Schwerin  Sozusagen ein „Indianerbeauftragter“?

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 19.11.2023 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Konferenz zu Ostdeutschland 2030 Foto: Hendrik Schmidt
Konferenz zu Ostdeutschland 2030 Foto: Hendrik Schmidt
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Wenn jemand die Institution „Ostbeauftragter der Bundesregierung“ infrage stellt, hat er meine Sympathie. Gleichwohl interpretiert der Amtsinhaber Carsten Schneider (SPD) seinen Job gerade ziemlich cool. Quasi als „Indianerbeauftragter“, wie Begriffskritiker Dirk Oschmann meint.

Carsten Schneider ist eine Art Wanderprediger. Der Ostbeauftragte scheut sich neben den großen, pathetischen Auftritten auch nicht, in ein wirklich abgelegenes Gutshaus in der Prignitz zu fahren wie neulich, um dort mit einigen Multiplikatoren der Region ein munteres und kontroverses „Abendbrotgespräch“ zu führen.

Am Freitag eröffnete Schneider in Leipzig eine hoch offiziöse Konferenz namens „Ostdeutschland 2030 - Heimat und Zukunft“. Eine Bemerkung aus einem Interview, das zuvor die „Leipziger Volkszeitung“ mit ihm führte, geisterte kurz durch die Medien: „Im Ausland sind die Ostdeutschen die Mutigen, die Coolen, die die Unterdrückung bekämpft und die Freiheit errungen haben.“ Im Gegensatz dazu, beklagte er, gebe es in der „alten Bundesrepublik“ nicht nur noch immer ein „weit verbreitetes mangelndes Interesse für den Osten“, sondern in den vergangenen drei Jahrzehnten hätten sich einige Vorurteile über den Osten geradezu verfestigt.

„Dazu passt auch, dass ungefähr ein Fünftel der Westdeutschen noch nie im Osten war – aber die wenigsten Ostdeutschen noch nie im Westen.“ Den Satz penetriert Schneider bei beinahe jedem öffentlichen Auftritt. Ostdeutsche sollten selbstbewusster auftreten, rät er. „Wir brauchen einen neuen Blick auf den Osten, daran arbeite ich.“

Dabei hilft ihm offen gestanden eine neue Generation von Wissenschaftlern und Autoren, die gelernt haben, dass medienökonomisch die Zuspitzung ein probates Mittel ist, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie der Leipziger Sprach-Professor Dirk Oschmann, der mit seinem Zornesbuch „Der Osten - eine westdeutsche Erfindung“ einen Diskurs mit anstieß, der ihm bis heute volle Lese-Säle bundesweit garantiert.

Jüngst lieferte sich Oschmann in der „Zeit“ ein Streitgespräch mit Schneider, dessen Amt er in seinem Buch für überflüssig, gar schädlich erklärt hatte. In dem Streitgespräch fiel ein Satz für die Geschichtsbücher: „Aber mir hat neulich ein Freund, der seit 30 Jahren in den USA lebt, berichtet“, sagte Oschmann, „dass es dort ein Bureau of Indian Affairs gibt. Also quasi einen, wenn man so sagen darf, ‚Indianerbeauftragten‘. Na, und Deutschland hat eben einen Ostbeauftragten.“ 

Schneider konterte diese Zuspitzung: „Natürlich kenne ich diesen ablehnenden, herablassenden Blick des Westens, den Sie beschreiben. Aber ich ziehe daraus andere Schlüsse. Ich trete dafür ein, sich nicht als Opfer zu verstehen, nicht als Homo sovjeticus. Sondern sich selbst zu ermächtigen.“ Nun, das scheint auch dank dieses Diskurses langsam zu funktionieren. Schneider nennt den Osten eine „Zukunftsregion und einen Seismografen für Entwicklungen im ganzen Land“. Allerdings seien nur zwölf Prozent der Führungspositionen in Wissenschaft, Justiz, Medien und anderen Bereichen Ostdeutsche. „Ich will, dass mehr Ostdeutschland am Tisch sitzt und mitentscheidet.“ Da ist er ganz bei Oschmann.

Und Schneiders Dienstherr, Kanzler Olaf Scholz, räumte am Freitag in Leipzig ein, es gäbe nach wie vor Probleme, die gelöst werden müssten. Doch beide promoten natürlich eher die Hoffnungsschimmer: die Investitionen der Autokonzerne in die Elektromobilität etwa oder die Halbleiterproduktion, die laut Schneider mit Bedacht in den Osten platzierte Milliardeninvestitionen seien, die industrielle Strukturen und mittelständisches Umfeld etablieren sollen - nachdem drei Jahrzehnte vor allem „verlängerte Werkbänke“ westdeutscher Unternehmen gefördert wurden. Aber auch die Ansiedlung neuer Forschungsinstitute, bevorzugt im Osten.

Gemessen am medialen Echo dieser Konferenz in der deutschen Medienlandschaft allerdings stehen wir wieder am Anfang dieser Kolumne: Es interessiert im Rest der Republik eigentlich niemanden.

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