Zehn Jahre nach dem Untergang Die „Sirius“ – vom Imbisskutter zum Schiffswrack
Der Imbisskutter „Sirius“ lag einige Jahre im Leeraner Hafen. Dort gab es Fischbrötchen, Matjes und Co. Doch das Schiff war in die Jahre gekommen. Vor zehn Jahren ging es unter. Ein Rückblick.
Leer - Wenn man vom Ernst-Reuter-Platz in Leer in Richtung Hafen geht, fällt der Blick von Einheimischen und Besuchern heutzutage schnell auf das Traditionsschiff „Prinz Heinrich“. Imposant liegt es den Blick etwas nach rechts gerichtet vor dem Leeraner Amtsgericht. Vor mehr als zehn Jahren sah das noch anders aus. Die „Prinz Heinrich‘“ wurde noch restauriert. Stattdessen lag von deren heutigen Liegeplatz aus ein paar Meter weiter in Richtung Nessebrücke mehrere Jahre lang die „Sirius“. Der Imbisskutter machte erstmals im Oktober 2007 dort fest. Doch vor zehn Jahren sank das marode Schiff. Es musste geborgen werden. Ein langer Rechtsstreit zwischen Stadtwerken und Eigner folgten. Wir zeichnen die Geschichte der „Sirius“ nach.
Was und warum
Darum geht es: Der Untergang der „Sirius“ ist zehn Jahre her.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich für den Leeraner Hafen interessieren
Deshalb berichten wir: Wir haben festgestellt, dass der Untergang zehn Jahre her ist. Den Autor erreichen Sie unter: j.bothe@zgo.de
Oktober 2007
Die 1957 gebaute „Sirius“ liegt erstmals im Leeraner Hafen vor Anker. Die Gäste an Land werden direkt von Bord des ehemaligen Krabbenkutters mit Fischbrötchen, Matjes und Krabben versorgt. Vorher lag sie zwei Jahre lang in Ditzum.
März 2009
Die Feuerwehr rückt aus, weil Wasser in die „Sirius“ eingedrungen ist. Der Kutter wäre fast untergegangen. Die Einsatzkräfte pumpen das Wasser aus dem Rumpf und legte sicherheitshalber noch eine Ölsperre ums Schiff.
November 2009
Erneut rückt die Feuerwehr aus, weil Wasser im Schiff steht. Die bordeigene Pumpe schafft es aber schließlich eigenständig, dass Wasser wieder aus der „Sirius“ zu befördern.
August 2012
Für eine Inspektion und mögliche Reparaturarbeiten müsste das Schiff dringend aus dem Wasser geholt werden. Doch das ist nach Angaben des Eigners in Leer nicht so einfach. Mehr als 1500 Unterschriften von Kunden hat er bereits gesammelt. Diese sprechen sich für den Erhalt des schwimmenden Imbisses in Leer aus. Der Eigner möchte die Slipanlage auf dem Gelände der ehemaligen Wasserschutzpolizei nutzen. Die ist aber verschlickt – und der Schlick ist belastet, darf daher nicht ohne Weiteres entfernt werden. Die Stadtwerke haben den Eigner auch aufgefordert, für die „Sirius“ einen Schwimmfähigkeitsnachweis zu erbringen. Ansonsten müsste das Schiff den Hafen verlassen. Dafür müsste das Schiff aber an Land.
November 2012
Das Landgericht Aurich weist die „Räumungsklage“ der Stadtwerke gegen die „Sirius“ ab. Das Gericht sagt, dass die Stadtwerke nicht zuständig seien, sondern die untere Wasserbehörde, also der Landkreis. Die Stadtwerke fürchten, dass der Rumpf des Kutters bei Eisgang zerbreche. Dann könnte Öl in den Hafen laufen. Mit „Gefahr im Verzug“ hatte man den Eilantrag auf eine einstweilige Verfügung begründet. Doch das sah das Landgericht anders.
Schließlich schauen sich Vertreter der unteren Wasserbehörde sowie des Ordnungsamtes der Stadt den schwimmenden Imbiss an. Ergebnis: Wenn Öl und Kraftstoff abgepumpt werden, geht von dem Fischkutter keine Gefahr mehr für das Hafengewässer aus. Der Kutter kann dann weiter bleiben, wo er ist.
