Paris  Brutaler Mord an Samuel Paty: Sechs Jugendliche stehen vor Gericht

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 27.11.2023 20:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Vor der französischen Botschaft lagen Blumen, Kerzen und ein Blatt mit der Aufschrift „Je suis Samuel“. In einem Pariser Vorort wurde der Lehrer Samuel Paty auf der Straße von einem Islamisten ermordet. Foto: dpa/Kira Hofmann
Vor der französischen Botschaft lagen Blumen, Kerzen und ein Blatt mit der Aufschrift „Je suis Samuel“. In einem Pariser Vorort wurde der Lehrer Samuel Paty auf der Straße von einem Islamisten ermordet. Foto: dpa/Kira Hofmann
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Vor gut drei Jahren tötete ein Islamist Samuel Paty, weil dieser Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte. Nun müssen sich sechs ehemalige Schüler, damals zwischen 13 und 15 Jahre alt, vor Gericht verantworten. Ihnen wird eine Teilschuld vorgeworfen.

Es war die Lüge einer Schülerin, die vor gut drei Jahren zu einer Hetzkampagne gegen ihren Lehrer, Samuel Paty, und schließlich zu dessen brutaler Ermordung durch einen Islamisten führte. Es war aber auch die Bereitschaft von fünf Jugendlichen, dem Täter gegen Geld sein Opfer zu zeigen, die die Bluttat erst ermöglichte. Am Montag begann unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor einem Jugendgericht in Paris der Prozess gegen sechs Personen, die zum Tatzeitpunkt zwischen 13 und 15 Jahre alt waren. Der Angreifer, ein 18-jähriger Tschetschene, wurde damals von der Polizei erschossen.

Die Tötung Patys auf seinem Heimweg von der Schule im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine am 16. Oktober 2020 erschütterte Frankreich zutiefst. In der Woche zuvor hatte der 47-jährige Geschichts- und Geografielehrer in einer Stunde über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ gezeigt. Er gab dabei allen muslimischen Jugendlichen die Möglichkeit, wegzusehen. Eine damals 13-jährige Schülerin, die aufgrund von Fehlverhaltens vom Unterricht ausgeschlossen war, wollte dies vor ihren Eltern verbergen und behauptete, sie sei bestraft worden, weil sie sich gegen das Zeigen der Karikaturen gewehrt habe. Sie steht nun wegen falscher Anschuldigung vor Gericht.

Ihr Vater, Brahim Chnina, hatte auf ihre Lüge hin mit dem islamistischen Aktivisten Abdelhakim Sefrioui Droh-Videos gegen Paty gedreht und online verbreitet. Der Lehrer fühlte sich verfolgt und bat einen Kollegen, ihn im Auto mitzunehmen – allerdings nicht an jenem Freitagnachmittag, an dem sein Mörder, Abdouallakh Anzorov, vor dem Schulgebäude auf ihn wartete.

Im 80 Kilometer entfernten Evreux war er über die sozialen Netzwerke auf die Vorwürfe gegen Paty aufmerksam geworden. Er kaufte ein langes Messer, fuhr zu der Mittelschule westlich von Paris und versprach einem Jugendlichen 300 Euro, wenn er ihm den Lehrer zeigte. Der Schüler holte vier Klassenkameraden mit ins Boot, mit denen er die Ausbeute teilen wollte. Weinend sagte er später gegenüber den Ermittlern, er habe nur an das Geld gedacht. Anzorov habe behauptet, er wolle „Herrn Paty dabei filmen, wie er um Verzeihung für die Karikatur des Propheten bittet“.

Einige der Schüler warteten mehr als zwei Stunden lang mit dem Angreifer vor dem Gebäude, bis der Lehrer die Schule verließ. Während die Jugendlichen mit ihren Geldscheinen abzogen, folgte Anzorov Paty, um ihn mit mehreren Messerstichen zu töten, zu enthaupten und ein Foto seines Opfers ins Internet zu stellen.

Die fünf Schüler, die sich laut Ermittlungsrichtern nicht über dessen Mordpläne bewusst waren, sind der „Bildung einer kriminellen Vereinigung mit dem Ziel, eine schwere Gewalttat vorzubereiten“, angeklagt. Ihnen sowie der heute 16-jährigen Teenagerin, mit der die Kampagne gegen den Lehrer begann, drohen bis zu zweieinhalb Jahre Haft. Das Urteil wird für den 8. Dezember erwartet.

Ein zweiter Prozess gegen acht Erwachsene ist Ende 2024 geplant. Unter ihnen sind der Vater der Schülerin, der Islamist Sefrioui, vier Radikalisierte, mit denen der Täter virtuell in Kontakt stand, sowie zwei seiner Freunde, die ihm bei der Vorbereitung der Tat geholfen haben sollen.

Fast auf den Tag genau drei Jahre später tötete im Oktober ein Dschihadist ebenfalls russischer Herkunft den Geschichtslehrer Dominique Bernard im nordfranzösischen Arras – ein fürchterliches Déjà-vue für Frankreich und vor allem das Lehrpersonal.

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