Hamburg Radikale Reform: So wollen die Wirtschaftsweisen das Rentensystem verändern
Das deutsche Rentensystem benötigt dringend eine Reform. Dieser Meinung sind die Wirtschaftsweisen und machen radikale Vorschläge. Die Anhebung des Rentenalters ist dabei nur eine Stellschraube, an der gedreht werden soll.
Die deutsche Wirtschaft schrumpft 2023 und auch in den kommenden Jahren drohe eine anhaltende Wachstumsflaute. Zu diesem Ergebnis kommen die Wirtschaftsweisen, die als wichtige Berater der Bundesregierung fungieren, in ihrem Jahresgutachten, das sie am Mittwoch vorstellten. Es mangele an Investitionen, jungen innovativen Unternehmen, aber eben auch an Arbeitskräften.
Um Letzterem entgegenzuwirken, müsse man unter anderem an das Rentensystem heran. Das Rentenalter anzuheben sei dabei eine Stellschraube, wie die Wirtschaftsweisen resümieren, denn die Gesellschaft altert. Dabei sei es sinnvoll, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Ein Jahr länger leben solle zur Folge haben, dass man acht Monate länger arbeitet. Konkret bedeutet das: 2051 gäbe es die Rente erst mit 68, 2071 dann mit 69.
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Ein weiterer Vorschlag des Sachverständigenrates: Beschäftigte sollen in eine aktienbasierte Altersvorsorge einzahlen, also einen Fonds. Ist man dann in Rente, soll das Ersparte plus Rendite wieder ausgezahlt werden. Das Ganze soll automatisch funktionieren, wie etwa das Einzahlen in die Rentenkasse – es sei denn, jemand entscheidet sich aktiv dagegen.
Zusätzlich raten die Wirtschaftsweisen, den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor anzupassen. Durch ihn werden laut Deutscher Rentenversicherung Veränderungen im zahlenmäßigen Verhältnis von Rentenbeziehern zu Beitragszahlern berücksichtigt. Steigt die Zahl der Rentner schneller als die Zahl der Beitragszahler, was aktuell der Fall ist, wirkt sich das also dämpfend auf die Rentenanpassung aus.
Dieser Faktor solle dem Rat zufolge verstärkt werden. Die jährlichen Rentensteigerungen würden dann geringer ausfallen als bisher. Damit würden zusätzliche Rentenlasten „halbe-halbe auf Jung und Alt verteilt werden“, sagte die Vorsitzende Monika Schnitzer der „Süddeutschen Zeitung“. „Alternativ könnte man die Renten künftig nicht mit den Löhnen steigen lassen, sondern stets an die Preissteigerungen anpassen“, so Schnitzer weiter.
Bei beiden Maßnahmen drohe allerdings Empfängern von kleinen Renten die Altersarmut, räumen die Wirtschaftsweisen ein. Doch auch dafür haben sie eine Lösung parat: Geringverdiener sollen einen Rentenaufschlag bekommen – auf Kosten von Menschen mit hohem Einkommen. Es würde sich also um eine Umverteilung der Rente handeln.
Um weitere Gelder zu generieren, sollten auch Beamte und Selbstständige in die Rentenversicherung einzahlen. Beamte sind davon bisher grundsätzlich ausgenommen, Selbstständige können freiwillig einzahlen. Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung ist zumindest für Letztere bereits ein entsprechendes Gesetz vorgesehen.
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Zu guter Letzt will der Sachverständigenrat an die Rente mit 63 ran. Bisher ist es so, dass Erwerbstätige, die mindestens 45 Jahre gearbeitet haben, ab dem 63. Geburtstag ohne Abschläge in Rente gehen können, wenn sie 1952 oder früher geboren sind. Für alle danach Geborenen ist das je nach Jahrgang später möglich. Genutzt werde das vor allem von Menschen mit mittlerem Einkommen und guter Gesundheit. Gedacht war es aber ursprünglich für Menschen mit niedrigem Einkommen und hoher körperlicher Belastung.
Die Wirtschaftsweisen wollen die Regelung daher umbauen: Es soll jeder abschlagsfrei in Rente gehen dürfen, der mindestens 40 Beitragsjahre vorzuweisen hat, in denen er im Durchschnitt maximal 60 Prozent des jeweiligen Durchschnittseinkommens verdiente.
All die Forderungen des Sachverständigenrates sind letztendlich nur Empfehlungen für die Bundesregierung. Einigen Dingen, wie der Erhöhung des Renteneintrittsalters, hat die Ampelregierung bereits eine klare Absage erteilt.
Auch innerhalb der Wirtschaftsweisen sind sich nicht alle einig. So kritisierte beispielsweise Achim Truger, dass der Vorschlag eines Vorsorgefonds nicht berücksichtige, dass bei einem Börsencrash Erspartes verloren gehen könne.
mit dpa-Material