Osnabrück Einst ein Skandal: Umkämpfte Impressionisten sind heute Bremens Glanzlichter
Einen Monet kaufen? Um 1900 liefert dieses Vorhaben Stoff für Skandale. Die Bilder der Impressionisten waren umstritten. In Bremens Kunsthalle kann nun nachvollzogen werden, wie moderne Kunst zum Streitfall wurde.
„Man wird es mir hoffentlich nicht als Vaterlandslosigkeit auslegen, wenn ich mit den Franzosen beginne“, schreibt Pauli 1909 über seine ersten Ankäufe für das Bremer Museum. Wie andere Kunstexperten auch, sieht der streitbare Museumsdirektor die französischen Künstler als Bannerträger der Moderne. Wer damals Monet kauft, kann sich gleichwohl auf Widerspruch gefasst machen.
Das Musterbeispiel: Claude Monets Gemälde „Camille“: Eine Frau in schwarzer Jacke mit braunem Pelzbesatz und einem lang fallenden Rock in Grün und Schwarz – ein Ärgernis, gar ein Skandal? Das Bildnis von Monets Lebensgefährtin Camille Doncieux von 1866, gehört heute zu den Prunkstücken der Sammlung der Bremer Kunsthalle.
1906 geht Gustav Pauli, Direktor der Kunsthalle, mit dem Ankauf in die Kontroverse und das nicht nur deshalb, weil lebensgroße Porträts wie jenes von Monet zu seiner Zeit immer noch Personen von Stand vorbehalten waren. Frankreich galt obendrein in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als der sogenannte Erbfeind.
Heute feiert der Kunstverein in Bremen nicht nur mit Monets Camille seinen 200. Geburtstag. Die einst abgelehnten Impressionisten gelten seit vielen Jahren ohnehin als Lieblinge des Kunstpublikums. Bremen fährt jetzt groß auf, gerade mit ihnen. Ob ein Bildnis von Édouard Manet, Treibhauspflanzen von Pierre-Auguste Renoir oder die Landschaft bei Ennery von Camille Pissarro – diese und weitere Gemälde fügen sich zu einem Parcours der Kostbarkeiten.
Ein duftiges, aber leichtes Kunstbouquet zum Jahrestag? So ließe sich die die Ausstellung „Geburtstagsgäste“ in der Bremer Kunsthalle obenhin genießen. Wer genauer schaut, entdeckt in den Bildern allerdings Belegstücke für einen bürgerlichen Befreiungskampf.
Auch wenn für diesen Kampf vor über einhundert Jahren niemand buchstäblich auf die Barrikaden geht – mit ihrem Votum für eine neue Kunst setzt sich trotzdem eine neue Gesellschaftsschicht durch, jenes städtische Bürgertum, das zwar nach außen kaisertreu ist, sich im wilhelminischen Hofzeremoniell aber schon lange nicht mehr wiederfindet.
In Berlin muss Museumsdirektor Hugo von Tschudi noch den Kaiser um Erlaubnis fragen, wenn er Kunst ankaufen oder ausstellen will. Franzosen kommen Wilhelm II. erst einmal nicht ins Haus. Ähnlich kämpft sich Gustav Pauli durch, der bis 1914 in Bremen bleibt und dann an die Hamburger Kunsthalle wechselt. Gemeinsam mit kunstsinnigen Bremer Großbürgern bildet er einen Bund der Begeisterten, die sich für die neue Kunst engagieren.
Der Kunstverein in Bremen, der nun seinen Geburtstag feiert, ist mit über 10000 Mitgliedern nicht nur einer der größten Vereine dieser Art in Deutschland. In Bremen übertrifft ihn ohnehin nur der Sportverein Werder in der Zahl der Mitglieder. Der Kunstverein trägt auch die Kunsthalle. Das Kunstmuseum Bremens ist also ein privates, kein kommunales oder gar staatliches Haus. Auf dieser Grundlage erst kann ermessen werden, wie mit Kunstankäufen in dieser Stadt seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Kunst- auch Gesellschaftsgeschichte geschrieben wird.
„Und ferner gehört noch Mut dazu, moderne Bilder zu kaufen, einen Degas vielleicht. Der steht noch nicht, wie ein alter Meister, jenseits von Gut und Böse“, beschreibt Emil Waldmann, der Gustav Pauli als Direktor der Bremer Kunsthalle folgen wird, 1910 in einem Artikel über „Moderne Bildersammler“.
Waldmann weiß, wovon er spricht. Zur gleichen Zeit entbrennt in Bremen, was unter dem Stichwort des deutschen Kunststreits in die Geschichte eingehen wird. Der Ankauf eines Gemäldes von Vincent van Gogh bringt Kritiker wie Artur Fitger, aber auch den Worpsweder Maler Carl Vinnen auf die Barrikaden. Ihr Vorwurf: Französische Künstler werden bevorzugt, deutsche Maler haben das Nachsehen. Sogar Wassily Kandinsky und Franz Marc schalten sich in die Debatte ein.
Heute hängt van Goghs „Mohnfeld“ von 1889 in der Bremer Ausstellung, bestaunt von einem Publikum, das die einstige Moderne längst als neue Klassik akzeptiert hat. Hinzu kommen viele weitere Meisterwerke von Manet, Degas oder Paul Cézanne. Nicht nur diese Gemälde sind bestechend schön, weil überlegt präsentiert. Mit dem Saal, der gleich drei Versionen von Auguste Rodins Plastik „Das eherne Zeitalter“ und zwei Exemplare seines „Johannes der Täufer“ versammelt, gelingt ein Glanzstück der Ausstellungskunst.
Kuratorin Dorothee Hansen hat den Parcours nicht nur einnehmend schön komponiert. Sie breitet auch die genau recherchierten Hintergrundinformationen zu den Exponaten aus. Mit ihren Ankaufsgeschichten entsteht ein plastisches Bild jenes Netzwerks, das in Bremen vor über 100 Jahren mit der neuen Kunst auch ein frisches soziales Selbstgefühl entwickelt.
Dorothee Hansen und ihr Team fügen in die Präsentation auch gleich noch Fotos jener Interieurs ein, die die Bilder der Impressionisten in den großbürgerlichen Häusern einst rahmten. Wer wusste etwa, dass der Bremer Dichter Rudolf Alexander Schröder um 1900 Inneneinrichtungen gestaltete, zu denen auch die Bilder der neuen Kunst aus Frankreich gehörten.
Wer auf sich hielt, wollte modern und auf der Höhe seiner Zeit sein – mit neuer Kunst. Ist es heute nicht noch genau so? Die Bremer Kunsthalle entwirft ein bestechend genaues Bild davon, welche Rolle Kunst spielen kann, wenn es um neue kulturelle Identitäten geht. Unbedingt sehenswert!
Bremen, Kunsthalle: Geburtstagsgäste. Monet bis van Gogh. Gustav Pauli und der Kampf um die Moderne. Bis 18. Februar 2024. Di., 10-21 Uhr, MI.-So., 10-18 Uhr.