Berlin Linker Antisemitismus hat eine lange Tradition – auch in Deutschland
Die anti-israelischen Tiraden der vergangenen Wochen von links haben viele überrascht. Dabei ist linker Antisemitismus älter als der Nahostkonflikt. Auch hierzulande war er bereits mörderisch.
Die Welt retten wollen, aber kein Mitleid mit abgeschlachteten Jüdinnen und Juden haben? Mit ihrem Schweigen zum Hamas-Massaker in Israel und der einseitigen Parteinahme für die palästinensische Sache hat etwa die Klimabewegung Fridays for Future gerade viel Kritik auf sich gezogen.
Auf Kundgebungen in Berlin waren zuletzt Schilder mit der Aufschrift „Queers for Palestine“ zu sehen, was nicht nur Armin Laschet irritiert zurückließ: „Diese Leute kritisieren hier Menschen dafür, dass sie den Genderstern nicht setzen, demonstrieren aber für die Islamisten in Gaza.“ Marxistische Gruppen an der Freien Universität Berlin demonstrieren gegen Israels „Völkermord“ in Gaza.
Wo kommt das her? Gehört so etwas nicht eigentlich ins rechtsextreme Spektrum oder in das radikal-religiöser Kräfte in der arabischen Welt? „Ein Antisemitismus von links erscheint paradox“, schreibt der Soziologe Thomas Haury, „widerspricht dies doch einem linken Selbstverständnis, fortschrittlich, humanistisch, antirassistisch, gegen rechts und insbesondere antifaschistisch zu sein.“
Wer sich dagegen mit der Geschichte der deutschen Linken befasst, kann kaum überrascht sein. Denn die Feindschaft gegen Juden von links – obwohl natürlich nicht als solche bezeichnet – ist älter als der Nahostkonflikt.
Zwei Quellen vor allem sind es, aus denen sich linker Antisemitismus historisch speist. Zum einen ist da eine allzu simple Form der Kapitalismuskritik, „die permanent auf der Suche nach einem Schuldigen für die kapitalistische Misere“ ist, wie Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, erklärt: „Dabei wird die kapitalistische Gesellschaft aufgespalten in eine böse Zirkulations- und Finanzsphäre und eine gute Handwerks- und Produktionssphäre. Das ist im Übrigen nicht unähnlich der nationalsozialistischen Denkweise, in der von ,raffendem’ und ,schaffendem’ Kapital die Rede ist.“
Dabei waren es gerade die antijüdischen mittelalterlichen Traditionen, die Juden den Zugang zu vielen Handwerksberufen verwehrten. Nachdem im Laufe der Jahrhunderte nicht wenige der diskriminierten Juden in die Finanzwirtschaft ausgewichen waren, wurden sie von Vorkämpfern der Linken als Unterdrücker der Arbeiterklasse identifiziert.
Zu Zeiten der Weimarer Republik etwa kritisierte die KPD zwar scharf Gewalttaten gegen Juden, fand aber zugleich in Teilen nichts dabei, vom „jüdischen Kapital“ und „Börsen-Juden“ zu sprechen, die das Volk ausbeuteten. „Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie“, sagte Ruth Fischer 1923 als Wortführerin des linken KPD-Flügels. Über nicht-jüdische Unternehmer sprach die Kommunistin nicht so.
Das Denkmuster, eine jüdische Weltverschwörung verhindere den Aufbau des Sozialismus, war auch in Schauprozessen der späten Stalinjahre anzutreffen, über die Haury in seinem Buch „Antisemitismus von links“ schreibt. Der letzte große dieser Art fand 1952 in Prag statt gegen 14 Parteifunktionäre, von denen elf jüdischen Glaubens waren. Der „Weltzionismus“, so der Staatsanwalt, sei „mit tausendfachen Fäden [...] mit dem Weltkapitalismus verknüpft“.