Januar 2013
Der Kutter droht erneut zu sinken. Der Eigner ruft die Feuerwehr. Offenbar waren wegen des anhaltenden Frosts die Pumpen an Bord eingefroren.
26. Oktober 2013
Die Stadtwerke Leer wollen den maroden Kutter aus dem Hafen klagen. Man wolle zivilrechtliche Schritte einleiten. Der Eigner hatte über seinen Anwalt mitteilen lassen, zwei Forderungen nicht nachkommen zu wollen. Die Stadtwerke hatten zum einen die Vorlage eines Schwimmfähigkeitsnachweises und zum anderen die Reparatur der defekten Elektrik an Bord verlangt.
30. Oktober 2013
Die „Sirius“ läuft auf Grund. Nur der Aufbau des Schiffes ragt noch aus dem Wasser, das an dieser Stelle lediglich 2,50 Meter tief ist. Vermutlich sei das Schiff aus Altersgründen gesunken, heißt es. Es habe bereits Lecks gehabt, sagte der ermittelnde Beamte der Wasserschutzpolizei in Emden. Die genaue Ursache ist aber unklar. Eine Gefahr für die Umwelt habe nicht bestanden, weil kein Öl und Kraftstoff mehr an Bord waren.
31. Oktober 2013
Die Stadtwerke in Leer haben dem Eigner eine Bergungsfrist von einer Woche gesetzt. Sollte dieser der Aufforderung nicht nachkommen, müssten die Stadtwerke selber aktiv werden und eine Fachfirma mit dem Heben des Wracks beauftragen.
7. November 2013
Die Frist ist abgelaufen – die „Sirius“ noch da. Der Kutter liegt immer noch im Leeraner Hafen, allerdings unterhalb der Wasseroberfläche. Vertreter der unteren Wasserbehörde, des städtischen Ordnungsamtes, einer Ölbekämpfungsfirma, einer Kranfirma, der Stadtwerke und die Hafenkapitäne besprechen mit einem Sachverständigen eine mögliche Bergung. Die Kosten dafür werden auf eine Summe zwischen 40.000 und 50.000 Euro geschätzt. Das Geld solle vom Eigentümer eingefordert werden.
12. November 2013
Taucher untersuchen den Schiffsrumpf der „Sirius“. Warum der Kutter gesunken ist, können sie auch nicht ausmachen. „Sie haben weder ein Loch im Rumpf, noch eine lose Planke ertasten können“, erklärt der damalige Stadtwerke-Chef Claus-Peter Horst. Allerdings machen die Taucher eine überraschende Entdeckung. „Das Schiff liegt nicht im Schlick, es liegt auf einem Einkaufswagen“, berichtet Horst. Das habe auch Vorteile. So muss die „Sirius“ für die Bergung nicht freigespült werden.
22. November 2013
Die „Sirius“ ist geborgen. In einer gut neunstündigen Aktion ist der marode Kutter im Auftrag der Stadtwerke aus dem Leeraner Hafen gehoben worden. Mit einem 180-Tonnen-Kran wird die „Sirius“ aus dem Wasser gehoben und auf einem Ponton abgesetzt. Zuvor hatten Mitarbeiter der bestellten Fachfirmen die dafür nötigen Gurte unter dem Bootsrumpf hindurchgeführt. Dabei kommt auch ein Taucher zum Einsatz. Viele Schaulustige verfolgen die Aktion. Der Ponton ist zunächst vor die Reeder-Häuser an der Dr.-vom-Bruch-Brücke gebracht und dort festgemacht worden. Anschließend wird das Schiff nach Papenburg zu einer Firma für Schiffsverwertung gebracht. Dort wird der Kutter zunächst gelagert. Der Eigner muss entscheiden, was mit dem Schiff passieren soll. Vorher aber will auch die Polizei den Kutter nochmal unter die Lupe nehmen. Die Ursache für dessen Untergang ist noch immer unklar.
Juni 2014
Das Schiff liegt noch immer zum Abwracken beim Papenburger Hafen auf dem Trockenen. Die Stadtwerke kündigen an, keine weiteren Kosten übernehmen zu wollen. Man habe bereits 60.000 Euro investiert. Geld, das die Stadtwerke jetzt vor Gericht vom Schiffseigner einklagen.
