Osnabrück „Nicht mehr so allein“: Wie Jugendliche selbst Fantasy-Texte schreiben
Krise des Lesens? Keine Lust aufs Schreiben? Der Workshop mit Jugendlichen, die Fantasy-Texte erfinden, gibt ein anderes Bild. Ein Besuch in der Schreibwerkstatt im Tiny House der Stadtbibliothek Osnabrück.
Fantasy? Ist das nicht das gleichbedeutend mit der Flucht aus der Realität? Leonie ist da ganz anderer Meinung. „Mit Fantasy bin ich immer weiter in die Realität hineingekommen“, sagt das Mädchen und fügt an: „Die Geschichten haben mir immer das Gefühl gegeben, nicht mehr so allein zu sein“. Jetzt schreibt Leonie ihre eigene Fantasy-Geschichte. Mit zehn anderen Mädchen und Jungen sitzt sie um einen Tisch im Tiny House der Stadtbibliothek Osnabrück. Ruhig geht es gerade nicht zu. Alle reden angeregt durcheinander. Fantasy verbindet. Das sieht man.
„Ich fände es schön, wenn die Jugendlichen sich nach dem Workshop verabreden und gemeinsam weiterschreiben würden“, sagt James Sullivan. Der Autor aus Kerpen bei Köln leitet die Schreibwerkstatt. In einer ganzen Reihe von Workshops des Projekts „Druckreif“, das die Osnabrücker FROMM Stiftung – Institut für kulturelle Leitformen maßgeblich unterstützt, sollen sich Kinder und Jugendliche schreibend neu erfahren. Während die ersten Besucher über den Osnabrücker Weihnachtsmarkt flanieren, sitzen die Kinder drinnen und schreiben. Dann und wann schaut ein Spaziergänger neugierig durch die Fensterscheibe herein.
Das Tiny House, von der Stadtbibliothek Osnabrück für junge Leser erst im September 2022 eröffnet, mag schmal wie ein Tortenstück sein. Die Fantasien der Mädchen und Jungen dürfen dennoch in die Weite fliegen. Ob Drachen oder Feen, Ritter oder Fabelwesen aller Art – Fantasy kennt keine Grenzen. „Bei Fantasy-Geschichten sind wir alle auf der gleichen Seite“, erzählt James Sullivan, erzählt davon, wie wichtig bei Literatur das ist, was sich im Kopf des Lesers abspielt. Die Jugendlichen sitzen still im Kreis, hören Sullivans Erläuterungen zu, als würde einer verschworenen Gemeinschaft die Parole ausgegeben.
James Sullivan weiß selbst, wie befreiend Fantasy sein kann – und der Kontakt zu einem literarischen Mentor. Am Valentinstag ausgerechnet im amerikanischen West Point, dem Sitz der Militärakademie, geboren – James Sullivan spricht über seine Biografie, als sei sie auch ein Stück Fantasy. Der junge Amerikaner studiert in Köln Literatur. „Mitten in meinen Examensvorbereitungen fragt mich Bernhard Hennen, ob ich mit ihm zusammen einen Roman schreiben möchte“, schildert Sullivan sein literarisches Erweckungserlebnis. Der Roman „Die Elfen“ erscheint 2004 und wird ein voller Erfolg.
Ob Antonia Möllenkamp einmal den gleichen Weg gehen wird? Im Moment macht sie mit im Workshop von James Sullivan. Die junge Frau absolviert ihr Jahr im Bundesfreiwilligendienst in der Stadtbibliothek Osnabrück. Eigentlich kümmert sie sich darum, die Stadtbibliothek in den Sozialen Netzwerken besser zu positionieren. Wenn es nach ihr geht, hat auch das Tiny House bald eine eigene Seite bei Instagram. Aber ihr Herz schlägt für Fantasy.
„Ich schreibe über ein Mädchen, das sich einsam und ausgeschlossen fühlt und das bemerkt, dass es sich verwandeln kann. Dieses Mädchen trägt sechs verschiedene Wesen in sich“, umreißt Antonia die Idee ihrer Geschichte. Fantasy als große Befreiung? Für Antonia geht es genau in diese Richtung. „Ich hätte Lust auf ein richtiges Buch“, sagt sie noch und bekennt dann, dass auch ihr Lesehunger so grenzenlos wie das Fantasy-Genre ist: „Ich bin jetzt für dieses Jahr bei meinem 107. Buch“. Eine Krise des Bücherlesens? Wenn es nach Antonia geht, gibt es die nicht.
Unterdessen sitzen die Jugendlichen im Tiny House um den Tisch herum und tippen eifrig. Alle haben ihr Tablet vor sich. Ausgerechnet die jüngste Teilnehmerin arbeitet ordentlich mit Stift und Papier. Die zehn Jahre alte Amalia schreibt Zeile und Zeile. „Jetzt ist sie schon wieder ein gutes Stück weiter“, sagt James Sullivan bewundernd. Amalia ist ohnehin der Liebling der Runde. Auf Fragen zu den einzelnen Geschichten antwortet Amalia offenbar klug und hilfreich. „Sie ist unsere Autokorrektur“, sagen einige Mädchen lachend.
Mit Fantasy persönlich freier werden: An diesem Projekt wird hier eigentlich gearbeitet. Der junge Alexander berichtet, dass er zum Schreiben kam, als der klassische Deutschunterricht mal Pause hatte. In einer Vertretungsstunde gab es die Aufgabe, einen Text über einzelne Wörter zu schreiben. Für Alexander ein Erweckungserlebnis. „Fantasy bietet einfach so viel Möglichkeiten. Da kann ich alles machen“, formuliert Mia ihr Credo des freien Schreibens.
Nach James Sullivan soll es für die Jugendlichen unbedingt weitergehen. „Ich fände es schön, wenn sie weiter in das Tiny House kämen, um gemeinsam zu schreiben“. Dann erklärt der Profi den Kindern weiter, wie das geht. Und mit einem Mal ist es ganz still im Tiny House.