Zweite Quelle des linken Antisemitismus ist ein an die Politik der Sowjetunion angelehnter Antiimperialismus. Schon damals galt, dass Kritik an Israels Politik nicht automatisch antisemitisch ist. „Allerdings geht der linksextreme ,Antizionismus’ bisweilen so weit, dass Israel als ,zionistisches Gebilde’ bezeichnet und ihm das Existenzrecht abgesprochen wird“, so Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung, „auf eine solche Idee käme wohl niemand, dem vielleicht an der belgischen, dänischen oder französischen Politik irgendetwas nicht passt.“
Der Antiimperialismus überschritt die Grenze zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus systematisch. Es war der linke Holocaustüberlebende Jean Améry, der immer auch die Politik Israels kritisierte und doch feststellte, dass im Antizionismus stets auch der Antisemitismus stecke „wie das Gewitter in der Wolke“. Besonders deutlich wird dies laut Grigat etwa, wenn während des Libanonkriegs 1982 „Linke nicht nur vor den israelischen Botschaften, sondern auch vor Synagogen demonstrierten“.
Dabei gab es anfänglich viel linke Sympathie für den jungen Staat mit den sozialistisch geprägten Kibbuzim, der schon am Gründungstag 1948 von einer Allianz arabischer Staaten überfallen wurde. Der Zionismus verstand sich zudem selbst als antikolonial und gegen die Herrschaft des britischen Empire in der Region gerichtet.
Lange hielt die Solidarität nicht. Nachdem Israel 1967 abermals von seinen Nachbarn in den Sechstagekrieg gedrängt wurde, standen danach das mehrheitlich arabisch bewohnte Westjordanland, Golanhöhen und Gazastreifen unter seiner Kontrolle. Die meisten Antiimperialisten schlugen Israel fortan dem imperialen Westen zu.
Für den Wissenschaftler Grigat hat das noch weitere Ursachen. Moskau hatte schon zuvor nach dem Sturz der reaktionären Monarchie in Ägypten und dem Aufkommen „pseudo-sozialistischer Bewegungen“ in muslimischen Ländern „die pro-arabische Wende“ eingeleitet. Zudem trat die Palästinenserorganisation PLO Ende der sechziger Jahre auf die Weltbühne: „Man sieht plötzlich nicht mehr die gesamte arabische Welt im Konflikt mit Israel, sondern verengt den Konflikt auf den der militärisch übermächtigen Israelis gegen die unterdrückten Palästinenser.“
Dieser politische Seitenwechsel hat für den Antisemitismusforscher auch mit dem „Wechsel des theoretischen Bezugsrahmens“ zu tun. Der autoritäre Marxismus-Leninismus löste bei vielen die Kritische Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ab, für die Auschwitz im Zentrum ihrer Arbeiten stand: „Nun tauscht man sie gegen Lenin und Trotzki, und viel zu oft auch gegen Stalin und Mao ein.“
Über den Antisemitismus vermeintlicher Befreiungsbewegungen in der dritten Welt sahen westliche Linke nicht nur hinweg, sie feierten ihn sogar. Ulrike Meinhof, Mitgründerin der Roten Armee Fraktion, deren Mitglieder fast alle von palästinensischen Terrorausbildern geschult wurden, lobte das Münchner Olympia-Attentat 1972 auf Israels Team als „antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“, Israel habe „seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden“.
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Als Israel im Jom-Kippur-Krieg 1973 kurz vor einer Niederlage stand und dort die Angst vor einem zweiten Holocaust umging, stellte sich weltweit fast die gesamte Linke auf die Seite der Armeen Ägyptens und Syriens.
Bei Worten blieb es jedoch nicht, Linke schritten auch zur Tat. Am 9. November 1969, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, platzierte die Gruppe „Tupamaros West-Berlin“ eine Bombe im jüdischen Gemeindezentrum, deren Zünder versagte. „Sonst“, so Grigat, „hätte sie mutmaßlich dutzende Juden getötet, viele davon Holocaustüberlebende.“ Er kann nicht verstehen, wie der Verantwortliche Dieter Kunzelmann später für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzen konnte.
