Berlin Ärzte-Chef rechnet mit „unkontrolliertem Kliniksterben“
Anders als Gesundheitsminister Karl Lauterbach halten Deutschlands Kassenärzte einen Klinik-Kahlschlag für „nicht mehr abzuwenden“. Und auch in den Praxen drohten Leistungskürzungen, weil die Budgets für die niedergelassenen Ärzte vorne und hinten nicht reichten. Wie kaputt ist unser Gesundheitssystem?
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) befürchtet ein unkontrolliertes Krankenhaussterben. „Die Kliniken haben aus vielen Gründen finanzielle Probleme und ohne Zweifel gibt es deutlich zu viele Häuser in Deutschland. Aber weil die Politik zu spät reagiert hat, werden wir jetzt in ein unkontrolliertes Krankenhaussterben hineinschlittern”, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das ist nach meiner Einschätzung nicht mehr abzuwenden.”
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte sich noch am Montag zuversichtlich gezeigt, seine Krankenhausreform rechtzeitig auf den Weg zu bringen, um die Schließung von Kliniken zu verhindern, die weiter gebraucht werden. Dem widersprach Gassen: „Es wird auch Kliniken treffen, die zur Versorgungssicherheit als Standort besser erhalten werden sollten. Hier wurde von Bund und Ländern viel Zeit vergeudet.”
Auch in den Praxen von Haus- und Fachärzten drohen Einschnitte. Der Grund: Die Budgets der niedergelassenen Ärzte sind statistisch seit heute aufgezehrt.
„Flapsig formuliert: Der 15. November ist für die Praxen Zero-Pay-Day: Ab da bekommen die Praxen letztlich kein Geld mehr für Behandlungen”, sagte Kassenärztechef Gassen.
Einige Facharztrichtungen seien schon früher am Limit und erbrächten teils mehr als 20 Prozent ihrer Behandlungsleistungen umsonst. Aber unterm Strich liege die Unterfinanzierung bei zehn Prozent, damit landet man übers Jahr gerechnet beim 15. November. „Ab dann könnten die Praxen eigentlich aufhören zu arbeiten und hätten am Ende des Jahres keinen Euro weniger in der Kasse.”
Gassen rief die Niedergelassenen auf, die Unterfinanzierung nicht länger hinzunehmen. „Weiter Arbeiten ohne vollständige Bezahlung? Der Frust bei den Kolleginnen und Kollegen ist dafür inzwischen viel zu groß. Also: Bleiben die Budgets, sollten die Praxen dem offensichtlichen Wunsch von Politik und Kassen entsprechen und ihre Leistungen der Geldmenge anpassen”, sagte er. „Verkürzt heißt das: Jede zehnte Behandlung fällt weg.”
Die Aufhebung der 1992 eingeführten Budgets für Hausärzte hat die Ampel zwar im Koalitionsvertrag vereinbart. Angesichts der Defizite vieler Krankenkassen hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach noch nicht geliefert. Ein Brandbrief von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern an Bundeskanzler Olaf Scholz habe man „noch keine Antwort erhalten”, sagte Gassen.