Deutschland Böse Superreiche: Wer ist wirklich schuld am Klimawandel?
„Eine Welt“: Eine neue Studie soll endlich belegen, was wir schon alle lange geahnt haben. Es sind vor allem die Reichen und Superreichen, die den Klimawandel zu verschulden haben. Flugreisen, große Häuser und deutlich mehr Konsum – wohlhabende Menschen tragen laut einer Untersuchung der Organisation Oxfam überproportional zur Erderwärmung bei. In Deutschland sind sie für 15-mal so viel CO2-Emissionen verantwortlich wie ärmere Menschen. Warum die Studie mehr schadet, als sie nützt und was wir mittelreiche Menschen jetzt tun müssen, schreibt unsere Kolumnistin.
Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir Menschen lieben Party und Protest, wollen die Erde retten und trotzdem online shoppen. Dabei setzen wir den Planeten in Brand. Die Klimakrise ist DAS Thema unserer Zeit. Miriam Scharlibbe legt den Finger in die Wunde und schaut dorthin, wo es wehtut: in den Spiegel. Sie kritisiert Verschwendung und Verwerfungen des Kapitalismus, Gedankenlosigkeit und mangelnde Nachhaltigkeit – und hadert dabei ständig mit sich selbst.
Wie klimaschädlich ein Mensch lebt, hat offenbar wesentlich mit dem persönlichen Einkommen und Vermögen zu tun. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung verursachte 2019 laut einer Analyse der Entwicklungsorganisation Oxfam so viele klimaschädliche Treibhausgase wie die fünf Milliarden Menschen, die die ärmeren zwei Drittel ausmachen. Das zeigt der jetzt vorgestellte Bericht „Climate Equality: A Planet for the 99 Percent“.
Dieses so böse wirkende reichste Prozent der Weltbevölkerung ist allerdings eine gar nicht mal so kleine Gruppe: 77 Millionen Menschen sind es, die im Jahr 2019 ganze 16 Prozent der weltweiten Emissionen verursachten – mehr als die Emissionen des gesamten Straßenverkehrs in der Welt.
Das Bild passt ins Bild, möchte man sagen. Zumindest in jenes, das Klimaaktivisten seit Monaten aufzubauen versuchen, wenn sie ihre Farb- und Klebeangriffe gegen Privatjets auf Sylt oder Einfamilienhäuser im Speckgürtel deutscher Großstädte richten. Allerdings spricht Oxfam explizit von Superreichen UND Reichen. Normal-Reiche sozusagen. Aber wen zählt die Studie dazu?
Zum reichsten Prozent der Weltbevölkerung gehören demnach Personen mit einem Jahreseinkommen von mehr als 140.000 US-Dollar, zum reichsten Prozent der deutschen Bevölkerung Personen mit einem Jahreseinkommen von mehr als 256.000 Euro (280.000 US-Dollar). Beide Summen sind ungeheuer hoch. Mindestens ein wohlhabendes Leben sollten Adressaten entsprechender Gehaltschecks führen können. Aber sind sie deswegen „superreich”?
Gerade erst hat Deutschland über Verdienstgrenzen diskutiert, als es um die Frage ging, bis zu welchem Haushaltseinkommen Eltern noch Anspruch auf Elterngeld haben sollten. Im kommenden Jahr, so zunächst der Plan, sollte die Bezugsgrenze für das Elterngeld für Paare auf ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 150.000 Euro sinken.
In den Haushaltsberatungen setzte sich dann die Ansicht durch, dass etwas mehr Großzügigkeit Sinn macht: Ab dem kommenden Jahr greift die Grenze deshalb erst ab einem Vor-Steuer-Einkommen von 200.000 Euro, im Jahr 2025 soll sie auf 175.000 Euro sinken. Die Politik reagierte damit auf Stimmen aus der Wirtschaft, die betonten, dass gerade bei zwei Voll-Verdiener-Elternteilen so eine Summe schnell zustande käme und Mittelständler mit entsprechenden Bezügen auch große Verantwortung für die Zukunft des Landes übernehmen. Interessanterweise war in dieser Debatte immer die Rede von sogenannten „Besserverdienern“.
Zurück zum Klima zeigt auch die Oxfam-Studie: Nur wenige Menschen können sich hier von Verantwortung freimachen. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung waren 2019 nämlich sogar für rund die Hälfte der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Und zu diesen zehn Prozent gehören rund 53 Prozent der Deutschen. Wie reich oder arm jemand ist, entscheidet sich natürlich nicht nur am Einkommen, sondern auch am Vermögen und daran, wie viele Personen er von diesem Geld versorgen muss. Trotzdem sagen verschiedene Berechnungen für Deutschland, dass man bereits mit 3.700 Euro netto zu den einkommensreichsten zehn Prozent gehört – ab 5.270 Euro netto sogar zu den reichsten drei Prozent.
Was all diese Zahlen zwischen den Buchstaben aber vor allem zeigen: Eine vermeintliche Gerechtigkeitsdebatte, getarnt als Schuldzuweisung an Wohlhabende, hat noch keinen Baum gerettet und uns keinem Klimaziel näher gebracht. Denn am Ende ist, so pathetisch es klingt, die Rettung des Planeten nur als Teamaufgabe zu machen.