Osnabrück  IG Metall-Verhandler: „Work-life-Balance ist doch kein Schimpfwort“

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 20.11.2023 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Führt auf Gewerkschaftsseite die Verhandlungen in der nordwestdeutschen Stahlindustrie: Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW. Foto: dpa/David Young
Führt auf Gewerkschaftsseite die Verhandlungen in der nordwestdeutschen Stahlindustrie: Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW. Foto: dpa/David Young
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Knut Giesler kann mit dem Lamento über die angeblich wachsende Faulheit der Deutschen nichts anfangen. „Wir sind kein Land, in dem sich alle ausruhen“, sagt der Gewerkschafter – und attackiert auch den „Stahlbaron“ Jürgen Großmann und CDU-Chef Friedrich Merz.

Geht es nach Knut Giesler, dürfen sich Deutschlands Stahlarbeiter in der Zukunft auf eine Vier-Tage-Woche freuen. Der Bezirksleiter der IG Metall NRW verhandelt für mehr als 75.000 Beschäftigte in der nordwestdeutschen und ostdeutschen Stahlindustrie mit den Arbeitgebern. Wir haben den gelernte Energieanlagen-Elektroniker bei der Vorbereitung der am Donnerstag beginnenden zweiten Tarifrunde zum Gespräch im Osnabrücker DGB-Haus getroffen.

Frage: Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer fordert aktuell kürzere Arbeitszeiten für Bahnmitarbeiter im Schichtdienst bei gleichzeitigem vollen Lohnausgleich. Hat die GDL Ihre Solidarität, Herr Giesler?

Antwort: Meine Solidarität haben die DGB-Gewerkschaften und dazu gehört die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG und nicht die GDL. Aber die Grundidee ist natürlich nicht verkehrt.

Frage: Die Anspielung ist also angekommen...

Antwort: Als IG Metal haben wir zu Beginn der Tarifrunde für die Beschäftigten der Eisen- und Stahlindustrie neben einer Entgelterhöhung von 8,5 Prozent eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich gefordert. Und das bleibt auch in der zweiten Runde in dieser Woche auf dem Tisch.

Frage: Wie passt das ausgerechnet in eine Zeit der wirtschaftlichen Rezession und des Fachkräftemangels?

Antwort: Das passt sehr gut. Mit dem Wandel zu grün produziertem Stahl und damit verbundenen Technologien wird der Druck auf die Beschäftigung steigen. Und das wollen wir mit einer Arbeitszeitverkürzung kompensieren, denn der technologische Wandel kann ja nicht allein auf dem Rücken der Arbeitnehmer geschehen; dem muss eine soziale Transformation gegenüberstehen, und das bedeutet vor allem Beschäftigungssicherung.

Frage: Laut der Stahl-Arbeitgeber zieht das Argument nicht, weil in den nächsten Jahren Tausende Beschäftigte ohnehin in Rente gehen.

Antwort: Ich verwehre mich dagegen, dass wir Personalabbau über die Entwicklung der Demographie gestalten und die Stahlbranche immer kleiner werden lassen. Ich möchte mit soviel Menschen aus der Transformation herauskommen, wie wir heute haben. Und was den Fachkräftemangel betrifft: Sobald eine dunkle Wolke am Horizont erscheint, wird zum Teil mit sehr viel Geld Personal abgebaut, im Stahl waren es in den vergangenen drei Jahren 7000 Arbeitsplätze, also acht bis neun Prozent der Beschäftigten. Heute schreien die Arbeitgeber dann um Hilfe. Der Fachkräftemangel ist durch und durch hausgemacht.

Frage: Dennoch lässt er sich nicht wegreden...

Antwort: Das stimmt, deshalb brauchen wir eine Attraktivitätskampagne, um kluge Köpfe für den Stahl zu gewinnen. Und dazu gehören attraktive Arbeitszeiten. Bundesweit haben wir 2,64 Millionen Menschen in der stillen Reserve, die aus Gründen von schwierigen Arbeitszeiten nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wenn wir Arbeitszeit reduzieren und dabei noch stärker individuelle Bedürfnisse berücksichtigen, können wir Menschen aus der stillen Reserve in Arbeit bringen. Am Ende ist das doch auch unsere gesellschaftspolitische Aufgabe als Gewerkschaft. Wenn ich Normalarbeitszeit reduziere und den Vollzeitbeschäftigten so mehr Freiraum auch für Sorgearbeit gebe, können mehr Menschen, die im Moment nicht Vollzeit arbeiten können, ins Berufsleben einsteigen.

