Arzneimittelknappheit Viele Medikamente nicht lieferbar
Wichtige Medikamente werden auch diesen Winter in Ostfriesland nicht lieferbar sein. Besonders hart trifft die Arzneimittelknappheit erneut Kinder, aber auch Diabetiker und Herzkranke.
Weener/Emden - Waren es im vergangenen Winter vor allem fiebersenkende Mittel, die in Apotheken kaum noch zu bekommen waren, macht sich die Knappheit in diesem Jahr vor allem bei Antibiotika bemerkbar. „Es hat sich im Grunde nichts an der Knappheit verändert, sie hat sich nur von den einen auf die anderen Medikamente verschoben“, sagt Christoph Adam, Inhaber der Rheiderland Apotheke in Weener.
„Da ist der Wurm drin“, sagt er und schätzt die Lage als sehr schwierig ein – vor allem erneut für Kinder. Fiebersenkende Mittel wie Ibuprofen und Paracetamol gebe es zwar „in halbwegs ausreichenden Mengen wieder“. Aber es fehlten jetzt vor allem Antibiotika-Säfte für Kinder. „Penicillin ist zum Beispiel gar nicht mehr zu kriegen“, so der Apotheker. „Wir hatten in der Vergangenheit eine Welle mit Scharlach. Da ist Penicillin das Mittel der Wahl, da gilt: Ab dem ersten Löffel ist das Kind im Grunde nicht mehr ansteckend“, erklärt er. Zurzeit gebe es diese Möglichkeit aber nicht. „Da müssen Eltern ihre Kinder zu Hause pflegen und das Fieber runterkriegen“, sagt er. Auch ein bestimmtes Medikament für Gürtelrose sei zurzeit nicht lieferbar. „Patienten können auf ein anderes ausweichen, müssen dann aber 70 Euro zuzahlen“, so Adam. Außerdem gebe es Lieferengpässe bei verschiedenen Herzmedikamenten, bei Antidepressiva und Asthma-Sprays. Die Liste könnte Adam noch lange so weiterführen. „Ich habe bei zwei Großhändlern insgesamt 221 Positionen mit einem Warenwert von 12000 Euro, die zurzeit nicht lieferbar sind – damit man sich das mal vorstellen kann“, sagt er. Und das seien keine speziellen Medikamente, die generell immer erst bestellt werden müssten. „Das ist ganz normale Lagerware, die ich sonst immer da habe.“
Apotheker sieht Handlungsbedarf bei Krankenkassen
Adam sieht vor allem in der „Billig-billig-Mentalität“ der Krankenkassen, wie er es nennt, einen Grund für die Knappheit. „Wenn mehr Geld in die Hand genommen würde, könnten auch mehr Medikamente in Europa oder Deutschland produziert werden. Jetzt sind wir vollkommen abhängig von Ländern wie Indien oder China“, so der Apotheker. Auch Kerstin Heitmann, Inhaberin der Löwen-Apotheke in Emden sieht darin ein Problem. „Andere Länder zahlen auch deutlich mehr als Deutschland – und wer mehr zahlt, der bekommt auch zuerst.“
Der GKV-Spitzenverband die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland, hält dagegen: „Der Vorwurf, die Krankenkassen seien schuld an Lieferengpässen, ist eine Ausrede, wenn pharmazeutische Unternehmen eingegangenen Lieferverpflichtungen nicht nachkommen“, schreibt Pressereferentin Janka Hegemeister auf Nachfrage. Wenn ein Unternehmen einen Vertrag abschließe, später seinen vertraglich vereinbarten Verpflichtungen nicht nachkomme und dann mit dem Finger auf die Krankenkassen gezeigt werde, sei das eine Verdrehung der Tatsachen. Die Gründe für Lieferengpässe sind vielschichtig und ließen sich nicht allein den gesetzlich vorgegebenen Preisinstrumenten anlasten.
Schlankheitswahn schadet Diabetikern
Woran auch immer es liegt, dass manche Medikamente knapp sind: Die Apotheken versuchten immer, den Patienten zu helfen, macht Heitmann deutlich. „Wir telefonieren dann nochmal mit dem Arzt, gucken, ob es Alternativen zu dem Medikament gibt, das nicht verfügbar ist“, sagt sie. „Eigentlich findet man da immer irgendeine Lösung – im blödesten Fall muss der Patient dann aber vom Arzt umgestellt werden.“ Das heißt, der Patient bekommt vom Arzt ein anderes Medikament verschrieben. Besonders bei Insulin sei das zum Beispiel nicht so schön, wie Heitmann berichtet. „Da gibt es unterschiedliche Pens, man muss erstmal lernen, wie man mit dem neuen Pen spritzt.“ Das Diabetes-Medikament Ozempic gehört ebenfalls zu den Arzneimitteln, die zurzeit so gut wie nicht zu bekommen sind. „Das liegt auch daran, dass es missbräuchlich zum Abnehmen verwendet wird“, sagt Christoph Adam. Vor allem in den USA spritzen sich Menschen das Diabetes-Arzneimittel, um Pfunde zu verlieren.
Auch Adam möchte seine Kunden nicht im Regen stehen lassen. „Deshalb haben wir zum Beispiel auch nicht beim Streik mitgemacht. Da trägt man im Endeffekt die Probleme nur auf dem Rücken der Patienten aus“, sagt er. Und auch, wenn ein Medikament nicht zu bekommen sei, versuchten er und seine Mitarbeiter weiterzuhelfen. „Aber manchmal muss man dann erst beim Arzt anrufen, der ist dann nicht da. Dann schicken wir den Kunden erst noch kurz einkaufen und sagen: Kommen Sie gleich wieder, vielleicht hat sich dann jemand zurückgemeldet. Dann müssen wir uns mit dem Arzt absprechen und darauf warten, dass der Kunde wiederkommt. Und für all diesen Mehraufwand dürfen wir Apotheker dann 60 Cent abrechnen“, erklärt Adam. Mit der sogenannten Engpass-Prämie gesteht der Gesetzesgeber Apotheken im Falle eines Austauschs eines verordneten Arzneimittels 50 Cent netto plus 10 Cent Umsatzsteuer je Vorgang für das Lieferengpass-Management zu.
Heitmann appelliert an Patienten, möglichst Geduld mitzubringen und sich frühzeitig um Rezepte zu kümmen. „Es ist leider nicht immer möglich, das Medikament noch am selben Tag mitzunehmen. Wir versuchen unser Bestes, aber die Kunden sollten dafür etwas Zeit, Geduld und vor allem Verständnis mitbringen“, sagt sie.