Tondern  „Es wurde einfach zu viel“: Warum eine dänische Schule die Digitalisierung zurückdreht

Frank Jung
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Von Frank Jung
| 14.11.2023 21:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Laptop kommt nur noch am Rande vor, einst verdrängte Handtechniken wie die Collage erleben eine Wiederauferstehung: Für die Achtklässler Johan Aagaard und Janisha Rai an der Marieskole im dänischen Tondern sind traditionelle Lernmethoden neu. Foto: Marcus Dewanger
Der Laptop kommt nur noch am Rande vor, einst verdrängte Handtechniken wie die Collage erleben eine Wiederauferstehung: Für die Achtklässler Johan Aagaard und Janisha Rai an der Marieskole im dänischen Tondern sind traditionelle Lernmethoden neu. Foto: Marcus Dewanger
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Während Schulen in Deutschland sehr damit beschäftigt sind, die Digitalisierung auszubauen, schlagen Kollegen in der dänischen Grenzstadt Tondern schon wieder die Gegenrichtung ein. Seit diesem Schuljahr werden Laptops dort nur noch punktuell eingesetzt; Smartphones wurden gleich ganz verboten. Das hat den Lernalltag stark verändert.

„Am Anfang hatten wir Sorge vor Langeweile. Und in der ersten großen Pause war es ganz schön still. Aber dann haben wir in einem Schrank Gesellschaftsspiele gefunden und uns damit beschäftigt. Und wir haben begonnen, uns viel mehr miteinander zu unterhalten.“ Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Janisha Rai den Kulturwandel an ihrer Schule erlebt hat.

Die 14-Jährige besucht die achte Klasse der Marieskole im dänischen Tondern. Weniger als zehn Kilometer von der Grenze zu Schleswig-Holstein entfernt, hat die Lehranstalt seit Start des laufenden Schulahrs die Gegenrichtung zu dem eingeschlagen, was im deutschen Bildungssystem als noch längst nicht vollendeter Großauftrag gepredigt wird: Digitalisierung so doll wie es nur geht. In Tondern indes versuchen sie jetzt so radikal wie kaum eine andere Schule in Dänemark, auf Laptops und Smartphones zu verzichten.

„Wir wechseln von einem Extrem ins andere“, sagt Marieskole-Leiterin Sarah Røll. Als die Privatschule mit heute 200 Schülern von Klasse 1 bis 9 2015 gegründet wurde, „haben wir mit einem weitgehend digitalen Schulalltag geworben“, erzählt Røll. „Das sahen wir als unser Alleinstellungemerkmal in der Stadt.“ Jeder Schüler hatte von Anfang an sein eigenes ditiales Endgerät; die Schule erwarb Lizenzen für Lernplattformen und -programme noch und nöcher, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das letzte Schuljahr dann brachte die Wende. Einen konkreten Auslöser kann Røll ebenso wenig nennen wir ihre Schulleiter-Kollegin Birgitte Klippert. „Wir hatten das Gefühl, es wird einfach zuviel“, sagt Klippert. „Durch aufgeklappte Laptops war da den ganzen Schultag über eine Barriere zwischen Schülern und Lehrern.“

Klippert nennt einige Folgen: „Das machte die Kinder passiv. Es reduzierte den Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden. Schon weil man gegenseitig an der Mimik weniger ablesen kann. Das Pingpong zwischen beiden Seiten war gestört. Aber das braucht man für guten Unterricht.“

Jetzt gibt jeder Schüler seinen Laptop morgens erstmal vor dem Sekretariat in einem Schrank ab. Herausgeholt werden die Geräte nur punktuell für einzelne Arbeitsaufgaben, auf Anweisung der Lehrkraft. „Computer werden nur eingesetzt, wenn es sich fachlich oder didaktisch begründen lässt“, ist in den neuen Regeln der Marieskole zur „IT-Politik“ festgehalten.

Das kann etwa der Einsatz eines bestimmten Lernprogramms mit Rechenaufgaben sein, das Erstellen einer Powerpoint-Präsentation oder Tabelle oder eine Recherche im Internet. „Aber eben auch wirklich nur dafür“, betont Røll. „Danach, ob nach zehn Minuten oder vielleicht auch mal einer Dreiviertelstunde, werden die Laptops wieder eingeräumt.“

Um mindestens 40 Prozent habe sich dadurch die Zeit vor dem Computer in ihrer achten Klasse reduziert, schätzt Schülerin Janisha Rai. Die Schulleitung geht eher von noch mehr aus, führt dazu aber keine Statistik.

