Hamburg Chlor-Einsatz auf LNG-Terminal vor Wilhelmshaven: Ohne Biozid geht es wohl nicht
Damit Deutschlands erstes LNG-Terminal vor Wilhelmshaven nicht verstopft und weiter Erdgas liefern kann, wird es mit Chlor gereinigt. Das Abwasser wird in die Jade abgelassen. Geht es auch ohne das umstrittene Biozid? Das steht in einem unveröffentlichten Konzept.
Der umstrittene Einsatz von Biozid zur Reinigung von Deutschlands erstem LNG-Terminal vor Wilhelmshaven wird erst einmal weitergehen. Das geht aus einem bislang unveröffentlichtem Konzept von Betreiber Uniper hervor, das unserer Redaktion vorliegt. Demnach soll die „Höegh Esperanza”, auf der LNG zu Erdgas umgewandelt wird, weiter mit Chlor gereinigt werden. Das Biozid wird aus Seewasser gewonnen und anschließend in die Jade eingeleitet.
Die Behörden in Niedersachsen haben den entsprechenden dauerhaften Einsatz genehmigt. Umweltschutzorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe kritisieren das aber seit der Aufnahme der Produktion vor gut einem Jahr. Sie befürchten durch die Einleitung des Chlors Auswirkungen auf das nahegelegene Ökosystem Wattenmeer.
Betreiber Uniper hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten insgesamt 22 Alternativen zur sogenannten Chlorierung der Rohre an Bord des Schiffes geprüft. Das Ergebnis laut Konzept: Keine andere Methode schützt das Terminal so effektiv vor Bewuchs etwa mit Muscheln oder Seepocken wie die Chlorierung. Bei anderen Methoden, so das Konzept, sei der Umbauaufwand an Bord der „Esperanza“ zu hoch, der Effekt schlicht zu gering oder etwa die Einleitung von Schwermetallen in die Jade zu befürchten.
Allerdings soll nun eine Umstellung bei der Art des Chlor-Einsatzes vorangetrieben werden: Statt kontinuierlich Biozid einzusetzen, könnte auf eine sogenannte Stoß-Chlorierung umgestellt werden. Das heißt: Biozid wird nur dann durch die Rohre gespült, wenn der Bewuchsdruck durch Algen und Muscheln hoch ist, etwa in den wärmeren Monaten des Jahres.
Laut Konzept könnte so die Menge des verwendeten Chlors um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Ab Anfang 2024 soll die Stoß-Chlorierung testweise verwendet werden. Uniper kann dabei auch auf konzerneigene Erfahrungen zurückgreifen: Der Konzern betreibt ein Steinkohlekraftwerk in Rotterdam, das mit Meerwasser gekühlt wird. Per Stoß-Chlorierung wird das Kühlsystem von Algen und Muscheln offenbar erfolgreich freigehalten.
Die „Esperanza” war vor gut einem Jahr das erste LNG-Terminal, das den Betrieb vor Deutschlands Küsten aufgenommen hat. An Bord wird Flüssigerdgas umgewandelt und ins deutsche Pipeline-System eingespeist.
So soll russisches Erdgas ersetzt werden. Mittlerweile sind weitere schwimmende LNG-Terminals in Stade (Niedersachsen), Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) und Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) hinzugekommen. Auf die umstrittene Chlorierung wird auf den drei Schiffen verzichtet.
Uniper verweist darauf, dass an den Standorten der Salzgehalt des Wassers deutlich geringer ist. Zum einen sei dadurch der Bewuchsdruck geringer, zum anderen der Salzgehalt für eine Chlorgewinnung wie in Wilhelmshaven aber auch zu gering. Ohne Chlorierung an Bord der „Esperanza“, so Uniper, könnte es schlimmstenfalls zum Ausfall des Terminals kommen.
Kritiker verweisen indes auf das zweite LNG-Terminal, das kommendes Jahr vor Wilhelmshaven in Betrieb gehen soll. Die „Excelsior“ soll nach Angaben des Betreibers TES auf ein Ultraschall-Verfahren umgerüstet werden. Dies soll ausreichen, um das Schiff von Muscheln und Seepocken weitgehend freizuhalten.
Im Uniper-Konzept heißt es zu der Technologie, dass es bislang keinerlei Einsatzerfahrungen gebe. Zudem seien die Auswirkungen auf maritime Säugetiere durch den Schall unklar. Auch sei die „Esperanza” anders gebaut als die „Excelsior”, was eine Umrüstung auf Ultraschall entsprechend komplizierter mache.
Das Konzept betont, beim Biozid-Einsatz der vergangenen Monate seien bislang alle Grenzwerte eingehalten worden. Auswirkungen auf die Umgebung seien nach vorläufigen Ergebnissen nicht zu beobachten gewesen. Vorrangiger Nachteil des Chlor-Einsatzes sei die geringe Akzeptanz in der Bevölkerung.
Niedersachsens Umweltministerium betont, das Konzept werde von den Genehmigungsbehörden noch geprüft. Sie hatten Uniper verpflichtet, entsprechende Vorschläge zur Biozid-Reduzierung vorzulegen. Es bleibe das Ziel, „den Chloreinsatz weiter zu minimieren, wenn möglich auf null zu bringen”, so das Ministerium.