Hamburg  Utrechts Bürgermeisterin sicher: Bargeld-Kultur lockt Kriminelle nach Deutschland

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 22.11.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Polizist sichert Spuren an einem gesprengten Geldautomaten. Die Täter kommen fast immer aus den Niederlanden, häufig aus der Großstadt Utrecht. Warum ist das so? Foto: dpa
Ein Polizist sichert Spuren an einem gesprengten Geldautomaten. Die Täter kommen fast immer aus den Niederlanden, häufig aus der Großstadt Utrecht. Warum ist das so? Foto: dpa
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Utrecht, immer wieder Utrecht! Wenn in Deutschland ein Geldautomat in die Luft gesprengt wird, führt die Spur immer wieder in die niederländische Großstadt. Dutzende Utrechter sitzen in Deutschland im Gefängnis. Was ist da los? Ein Gespräch mit Bürgermeisterin Sharon Dijksma.

Viel Zeit hat Sharon Dijksma nicht. Gerade einmal 15 Minuten hat die Bürgermeisterin von Utrecht für ein Gespräch über Geldautomatensprenger, auf Niederländisch ,Plofkrakers’. Das ist immerhin etwas mehr, als die Sprengung eines Automaten im Schnitt dauert: Die Täter kommen in der Nacht aus den Niederlanden über die Grenze nach Deutschland, platzieren Sprengstoff und jagen den Automaten – manchmal samt Gebäude – in die Luft.

Danach geht es im halsbrecherischen Tempo zurück in die Niederlande, mal mit Zehntausenden Euro Beute, mal ohne einen Cent. Immer wieder schnappt die deutsche Polizei Täter auf der Flucht. Oder sie verunglücken wie kürzlich in Thüringen: Ein Fluchtfahrzeug samt vier mutmaßlichen Geldautomatensprenger landet in einem Fluss. Drei Männer können sich befreien, ein vierter stirbt im Auto, seine Heimatstadt: Utrecht.

Die Großstadt bildet mit Amsterdam die Hochburg der Szene. Der Nachschub an Tätern scheint unerschöpflich. Auf jeden Ermittlungserfolg auf deutscher Seite folgen neue Sprengungen wenige Tage später. Hat Bürgermeisterin und Sozialdemokratin Dijksma eine Erklärung?

Frage: Frau Dijksma, in Deutschland fliegt fast jeden Tag ein Geldautomat in die Luft. Wenn Täter geschnappt werden, kommen sie sehr häufig aus Utrecht, der Stadt, in der Sie regieren. Besonders im Fokus: der Stadtteil Overvecht. Was ist da los?

Antwort: Wir sind natürlich nicht stolz darauf, dass so viele Täter aus unserer Stadt kommen. Ich möchte betonen, dass es nicht allein der Stadtteil Overvecht ist, aus dem die Automatensprenger kommen. Auch andere Stadtteile sind betroffen.

Frage: Wie groß ist denn Ihrer Meinung nach der Personenkreis?

Antwort: Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass in der Region Utrecht 400 junge Männer leben, die Täter werden könnten oder bereits geworden sind. 

Frage: Auffällig ist, dass gefasste Täter häufig einen Migrationshintergrund haben. Handelt es sich um ein Integrationsproblem?

Antwort: Ich glaube, es ist eher ein Problem mangelnder Perspektive. Und da reden wir bereits über 12- oder 13-Jährige ohne Aussicht auf ein erfolgreiches Leben. Das heißt in solchen Fällen manchmal schon: Statussymbole wie Markenkleidung oder Turnschuhe kaufen können. Automatensprenger können sich das in der Regel leisten aufgrund ihrer Taten. Das zieht Nachwuchs an. Was sie übersehen, ist allerdings das sehr hohe Risiko, das sie eingehen. Erst letzte Woche ist wieder ein junger Mann aus Utrecht, ein Automatensprenger, auf der Flucht vor der Polizei in Deutschland mit seinem Auto verunglückt und gestorben. 

Frage: In Deutschland haben die Sicherheitsbehörden aufgerüstet. Immer mehr Automatensprenger werden gefasst. Aber der Strom scheint unendlich. Was kann die Stadt Utrecht da vielleicht machen?

Antwort: Wir haben eine Strategie entwickelt, die auf Repression und Prävention setzt, sprich: Druck aufbauen auf diejenigen, die kriminell sind – da sind vor allem die Sicherheitsbehörden aktiv. Und bei denen, die in die Kriminalität abdriften könnten, Angebote schaffen. Da arbeitet die Stadt beispielsweise eng mit einem Boxclub in Overvecht zusammen, um alternative Angebote zu schaffen. Wir sind sehr eng an den jungen Leuten dran und gehen auch in die Familien hinein. Wenn die jungen Männer schon im Gefängnis sitzen, besuchen wir sie dort und kümmern uns um sie. Wir versuchen beispielsweise einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Wenn sie sonst ohne Perspektive aus dem Gefängnis kommen, liegt es doch nahe, dass sie wieder in das Automatensprenger-Geschäft einsteigen.

Frage: Und das hat Erfolg?

Antwort: Noch ist es zu früh für ein Fazit. Das kostet viel Geld und ist sehr arbeitsintensiv. Nicht immer werden wir erfolgreich sein. Das ist klar. Aber ich denke, so können wir das Problem eindämmen. Was häufig zu beobachten ist: Die kriminelle Karriere hat mit kleineren Delikten begonnen. Dann kamen die Sprengungen von Geldautomaten. Und wenn man darin sehr erfolgreich ist, kann man sich ins Drogengeschäft einkaufen. Das ist das giftige Ökosystem, das wir zerstören wollen.

Frage: Welchen Anteil hat Deutschland an dem Problem?

Antwort: Ein Teil des Problems ist natürlich die Bargeld-Kultur in Deutschland. Mir wurde das auch erst richtig klar, als ich in Deutschland in einem Café einen Saft ohne Bargeld bezahlen wollte. Ich musste erst einmal einen Geldautomaten suchen gehen. In den Niederlanden wäre das undenkbar. Hier kann man überall mit der Karte oder dem Handy bezahlen. Und Geldautomaten wurden so nachgerüstet, dass sie nicht mehr ohne Weiteres gesprengt werden können. Das ist natürlich auch ein Grund dafür, warum Deutschland als Ziel für Kriminelle so attraktiv ist. 

Ziemlich genau 15 Minuten nach Gesprächsbeginn muss Dijksma weiter, der nächste Termin steht im Kalender der Bürgermeisterin. Für Utrecht sind die Geldautomatensprengungen in Deutschland ein Problem, ein Thema, aber eben nur eines von vielen. Wenige Tage nach dem Gespräch kommt es zur nächsten großen Razzia gegen die Szene. Auch in Utrecht werden Wohnungen durchsucht. Die deutschen Ermittler sind sicher, auch Hintermänner geschnappt zu haben. Es dauert nur wenige Tage, da fliegen in Deutschland wieder Automaten in die Luft.

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