Ende der Nabu-Weideprojekte  Auch Heckrind-Kühe wurden jetzt geschlachtet

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 12.11.2023 09:19 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Derzeit stehen die Heckrinder auf der Weidefläche Thedingaer Vorwerk in einem eingezäunten Bereich. Foto: Gettkowski
Derzeit stehen die Heckrinder auf der Weidefläche Thedingaer Vorwerk in einem eingezäunten Bereich. Foto: Gettkowski
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Nach dem Tod mehrerer Konikfohlen und Heckrinder hat der Landkreis Leer die Auflösung der Nabu-Weideprojekte angeordnet. Die Frist ist abgelaufen. Auf den Flächen stehen aber immer noch Tiere.

Landkreis Leer - Die Anordnung des Landkreises Leer steht seit Wochen: Danach hatte der Nabu Niedersachsen bis Ende Oktober Zeit, seine Beweidungsprojekte zu beenden. Der Nabu hatte von Anfang an deutlich gemacht, diese Frist nicht einhalten zu können. Zwar wurde die Zahl der Tiere inzwischen reduziert, auf der Weide Thedingaer Vorwerk stehen aber immer noch mehr als 40 Heckrinder. Was soll mit ihnen passieren?

Was und warum

Darum geht es: Die vom Veterinäramt des Landkreises Leer gesetzte Frist für die Auflösung der Heckrinder- und Konikherden des Nabu ist am Dienstag abgelaufen.

Vor allem interessant für: Tierfreunde und alle, die den Ärger um die Nabu-Beweidungsprojekte mitverfolgen

Deshalb berichten wir: Es stehen immer noch Tiere auf den Weideflächen. Der Nabu hat die gesetzte Frist nicht eingehalten.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

„Die Blutuntersuchung im Thedingaer Vorwerk ist mittlerweile abgeschlossen und alle Tiere wurden negativ getestet“, teilt Nabu-Sprecherin Gina Briehl auf Nachfrage mit. Dabei seien auch Trächtigkeitsuntersuchungen durchgeführt worden. „Acht Tiere wurden negativ getestet und konnten anschließend tierwohlgerecht geschlachtet werden. Von den verblieben 42 Rindern sind 25 trächtige Kühe, vier Tiere mit unklarem Trächtigkeitsstatus und 13 drei bis sechs Monate alte Jungtiere“, so die Nabu-Sprecherin.

Auf der Weide in Nüttermoor wurden inzwischen einige Tiere geschlachtet – nicht nur Bullen, sondern auch nicht tragende Kühe. Das Fleisch wird in kleinen Mengen vom Woldenhof Wiegboldsbur verkauft. Foto: Gettkowski
Auf der Weide in Nüttermoor wurden inzwischen einige Tiere geschlachtet – nicht nur Bullen, sondern auch nicht tragende Kühe. Das Fleisch wird in kleinen Mengen vom Woldenhof Wiegboldsbur verkauft. Foto: Gettkowski

Neue Besitzer gesucht

Speziell für die Jungtiere sucht der Nabu Halter, die diese Tiere übernehmen möchten. Parallel dazu läuft die Vermittlung der Koniks von allen Flächen des Nabu weiter. „Auf der Fläche Thedingaer Vorwerk stehen noch 24 Koniks, in Coldam 15“, berichtet Briehl. Bis Ende November, so der Plan des Nabu, sollen alle Koniks von den Flächen verschwunden sein. „Wir versuchen weiterhin für die Pferde neue Halter zu finden, die diesen Tieren ein adäquates Lebensumfeld bieten können.“ Das gilt auch für die kleine Herde im Hessepark Weener. Wie der Landkreis Leer auf Nachfrage mitteilte, gebe es nach Nabu-Aussagen für 95 Prozent der Pferde Käufer. Allerdings müssten vor einem Verkauf noch Hengste kastriert werden. Außerdem müssten noch Tiere gekennzeichnet werden, damit Pferdepässe ausgestellt werden können.

