nicht.“

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