Berlin Wenn der Lehrstoff aus Ankara kommt
Die Türkei schickt und bezahlt Lehrer, die Kinder an deutschen Schulen unterrichten. Das Konzept ist umstritten. Wird auf die Schüler ideologischer Einfluss genommen?
Für die Kinder von „Gastarbeitern“ sollte es eine Vorbereitung auf eine Rückkehr in das Heimatland der Eltern sein: 1964 beschloss die Kultusministerkonferenz, dass es sinnvoll sein kann, wenn „Kinder ausländischer Arbeitnehmer“ die Muttersprache ihrer Eltern beherrschen. 1977 widmete sich eine EU-Richtlinie der schulischen Betreuung von Kindern mit Migrationshintergrund. Auf dieser Grundlage richteten mehrere Bundesländer den sogenannten Konsulatsunterricht ein. Für Sprachen wie Türkisch, Portugiesisch, Spanisch oder Griechisch.
Seitdem hat sich der Konsulatsunterricht kaum verändert. In der Regel findet er nachmittags außerhalb des Schulbetriebes statt, aber in Räumlichkeiten der Schulen. Das Konzept ist umstritten. Besonders der türkische Konsulatsunterricht ist vielen Menschen ein Dorn im Auge. Politiker, Gewerkschaften und Verbände nehmen ihn als Bedrohung wahr. Denn die Schulbehörden haben kaum Kontrolle über das, was in den Klassenzimmern vermittelt wird.
Den Unterricht organisieren die diplomatischen Vertretungen, die Lehrer werden vom türkischen Staat rekrutiert und bezahlt. Über Inhalt des Fachs bestimmt letztlich Ankara. Gegner des Konsulatsunterrichts werfen dem Lehrpersonal vor, als verlängerter Arm der türkischen Regierung ideologischen Einfluss auf die Schüler zu nehmen. Vor einer möglichen Indoktrinierung wird gewarnt. Die Befürchtungen sind im großen Maße gewachsen, seit Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Türkei immer stärker autokratisch regiert. Oppositionelle lässt er verfolgen, die Pressefreiheit hat er massiv eingeschränkt, die Gewaltenteilung ausgehebelt.
Als eines von sieben Bundesländern hält Baden-Württemberg am Konsulatsunterricht fest. Im vergangenen Jahr nahmen dort fast 14.500 Schüler und Schülerinnen mit türkischen Wurzeln an einem solchen Unterricht teil. In Hessen waren es etwas mehr als 4.000 und in Schleswig-Holstein rund 800.
Ahnungslos gibt sich dagegen das niedersächsische Kultusministerium. Die Behörde weiß nicht, wie viele Schüler den betreffenden Unterricht 2022 besucht haben. Gleichwohl verkündete die ehemalige Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) bereits 2017, dass der türkische Konsulatsunterricht in Niedersachsen „so gut wie keine Rolle“ mehr spiele.
Tatsächlich ist die Bedeutung des Unterrichts in den meisten Ländern auf dem Rückgang. Länder wie Berlin, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben in den vergangenen Jahren das Angebot an staatlich organisiertem Sprachunterricht erweitert. Das entsprechende Lehrpersonal wird hierzulande ausgebildet. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es keinen von Konsulaten erteilten Schulunterricht.
In den bundesweiten Fokus geriet die Unterrichtsform zuletzt nach der türkischen Präsidentschaftswahl Ende Mai. Bei den türkischstämmigen Wählern in Deutschland hatte Erdoğan 67 Prozent der Stimmen geholt, mehr als in der Türkei selbst. Kurz darauf drängte die SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag darauf, den Türkischunterricht unter staatliche Aufsicht zu stellen. Zu groß sei die Sorge vor einer „direkten Beeinflussung der Lernenden durch eine zunehmend autoritäre Regierung“. Die Lehrpläne für den Sprachunterricht müssten deshalb aus Stuttgart kommen und nicht aus der Türkei, forderten die Sozialdemokraten.
Auch die FDP und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg sind dagegen, dass die Türkei Lehrer ausbildet und sie dann für fünf Jahre nach Deutschland schickt.
Dass es zu einer Abschaffung des Konsulatsunterrichts kommt, scheint ausgeschlossen. Dabei hatte die grün-schwarze Landesregierung in ihrer Koalitionsvereinbarung 2021 noch genau das versprochen. Warum ist nichts passiert?
Das Kultusministerium in Stuttgart macht den Personalmangel verantwortlich – und die hohen Kosten. Eine staatliche Übernahme des Konsulatsunterrichts würde das Land 79 Millionen Euro kosten, teilt ein Sprecher auf Nachfrage mit. Zudem seien dem Ministerium keine Beschwerden über eine mögliche ideologische Einflussnahme oder gar einer Indoktrinierung der Schüler bekannt.
Der heutige Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat den türkischen Konsulatsunterricht in Baden-Württemberg erlebt. „Mein Lehrer erzählte immer vom Osmanischen Reich und von den vielen Schlachten, die ‚wir‘ gewonnen hatten“, schilderte der Grünenpolitiker seine Erfahrungen kürzlich in der „Zeit“. Als er wissen wollte, warum das Osmanische Reich trotz der erfolgreichen Kriege immer kleiner auf der Karte geworden sei, habe ihm der Lehrer eine Kopfnuss verpasst.
Gegenüber der Wochenzeitung hob Özdemir den Mehrwert einer multilingualen Gesellschaft hervor. Allerdings dürfe Deutschland diese Aufgabe nicht in die Hände der Regierung in Ankara legen. Laut dem Politiker geht es Erdoğan darum, seinen „ideologischen und machtpolitischen Einfluss zu stärken – dafür ist ihm jedes Mittel recht.“
Doch ob dieser Einfluss systematisch auf die Schüler ausgeübt wird, lässt sich nicht festhalten. Die Studienlage zum Konsulatsunterricht ist dünn. Hacı-Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, ist einer der wenigen, der zu dem Thema forscht. Vor einigen Jahren untersuchte er die für den Unterricht verwendeten türkischen Lehrbücher. Sein Fazit: Trotz „erdrückend moralisierender“ Passagen, sei weniger der Inhalt problematisch, da die Bücher andere Ethnien „in keinster Weise“ diskriminierten und auch nicht zu Gewalt aufriefen. Kritikwürdig sei eher das Weggelassene – die faktische Mehrsprachigkeit der Türkei und ihre multiethnische Zusammensetzung. In Deutschland würden die beiden Punkte aber als „gesellschaftliche Ressource“ betrachtet, schreibt Uslucan in seinem Gutachten.
Neben Baden-Württemberg sind Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt die einzigen Bundesländer, die gar keinen staatlich organisierten herkunftssprachlichen Unterricht anbieten. In Bayern haben sie den Unterricht 2009 durch Konsulatsunterricht ersetzt, um die freigewordenen Mittel zugunsten einer „verstärkten Deutschförderung“ an den Schulen zu nutzen.
In anderen Fällen griff die Politik durch. So musste 2017 die türkische Botschaft in Berlin ihre Lehrpläne für den Konsulatsunterricht überarbeiten. Der Bildungssenat befand: Religiöse und nationalistisch anmutende Themen wie „Gedenken an Atatürk“ oder „Respekt gegenüber Flagge und Nationalhymne“ sind kein geeigneter Stoff für Erst- bis Viertklässler.
Einen Schritt weiter ging das Saarland. Dort haben sie den Konsulatsunterricht komplett abgeschafft. 2019 war das. Besorgte Eltern hatten dem Ministerium gemeldet, dass den Schülern politische Ideologie in dem Unterricht vermittelt worden war.