Osnabrück  Caspar David Friedrich: Gehen die Deutschen mit dem Maler wieder auf Sinnsuche?

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 02.12.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Auch für das breite Publikum ein berühmtes Motiv: Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ (M) von Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle. Foto: dpa/picture-alliance
Auch für das breite Publikum ein berühmtes Motiv: Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ (M) von Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle. Foto: dpa/picture-alliance
Artikel teilen:

Caspar David Friedrich ist zurück. Und wie. Eines seiner seltenen Skizzenbücher brachte 1,8 Millionen bei einer Auktion. Er ist der Maler gegen Frust und Krise. Der Romantiker ist der Künstler der Stunde.

1,8 Millionen Euro, Aufgeld inklusive: Auf dem ultrahocherhitzten Kunstmarkt, markiert diese Zahl eigentlich keine Sensation. Das Objekt, das für 1,8 Millionen den Besitzer wechselte, ist aber eine: Eines von nur noch sechs Skizzenbüchern von Caspar David Friedrich.

Ein Maler? Ja, und der Seelensucher der Deutschen, ihr innerster Kompass, der einsame Wanderer, der die kollektiven Träume dieses Landes träumte wie vielleicht kein zweiter Künstler – Albrecht Dürer ausgenommen.

Wenn ein Skizzenbuch den Besitzer wechselt, schauen sonst nur Experten hin. Diese Auktion im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach aber war perfekt in den Zeitplan des anhebenden Jubiläumsjahres gesetzt. 2024 feiert nicht nur seine Geburtsstadt Greifswald den Maler. 250. Geburtstag! Die Kunsthalle Hamburg rüstet zur größten Schau Caspar David Friedrichs seit langem. Andere Museen reihen sich ein. Ein Ereignis für das große Publikum?

Ich finde es jedenfalls interessant, zu sehen, wie das Ereignis geschickt inszeniert wird. Natürlich ist Florian Illies nicht nur mit dabei, sondern mittendrin. Er lenkt den Rowohlt-Verlag, sitzt im Beirat der Villa Grisebach. Vor zwei Jahrzehnten erklärte er uns in seinem Bestseller die seitdem sprichwörtliche „Generation Golf“. Kürzlich zeigte er Ölskizzen der Romantik in Düsseldorf und Lübeck. Sein aktuelles Buch: „Zauber der Stille“. Über Caspar David Friedrich, natürlich.

Dabei ist das Phänomen Caspar David Friedrich mehr als ein Medienprodukt. Dieser Maler wirkt als Faszinosum, mitten in einer Gesellschaft, in der Dichter und Denker schon immer eine Minderheit waren. Der Zeitgeist ist ohnehin längst digital ernüchtert. Krisen schütteln die Menschen. Der Horizont zieht sich zu.

Aber kommt Caspar David Friedrich da nicht gerade recht? Der einsame Wanderer, der in sein Skizzenbuch Bäume und Äste und Blätter strichelt? Friedrichs Bildmotive fügen sich zu einem Bilderbuch kollektiver Sehnsüchte und Ängste. Da ist der „Wanderer über dem Nebelmeer“, der ferner Utopie nachzusinnen scheint. Der „Mönch am Meer“, der in der Weite einer unfassbaren Natur nach dem Sinn sucht.

Ob zwei junge Männer den Mond betrachten oder eine junge Frau am Fensterkreuz steht: Immer geht der Blick nach draußen. Mit Caspar David Friedrich die Zukunft suchen, die neue Gesellschaft, den erneuerten Kontakt zur Natur: Schön ist das Leben, wenn sich der Blick wieder weitet, über Hast und Hektik, Kleinmut und Krise hinaus. Dieser Maler könnte uns das wieder lehren. Ich freue mich jedenfalls darauf, Caspar David Friedrich neu zu begegnen.

Ähnliche Artikel