Juli 2014
Der Streit um die Bergungskosten geht weiter. Der Anwalt des Eigners kündigt gegenüber dieser Zeitung an, dass sich sein Mandant „auf jeden Fall gegen die Inanspruchnahme auf Zahlung der Bergungskosten wehren“ werde. Man argumentiert, dass die Bergung durch die Stadtwerke gar nicht nötig gewesen sei. Außerdem seien die dadurch entstandenen Kosten zu hoch.
November 2015
Die Papenburger Firma, auf deren Gelände die „Sirius“ steht, fordert den Eigner auf, tätig zu werden. Das Schiff soll dort weg. Ein Auftrag zum Abwracken liegt offenbar nicht vor. Etwa 15.000 Euro wären dafür fällig. Der Eigner sieht die Stadtwerke in der Verantwortung. Er sieht das Schiff auch „als Beweismittel“ im juristischen Verfahren, spricht von Schäden, die bei der Bergung entstanden seien.
Januar 2017
Der Kutter liegt noch immer in Papenburg. Bei einem Verhandlungstermin vor Gericht soll laut dem Eigner ein Experte ausgesagt haben, dass die Bergungsaktion der Stadtwerke „unverhältnismäßig“ gewesen sei. Es sei auch günstiger gegangen und es habe keine Eile bestanden. Inzwischen beliefen sich die Forderungen gegen ihn auf „fast 90.000 Euro – für Bergung und Lagerung des Schiffes“, erklärt der Eigner. Die Stadtwerke wollen sich öffentlich nicht dazu äußern. Wann der nächste Termin vor Gericht stattfinden wird, ist noch nicht klar.
Mai 2017
Die „Sirius“ liegt wieder im Leeraner Hafen: auf dem Gelände von Schrotthändler Interseroh Evert Heeren (heute: Nehlsen E. Heeren GmbH). Die Stadtwerke haben es dort hinbringen lassen.
November 2017
Vor Gericht erfährt der Eigner, dass das Schiff wieder in Leer liegt. Er streitet sich noch immer mit den Stadtwerken um die Bergungskosten – inzwischen liegt der Streitwert bei rund 110.000 Euro. Einen Vergleich lehnt er ab, wie er dieser Zeitung sagt. Die Stadtwerke wollen sich zu dem laufenden Verfahren auf Nachfrage nicht äußern. Weil der Gerichtsprozess noch nicht abgeschlossen ist, kann man die „Sirius“ nicht einfach verschrotten. Das kommt auch aus Sicht des Eigners nicht infrage. Es sei ein Beweismittel.
Juni 2018
Das Landgericht in Aurich entscheidet, dass die Kosten vom Eigentümer des Kutters getragen werden müssen. Bei den Stadtwerken herrscht Erleichterung. „Wir sind sehr froh, dass wir endlich ein Urteil haben und das Gericht unserem Vorgehen Recht gab“, sagt Stadtwerke-Chef Claus-Peter Horst. Bergung, Transport und Lagerung der „Sirius“ hatten alles in allem rund 105.000 Euro gekostet. „Ein Gutachter des Gerichts hatte allerdings erklärt, dass wir die Bergung auch mit weniger Aufwand hinbekommen hätten. Deshalb bekommen wir nur 75 Prozent unserer Kosten zugesprochen“, erklärt Horst. Somit müsste der Schiffseigner gut 75.000 Euro an die Leeraner Stadtwerke überweisen. Was aus der „Sirius“ wird, muss der Eigner entscheiden. Außerdem kann er Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen.
Februar 2019
Die Stadtwerke sagen, dass man seit dem Urteil versucht habe, das Geld einzutreiben – bisher ohne Erfolg. Der Eigner habe signalisiert, dass er kein Geld habe.
März 2022
Der Rechtsstreit dauert laut den Stadtwerken immer noch an.
Juli 2023
Die Stadtwerke teilen mit, dass man den Rechtsstreit in letzter Instanz gewonnen habe. „Das Oberlandesgericht Oldenburg hat die Rechtsansicht der Stadtwerke Leer insofern bestätigt“, sagt Behrendt. Nun sei man im Vollstreckungsverfahren gegen den Eigner.
November 2023
Die „Sirius“ liegt weiterhin in der Nähe der Seeschleuse auf dem Gelände des Entsorgungsunternehmens Nehlsen E. Heeren – und gammelt vor sich hin. Die Birken, die sie zur Straße hin abschirmen, sind mittlerweile so hoch, dass sie das Schiff beinahe vollständig verdecken.