Für die Digital Natives in den Klassenzimmern machte das das Einüben schon vergessener Kulturtechniken nötig: „Wir mussten überhaupt erstmal lernen, uns handschriftlich Notizen im Unterricht zu machen“, berichtet Janishas Mitschüler Johan Aagaard (14). „Das kannten wir vorher gar nicht.“ Wenn, haben die Jugendlichen vorher auf der Laptop-Tastatur mitgeschrieben. „Das geht schneller“, findet Johan Aagaard noch immer. „Aber nach etwa zwei Wochen hatte ich mich einigermaßen umgewöhnt.“ Janisha Rai ist aufgefallen: „Wenn ich auf Papier mitschreibe, fällt mir es schwerer, gleichzeitig zuzuhören als beim Tippen auf der Tastatur.“

Unpraktischer findet der 14-Jährige, dass die Schule mit der digitalen Rolle rückwärts gleich auch ein Handy-Verbot eingeführt hat. Die Smartphones werden ebenfalls morgens eingeschlossen und im Gegensatz zu den Laptops auch nicht zwischendurch herausgeholt. „Dadurch kann ich jetzt nicht mehr mobil bezahlen, wenn ich in der Pause gegenüber von der Schule in den Supermarkt gehe“, nennt Johan Aagaard einen Nachteil. Er musste sich deswegen an etwas so Altmodisches wie einen täglichen Bargeld-Vorrat gewöhnen.

Als stärksten Einwand von Schülerseite vor dem Handy-Verbot erlebte die Schulleitung den Vorwurf, „wir würden ihnen die Möglichkeit für Erinnerungen nehmen“. Das war als Protest dagegen gemeint, dass man nicht mehr ständig Fotos machen kann. „Dabei müssen die Schüler doch verstehen, dass Erinnerungen eigentlich im Kopf entstehen – und nicht, indem sie auf einem Foto abgespeichert sind“, findet Klippert.

Ob man die beiden Achtklässler Johan und Janisha fragt oder den zwölfjährigen Johannes Mikkelsen Jørgensen aus Klasse 6 – alle drei Schüler sind sich einig: Die neuen Regeln hätten viel mehr Variation in den Unterricht gebracht. „Das bringt Abwechslung“, stellt Johannes Mikkelsen Jørgensen fest.

Die Schulleiterinnen ziehen einen Vergleich: Früher sei es schon automatisch erstmal auf Googeln und Powerpoint hinausgelaufen, wenn die Schüler etwas herausfinden und aufbereiten sollten. „Jetzt geht man vielleicht auch mal nach nebenan in die Bücherei, greift eventuell auf ältere eigene Notizen zu einem Thema zurück oder fragt den Lehrer oder einen Mitschüler“, zählt Sarah Røll auf. Zur Präsentation wurden das Gestalten von Plakaten und das Basteln von Collagen wiederentdeckt.

Finanziell eine Herausforderung für die Privatschule sei allerdings der Kauf von Büchern, hat Røll festgestellt. Und das viele Papier für Kopien sei für die Lehrkräfte auch nicht immer praktisch. Ganz abgesehen davon, „dass es für die Kollegen konzeptionell viel umständlicher ist, jetzt vielfach analog zu unterrichten“, wie Røll betont. „Man muss sich als Schulleitung auch trauen, die Lehrkräfte da hineinzustürzen.“

Eine befürchtete Mehrbelastung indes ist ausgeblieben. „Wir hatten eigentlich gedacht, dass durch das Handyverbot das Telefon im Sekretariat ständig klingeln würde“, berichtet Birgitte Klippert. Schließlich könnten Eltern ihre Kinder jetzt nicht mehr für kurzfristige organisatorische Absprachen bilateral erreichen. „Die Anrufe in der Schule haben nur geringfügig zugenommen“, sagt Klippert. „Die meisten Familien haben sich offenbar daran gewöhnt, dass sie verbindliche Abmachungen treffen, bevor alle morgens aus dem Haus gehen.“

Dafür gehen nach Beobachtung der Schulleiterinnen Schüler in der Schule jetzt seltener auf Toilette. Das taugt nicht mehr als Vorwand, um unbeaufsichtigt auf sein Handy zu schielen.

Noch mehr freuen sich die Chefinnen über etwas Anderes: „Noch ist es eine vorläufige Beobachtung – aber wir haben nach den ersten Wochen den Eindruck, dass Schüler weniger Fehlzeiten haben. Früher konnte man innerhalb der Klassengemeinschaft auch von zu Hause aus übers Smartphone dabei sein. Jetzt hingegen muss man wirklich da sein, wenn man dazugehören will.“

Überhaupt – um auf die jetzt völlig anderen Pausen zurückzukommen – „sind die Schüler sozialer geworden“, bilanziert Sarah Røll. „Die Konkurrenz durch Ablenkung durch die Technik fehlt. Diese persönliche Entwicklung ist eigentlich das Wichtigste. Wenn es da stimmt, dann wird das Fachliche schon kommen.“