Frage: Was macht Sie optimistisch, dass die Produktivität trotz kürzerer Arbeitszeiten nicht leidet?

Antwort: Wir haben Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten. Jede Arbeitszeitverkürzung ist mit einer erhöhten Produktivität einhergegangen; schon allein deshalb, weil die technische Entwicklung für einen Produktivitätsschub sorgt. Seit über 25 Jahren stellen wir jährlich zwischen 38 und 42 Millionen Tonnen Stahl in Deutschland her; und das mit immer weniger Beschäftigten. Das beantwortet die Produktivitätsfrage ja wohl. Außerdem hat jede Arbeitszeitverkürzung sinkende Krankenstände gebracht, die Menschen bleiben länger gesund – und das ist gerade für Beschäftigte im Schichtdienst, wie wir sie im Stahl haben, wichtig. Angesichts sinkender Rentenniveaus werden künftig mehr Kollegen jenseits der 60 im Schichtdienst arbeiten, das wird aber nur gehen, wenn man Belastung reduziert.

Frage: Der Stahlunternehmer Jürgen Großmann (Gesellschafter der Stahlgruppe Georgsmarienhütte; d. Red.) hat uns im Interview jüngst gesagt: „Deutschland strebt offenbar in eine nicht mehr leistungsorientierte, sondern nur noch genussfixierte Gesellschaft”. Damit spielt er auch auf die Debatte um kürzere Arbeitszeiten an. Was entgegnen Sie?

Antwort: Ein Herr Großmann kann das aus seiner Position leicht sagen, er kann sich schließlich jede Freizeit dieser Welt erkaufen. Das können Stahlarbeiterinnen und Stahlarbeiter nicht. Da trifft letztlich auch heute noch Kapital auf Arbeit. Manche Menschen sind der Meinung, Work-live-Balance sei ein Schimpfwort. Ich bin nicht dieser Ansicht. Unser Job als Gewerkschafter ist es, Arbeitnehmern ein gutes Leben zu gestalten.

Frage: Sie halten also nichts von einer Debatte um die Leistungsbereitschaft der Deutschen, wie sie auch CDU-Chef Friedrich Merz angestoßen hat?

Antwort: Ausgerechnet ein Privatjet-Flieger...

Frage: Auch eine Reihe von Ökonomen und Unternehmen mahnen, Wohlstand müsse erwirtschaftet werden...

Antwort: Die andauernden Anstöße für mehr Leistungsbereitschaft kommen immer von jenen, die in der privilegierten Lage sind, selbst bestimmen zu können, wo ihre Belastungsgrenzen sind. Das haben Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, nicht. Das muss man anerkennen. Wir sind kein Land, in dem sich alle ausruhen. Wir haben hoch verdichtete Arbeitstakte. Das gilt sowohl für den Angestelltenbereich wie für den Produktionsbereich. Die meisten Beschäftigten arbeiten mit einer enormen Leistungsbereitschaft, das sehe ich tagtäglich draußen im Land. Ansonsten wäre unsere Volkswirtschaft doch gar nicht so erfolgreich geworden. Aussagen zur mangelnden Leistungsbereitschaft tragen nur dazu bei, die Gesellschaft stärker zu polarisieren. Der Rechtsruck in der Gesellschaft kommt doch nicht dadurch, dass da plötzlich überall neue Nazis sind.

Frage: Sondern?

Antwort: Da geht es um Menschen, die Angst haben, weil sie entweder wirtschaftlich schon zurückgelassen wurden oder aber abgehängt zu werden drohen. Und da sind wir wieder beim eingangs erwähnten Stichwort soziale Transformation. Wir müssen den Menschen Perspektiven bieten, sichere Arbeitsplätze und die Sicherheit, im Ruhestand vernünftig leben zu können. Das ist eine zentrale Aufgabe von Gewerkschaften. Wenn wir das vergessen, entsteht eine zurückgelassene Gesellschaft, und eine solche neigt zu extremen Fronten, die wir alle nicht wollen.

Frage: Gewerkschaftsarbeit als AfD-Prophylaxe?

Antwort: Ich verstehe es als Prophylaxe gegen Extreme jedweder Art. Menschen neigen dazu, Extreme zu wählen, wenn sie das Gefühl haben, sie haben keine Zukunft mehr. Wir als IG Metall wollen Zukunft gestalten.

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