Die Vermittlung der Heckrinder an neue Besitzer sei derzeit allerdings nicht ganz einfach. „Der Geschäftsführer der LUNO gGmbH steht in Kontakt mit Viehhändlern sowie mit Privatleuten und Organisationen, die Naturschutzflächen haben, sowohl im Inland wie auch im Ausland“, so Landkreis-Sprecher Philipp Koenen, „er versucht nachweislich, die Tiere auf anderen Flächen unterzubringen oder sie zu verkaufen.“ Das sei aber aufgrund der Blauzungenkrankheit im Ammerland derzeit erschwert. Durch die Seuchenlage seit Ende Oktober gelten innerhalb Niedersachsens Beschränkungen beim Transport von Wiederkäuern. Dass der Nabu die Frist für die Auflösung der Herden hat verstreichen lassen, könnte Konsequenzen haben. „Das bedeutet, dass jetzt Vollstreckungsmaßnahmen möglich sind“, so der Landkreissprecher.

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Veterinär

Wenn die Heckrinder noch länger auf der Weidefläche Thedingaer Vorwerk bleiben müssen, könnte die Versorgung angesichts der schwierigen Bodenverhältnisse und der anhaltenden Regenfälle zu einer Herausforderung werden. „Die Tiere auf der Fläche in Thedingaer Vorwerk werden derzeit in einem Corral gehalten, damit Interessenten die Tiere besser besichtigen und bei einem Verkauf verladen können“, teilte Landkreissprecher Philipp Koenen auf Nachfrage mit. Jungrinder und Kälber seien getrennt von der Herde untergebracht worden, um Verletzungen zu vermeiden. Hält der Landkreis diese Haltung nach all den Vorkommnissen für tierwohlgerecht? „Es geht hier gerade darum, die tierschutzwidrigen Zustände durch die zeitnahe Auflösung des Weideprojekts insgesamt und dauerhaft zu beenden“, so Koenen.

Auf der Weide in Nüttermoor wurden inzwischen einige Tiere geschlachtet – nicht nur Bullen, sondern auch nicht tragende Kühe. Das Fleisch wird in kleinen Mengen vom Woldenhof Wiegboldsbur verkauft. Foto: Gettkowski
Auf der Weide in Nüttermoor wurden inzwischen einige Tiere geschlachtet – nicht nur Bullen, sondern auch nicht tragende Kühe. Das Fleisch wird in kleinen Mengen vom Woldenhof Wiegboldsbur verkauft. Foto: Gettkowski

Neben den Beweidungsprojekten in Coldam und Nüttermoor, die jetzt beendet werden, betreibt der Nabu Niedersachsen am Uhlsmeer ein weiteres Projekt mit zehn Heckrindern und 15 Konikpferden. Die Tiere aus Leer einfach dorthin umzusiedeln, sei laut Briehl aber nicht möglich. „Die Größe der Fläche reicht nicht aus.“ Auffällig ist, dass es dort offenbar noch keine Probleme durch Haltungs- oder Ernährungsmängel gegeben hat. Als Grund dafür nennt Briehl die „gute Zusammenarbeit mit dem Auricher Veterinäramt“. Das Verhältnis zur Leeraner Veterinärbehörde dagegen hat offenbar in den vergangenen Monaten schwer gelitten.

Die Zufahrt hat sich nach den Regenfällen der vergangenen Tage wie auch Teile der Weidefläche selbst in eine Matschfläche verwandelt. Foto: Gettkowski
Die Zufahrt hat sich nach den Regenfällen der vergangenen Tage wie auch Teile der Weidefläche selbst in eine Matschfläche verwandelt. Foto: Gettkowski

Eine Einsichtnahme in die Akten des Landkreises Leer habe laut Nabu eine erhebliche Anzahl von Falschprotokollen und Falschdarstellungen zu Tage gefördert, gegen die man „mit allen zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln vorgehen“ werde. „Die Aktenlage wurde ausgewertet und es werden Anzeigen gegen betroffene Beteiligte gestellt“, kündigt Nabu-Sprecherin Gina Briehl an. „Als erste Maßnahme haben wir eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Mitarbeitende des Veterinäramtes Leer gestellt.“

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