Osnabrück  So hat ein 55-Jähriger 88 Kilo abgenommen - ohne Magen-Verkleinerung

Meike Baars
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Von Meike Baars
| 19.01.2024 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Ralf Döhr hat 88 Kilogramm abgenommen und sein Gewicht damit fast halbiert Foto: Jörn Martens
Ralf Döhr hat 88 Kilogramm abgenommen und sein Gewicht damit fast halbiert Foto: Jörn Martens
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Ralf Döhr wog 182 Kilogramm. Zeit seines Lebens hasste er sein Übergewicht, aber er schaffte es nie nachhaltig abzunehmen. Doch dann gelang es ihm, sein Gewicht innerhalb von zwei Jahren zu halbieren. So hat der 55-Jährige seine Adipositas besiegt.

Es gibt kaum Fotos von Ralf Döhr. Auf Gruppenbildern platzierte er sich hinten in der letzten Reihe. Wenn er merkte, dass jemand die Smartphone-Kamera auf ihn richtete, versteckte er sich so gut es ging. Auf Partys oder Familienfeierlichkeiten sorgte er dafür, dass niemand ihn ablichtete.

„Das war Teil meiner Verdrängungsstrategie“, glaubt der 55-Jährige heute. „Wenn es keine Fotos gibt, die zeigen, wie dick ich bin, dann bin ich vielleicht gar nicht so dick.“ Auch in den Spiegel schaute der Osnabrücker nur selten und die Kleidung bestellte er meist im Internet.

Dass er in seiner dicksten Phase die Größe 7XL brauchte: Auch das konnte der Osnabrücker irgendwie ausblenden, wenn er sich nur nicht zu sehr damit befasste, wie er erzählt.

Dabei wirkte sich sein massiger Körper in jedem Lebensbereich aus, auch wenn die Adipositas bei ihm noch keine schweren Folgeerkrankungen auslöste. Nach kurzen Strecken zu Fuß war er außer Atem, Treppensteigen war eine Qual. Vor einem Umzug überlegte er ernsthaft, ob es tragbar wäre, eine Wohnung zu nehmen, die 300 Meter von der nächsten Bushaltestelle entfernt lag. Wenn er sich aufs Fahrrad setzte, bekam er seinen Bauch noch so gerade hinter den Lenker gequetscht. Manche Körperteile erreichte er nur noch mit Hilfsmitteln. Im Auto brauchte er eine Gurtverlängerung.

Ein Teufelskreis. „Ich bin esssüchtig“, sagt der 55-Jährige heute und er ist davon überzeugt, dass diese schonungslose Ehrlichkeit mit sich selbst ihm endlich geholfen hat, abzunehmen. Und zwar nachhaltig, ohne dass nach kurzer Zeit der Jo-Jo-Effekt alles zunichtemacht.

Seinen Kampf gegen das Übergewicht führt Döhr wie ein Süchtiger, der von einer Droge loskommen will, eisern und ohne Ausnahmen. Die Erfahrung hat ihn gelehrt: Wenn er ein paar Mal schwach wird, dann kann er sich nicht mehr zügeln.

„Wir maximal Dicken nehmen unsere Figur gerne als schicksalhaft wahr. So, als könnten wir nichts daran ändern. Wir glauben, Dünne hätten Glück, weil sie nicht ständig aufpassen müssen, was sie essen. Aber das stimmt ja nicht. Die machen das, was ich seit zwei Jahren mache, Zeit ihres Lebens.“

Bisher war Döhr mit Diäten früher oder später gescheitert. Wenn die ersten Kilos gepurzelt und Erfolge sichtbar geworden waren, bekam er Komplimente. „Man erkennt dich ja kaum wieder!“ „Respekt, wie du das geschafft hast!“ Heute weiß Döhr, dass ihn diese gut gemeinte Bestätigung schwach werden ließ. „Es stellte sich eine Zufriedenheit ein, die nicht gut für mich ist.“

Mit 140 statt 180 Kilo Körpergewicht fühlte sich der Qualitätsmanagementbeauftragte des Marienhospitals auf einmal schlank. „Dann kann ich mir ja jetzt mal wieder was gönnen“, habe er gedacht – und damit eine neue Spirale aus Heißhungerattacken und schlechtem Gewissen in Gang gesetzt. Fress-Flashs nennt er die Attacken. Beinahe täglich erlebte er sie. „Wie von Sinnen“ habe er gegessen.

Gescheiterte Diätversuche ziehen sich durch sein Leben wie ein roter Faden. Schon als junges Kind war Ralf Döhr zu dick. Seine Mutter hatte ihn als Frühchen bekommen. Ein zartes Kind, das sie aufpäppeln müsse, habe eine Hebamme ihr nach dem Krankenhaus mit auf den Weg gegeben, erzählt Döhr. „Das habe ich getan“, soll die Mutter stolz auf Familienfeiern gesagt haben.

Doch ihr Kind aß deutlich mehr als es brauchte. „Meine älteste Gewichtserinnerung ist, dass ich mit zehn Jahren schon mehr als 100 Kilo gewogen habe“, sagt Döhr. Auf einem Bauernhof aufgewachsen musste er sich zwar körperlich betätigen, aber Sport trieb er nicht. „Im Sportunterricht wurde ich immer als letzter gewählt.“

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Dass er in der Schule nicht zum Außenseiter wurde, verdankte er als Jugendlicher wohl seinem lockeren Mundwerk und seinem Gerechtigkeitssinn, glaubt Döhr im Rückblick. „Ich war der Klassenclown und immer in der Lage, verbal dagegen zu halten.“

Nun, nach Jahrzehnten als adipöser Mensch, hat der Osnabrücker eine Kehrtwende geschafft. Seit knapp zwei Jahren nimmt er jeden Tag rund 145 Gramm Körpergewicht ab. Jede Woche fällt ein Kilo – und das ohne Operation.