Erst viel später wurde in der Linken auch problematisiert, was Ende Juni 1976 am Flughafen von Entebbe in Uganda passierte. Die Entführung einer Maschine, die in Tel Aviv gestartet war und die Freilassung von Terroristen erzwingen sollte, ist ein besonders düsteres Kapitel linker Antisemitismusgeschichte.
Zu den Entführern gehörte Wilfried Böse von den „Revolutionären Zellen“. Er fand nichts dabei, jüdische von nicht-jüdischen Passagieren zu trennen, um erstere in seiner Gewalt zu behalten. Als ein KZ-Überlebender ihm seine Häftlingsnummer zeigte und sagte, die neuen Deutschen seien wohl nicht besser als die Alten, soll Böse geantwortet haben, er sei Guerillakämpfer geworden, da das westdeutsche System von Altnazis durchsetzt sei – nun helfe er unterdrückten Palästinensern.
Dabei gab es linke Gewalt gegen Juden freilich nicht nur in Deutschland. 1972 ermordete die „Japanischen Roten Armee“ auf dem Flughafen von Tel Aviv wahllos 26 Passagiere – wiederum unter Beifall vieler Linker.
Charakteristisch für die gesamte Linke war das zum Glück nicht. „Natürlich hat es auch Teile der Linken gegeben, die das damals kritisiert haben“, weiß Grigat: „Aber das hat nicht zu einer umfassenden Ablehnung geführt“, man habe häufig „zum mörderischen Antisemitismus der anderen geschwiegen – da kann man durchaus auch Parallelen zur heutigen Situation sehen“.
Eine erste größere Aufarbeitung des antijüdischen Denkens und Handelns in der eigenen Szene erfolgte nach dem Mauerfall. Mit dem Ende der Sowjetunion gewannen jene Einzelstimmen an Einfluss, die die anti-israelische Politik Moskaus wie der westdeutschen Linken kritisiert hatten. Es kam gar zu einer regelrechten Spaltung, für die eine Zeitungsneugründung der sichtbarste Ausdruck war.
Unzufrieden mit der publizistischen Haltung der ehemaligen FDJ-Zeitung „Junge Welt“ trat ein Teil der Redaktion in Ausstand und hob 1997 die „Jungle World“ aus der Taufe. „Als Ergebnis davon“, so berichtet Grigat, „haben wir heute vor allem im deutschsprachigen Raum auch eine dezidiert pro-israelische radikale Linke.“
Auf der anderen Seite verlor der traditionelle Marxismus-Leninismus an Einfluss. Zugleich erstarkte eine neue Linke, die eher postkoloniale Thesen vertrat. Vertreterinnen dieser Strömung wie Judith Butler bezeichneten Hamas und Hisbollah früh als „Teil der globalen emanzipatorischen Linken“. Die theoretische Grundlage veränderte sich, die Gegnerschaft zum jüdischen Staat blieb.
Breitere öffentliche Debatten jenseits der eigenen Blase lösten nach Ansicht des Soziologen Haury aber eher andere Ereignisse aus. So etwa, als Vertreter der Linkspartei Boykottaufrufe der BDS-Kampagne gegen Israel unterstützten oder als 2010 zwei Bundestagsabgeordnete an Bord einer „Friedensflotte“ gingen, welche Israels Seeblockade des Gazastreifens durchbrechen sollte.
Der damalige Fraktionschef Gregor Gysi konnte sich im Nachgang zwar mit seiner anderen Haltung durchsetzen. Die Diskussion über, wie eine Abgeordnete damals formulierte, „angeblichen Antisemitismus“ in der Linken hielt jedoch an - bis heute.
Dieser Artikel erschien zuerst beim Tagesspiegel in Berlin.