Osnabrück Wer ist noch à la mode? Wenn Geschmack wichtiger als Shopping ist
Geht es um den guten Griff? Oder um bloßen Konsum? Beim Shopping regiert nicht immer der bessere Geschmack. So richtig à la mode ist kaum noch jemand. Was meint eigentlich diese alte Redeweise?
Alle Welt geht shoppen, aber kaum jemand sieht wirklich gut angezogen aus. Täuscht mich mein Eindruck? In Fußgängerzonen sehe ich ein Überangebot an Bekleidungsgeschäften, aber kaum Menschen, die gut angezogen sind. Überall nur der Einheitslook aus Jeans und Jacken, Dokument jener Entscheidungslosigkeit, die mit dem Wort Casual wie mit einem Etikett kaschiert wird.
Waren das noch Zeiten, als Menschen gut aussahen, weil sie à la mode angezogen waren. Dabei ging es nicht einfach um den letzten Schrei, sondern um den guten Geschmack. À la mode war das Neue, zugleich aber auch alles, was einem guten Vorbild, ja einem Lebensmodell entsprach.
À la mode ist heute, so scheint mir, nichts und niemand mehr – außer jener Berliner Änderungsschneiderei, die sich so nennt. Welch hübsche Reminiszenz an eine Zeit, in der Geschmack nicht einfach nachgeäfft, sondern reflektiert wurde.
Statt à la mode gilt inzwischen wohl eher das anything goes. Der eine kommt in der Outdoor-Jacke zur Beerdigung, der andere legt zur Hochzeit das altväterliche Plastron an. Reden wir gar nicht erst von all jenen Menschen, die in Jeans in die Oper gehen. Ich sage auch denen: Schön, dass Sie da sind!
Von einem Stil à la mode ist das solche Geschmacksunsicherheit weit entfernt. Das alte Wort meint ja gerade die genaue Kenntnis dessen, was angemessen ist und gut aussieht. Wie sollte das seinerzeit anders bezeichnet werden, als mit einer Formel in französischer Sprache? Die Zivilisation Frankreichs gab guten Geschmack vor, mindestens für ganz Europa.
Diese Verbindlichkeit hat sich verloren. Zugleich erinnert der längst veraltete Ausdruck daran, wie hilfreich guter Geschmack sein kann, weil er hilft, Unterscheidungen zu reflektieren und damit auch das soziale Leben zu organisieren. Wer sich angemessen kleidet, bekundet Kenntnis jener Lebenssituationen, in die er sich begibt, und Respekt gegenüber jenen Menschen, denen er dabei begegnet.
Schade eigentlich, dass all dies so gar nicht mehr à la mode ist – guten Geschmack für mehr zu halten als den schnellen Griff beim Shopping.