Dabei stammte sein erster Antrieb für die nun erfolgreiche Diät sogar daher, dass er mit dem Gedanken einer OP spielte. „Papa, du musst was tun“, hatten seine Töchter ihm ins Gewissen geredet. Bei einer Körpergröße von 1,82 Meter wog er 182 Kilo. Ein Body-Mass-Index von 55 gilt als hochgradig adipös und gesundheitsschädlich.

Damit die Krankenkasse die Kosten einer OP übernimmt, hätte Döhr nachweisen müssen, dass er es zunächst ohne Eingriff versucht hat. „Ich habe mir die Liste der Erfordernisse angeschaut und gedacht: Moment mal, wenn ich das alles mache, kann ich es auch ohne OP schaffen. Ich hatte plötzlich wieder ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.“

Dieses Gefühl fehle vielen Übergewichtigen, glaubt Döhr. Sie sähen sich hilflos einer Situation ausgeliefert, aus der sie nicht herauskommen könnten. So ging es ihm ja selbst viel zu lang.

Als ihm zum Jahreswechsel 2021/2022 ein fiebriger Infekt den Appetit nahm, begann Döhr mit seiner Diät. „Das nutze ich jetzt“, sei sein Gedanke gewesen. Er begann, komplett auf Zucker zu verzichten. Süßspeisen und Kuchen sind seitdem tabu. Außerdem ließ er eine Mahlzeit des Tages weg. „Ich kann nicht mit knurrendem Magen ins Bett gehen. Also musste es das Frühstück sein.“

Morgens gibt es nur einen Kaffee mit Kaffeeweißer. Mittags und abends isst Döhr vollwertige Mahlzeiten – allerdings achtet er darauf, dass sie nicht zu fettig sind. Diese Form des Intervallfastens hält er nun seit beinahe zwei Jahren ein.

88 Kilo hat Döhr verloren. Noch gilt er als leicht übergewichtig, aber es wird nicht mehr lange dauern, dann hat der 55-Jährige endlich das erreicht, wonach er eigentlich schon immer strebte: Normalgewicht.

Wie hat er es geschafft, seinem Ziel so nah zu sein wie noch nie? Döhr glaubt, dass ihm mehrere Einsichten geholfen haben. Die Erkenntnis, dass er esssüchtig sei. Nicht in Verboten zu denken, sondern Etappenzielen. „Ich darf das nicht essen“, versuche er möglichst nicht mehr zu denken. „Ich will das nicht essen“, sei für ihn die richtige Herangehensweise.

Sie zeigt Erfolg. Inzwischen habe er die Lust auf Pommes oder Bratwurst verloren. Außerdem konfrontiere er sich jeden Tag mit seinem Körper. „Ich stelle mich nackt vor den Ganzkörperspiegel und schaue mir das Elend an.“

Ein weiterer Baustein war für ihn eine Selbsthilfegruppe, die er mit ins Leben rief. Jedes Treffen beginnt wie bei den Anonymen Alkoholikern mit einem Bekenntnis: „Ich bin Ralf und ich bin zu dick.“ Die Ausrichtung der Gruppe sei ihm sehr wichtig gewesen, betont Döhr. Es sollte nicht um sogenannte „body positivity“ gehen, also um ein gutes Gefühl in einem Körper, der von anderen abgewertet wird, sondern um das Ziel, das eigene Gewicht zu reduzieren – und zwar mit konventionellen Diätmethoden.

Das, was für Döhr früher gefährlich war – übermäßiger Applaus für kleine Etappenziele – gibt es in der Selbsthilfegruppe nicht. Die Geschichten der anderen Teilnehmer seien seiner eigenen Geschichte sehr ähnlich. Deshalb gehen sie offen und ehrlich mit sich ins Gericht. „Wir machen uns gegenseitig auch mal unzufrieden“, sagt Döhr.

Ihm halfen zwei weitere mentale Tricks dabei, stark zu bleiben. Wenn er kurz vor einer Heißhungerattacke steht, hilft es ihm, etwas Ekliges in den Mund zu nehmen. Döhr entschied sich für löslichen, entkoffeinierten Kaffee. „Das ist eklig genug, um jeglichen Appetit zu vertreiben, aber nicht zu eklig, sonst würde ich es ja gar nicht machen.“

Inzwischen reicht oft der Gedanke ans Kaffeeregal. Letztens war der 55-Jährige mit seinen Töchtern im Kino. Eine hatte sich eine Portion Nachos geholt, von denen der Vater eine Hand voll probierte. „Ich war kurz davor zur Kasse zu gehen, um mir eine eigene Portion zu holen. Da habe ich an den Kaffee gedacht. Ich will das einfach nicht mehr.“

Eine andere Hilfe passt genau in Ralf Döhrs Hand. Es ist ein besonderer Stein, den er sich für einen bestimmten Zweck gekauft hat: Er soll seine Finger beschäftigen, damit sie nicht nach Essen greifen.

Unzählige Male hat Döhr den Stein inzwischen in den Händen gewogen, mit ihm gespielt und ihn festgehalten. Der geschliffene Amethyst hat die Farbe von Fett und erinnert ihn an das Gewicht, das er seit fast zwei Jahren jeden Tag abnimmt: Der Stein wiegt 145 Gramm.

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