Osnabrück Islamwissenschaftler: „Schon Kinder werden zu Antisemiten erzogen“
Islamisten rufen auf deutschen Straßen antisemitische Parolen und greifen sogar Synagogen an. Wie groß ist die Gefahr, was müssen wir dagegen tun und wo fängt Islamophobie an? Das sagten unsere Experten im Livetalk.
„Haben wir die Gefahr durch radikale Islamisten in Deutschland unterschätzt?“, lautete das Thema unseres Expertentalks am vergangenen Donnerstag. Zu Gast waren die pakistanisch-österreichische Menschenrechtsaktivistin Sabatina James und der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Im Gespräch mit unserem Moderator Michael Clasen äußerten sie sich zu islamischem Antisemitismus, Islamophobie und notwendigen Maßnahmen.
Sehen sie hier unseren Expertentalk in voller Länge:
„Es gibt nicht nur einen islamistischen Antisemitismus, sondern auch einen islamischen“, so Abdel-Hakim Ourghi. Zwar fehle es an empirischen Studien, doch eine antisemitische Haltung lasse sich dem Islamwissenschaftler zufolge auch unter der schweigenden Mehrheit in Deutschland beobachten.
Mit Blick auf Kalifat-Rufe in deutschen Städten wie Berlin und Essen sagt Ourghi: „Die traurige Entwicklung bei uns in Deutschland überrascht mich überhaupt nicht“. Vor dem islamischen Antisemitismus hätten liberale Muslime schon lange gewarnt, in der Politik seien die Warnungen jedoch nie ernst genommen worden.
Vielen Muslimen werde in der islamischen Welt beigebracht, dass der Jude der ewige Feind der Muslime sei. „Schon Kinder werden in ihren Familien und muslimischen Gemeinden zu Antisemiten erzogen“, sagt Ourghi. Eine Rolle hätten dabei auch Fernsehsender und das Internet.
Kritisch sieht der Islamwissenschaftler Dachverbände. In der Türkei hätten Imame mit Blick auf den Angriff der Hamas vom heiligen Krieg gesprochen – dass Moscheen, die im Dienst der türkischen Regierung stehen, eine andere Politik vertreten als ihre Arbeitgeber, hält Ourghi für unwahrscheinlich: „Die erzählen immer öffentlich, was man gern hören möchte in der Mehrheitsgesellschaft, aber was in den Gemeinden stattfindet, ist das genaue Gegenteil.“
Auch im Koran sieht der Islamwissenschaftler Hinweise auf Antisemitismus: „Die Juden werden als Ungläubige erklärt.“ Als „grausam“ bezeichnet er den Umgang mit einem jüdischen Stamm: Etwa 600 Männer seien getötet, die Besitztümer unter den Muslimen verteilt und die Frauen sowie Kinder versklavt worden. „Wer wagt es in den Moscheen, solche Koranstellen zu erwähnen und den Propheten zu kritisieren?“, fragt Ourghi. Sein Appell: „Wir Muslime sollen endlich mal aufhören, den Koran wortwörtlich zu lesen.“
„Muslime kommen nicht als Antisemiten zur Welt“, betont Ourghi. Aufgrund ihrer Erziehung brächten manche Flüchtlinge aus islamischen Ländern jedoch antisemitische Stereotype und Vorurteile mit. Hier spricht Ourghi, der mit 23 Jahren aus Algerien nach Deutschland gekommen ist, aus eigener Erfahrung. „Für mich galt nur dieser Grundsatz: Juden sind die Täter, Muslime sind die Opfer.“ Vielleicht bräuchten auch viele andere Menschen etwas Zeit, um zu „lernen, dass die Juden nicht unsere Feinde sind“.
Auf eine ähnliche Erfahrung blickt Sabatina James zurück. Als Muslimin habe sie damals „die Juden und Christen gehasst, ohne einen einzigen von ihnen gekannt zu haben“, denn „so wurde es gelehrt“.
Neben dem Antisemitismus wurde in Deutschland zunehmend auch die Islamfeindlichkeit als Problem wahrgenommen – und auch auf Pro-Palästina-Demos ist oft von „Islamophobie“ und „Rassismus“ die Rede. James weist die Vorwürfe zurück: „Wenn du gegen Zwangsverheirat demonstrierst, das ist schon Islamophobie“, sagt sie ironisch und kritisiert Studenten, die Sympathie für die Hamas zeigen. „Diese Leute würden mit ihrem westlichem Lebensstil nicht mal 24 Stunden im Gazastreifen überleben, aber sie sind so naiv, weil sie indoktriniert geworden sind“, sagt die Islamkritikerin. „Diese Leute haben sich nie damit befasst, dass diese Ideologie, die sie schützen, gegen all das steht, was sie glauben.“
Bei der verbreiteten Solidarität mit der Hamas, so Ourghi, gehe es oft darum, die als Opfer wahrgenommenen Palästinenser schützen zu wollen. Doch die Hamas sei keine Befreiungsbewegung, sondern eine Terrororganisation, die Frauen und Kinder als Schutzschilde missbrauche.
„Wir brauchen keine Sonntagspredigt und Lippenbekenntnisse“, fordert Ourghi von der Politik, „sondern Taten“. Einen Ansatz sieht er in der Bildung: Das Thema muslimischer Antisemitimus müsse unbedingt im islamischen Religionsunterricht behandelt werden, eine Exkursion zu Holocaust-Gedenkstätten organisiert werden. Auch „Begegnungen zwischen Juden und Muslimen in Synagogen und Moscheen können viele Wunden heilen“, sagt der Religionspädagoge.
James sagt, eine Politik mit einer „sehr naiven Weltanschauung“ habe dem Islamismus im Deutschland eine Heimat gegeben. Sie spricht sich für einen „harten Kurs“ aus: „Jeder Islamist, der in Deutschland islamistische Gewalttaten begeht, dazu aufruft oder sie bejubelt, gehört zurückgeschickt.“