Notstand in ostfriesischer Notfallversorgung Wie hat sich die Abmeldung aller Intensivstationen ausgewirkt?
Seit 1. November waren wiederholt alle ostfriesischen Intensivstationen für die Notfallversorgung abgemeldet. In der ersten Notstands-Nacht sollen aber alle Notfälle ortsnah versorgt worden sein. Wie das?
Ostfriesland - Wie wirkt sich die gleichzeitige Abmeldung aller ostfriesischen Intensiv- und Intermediate-Care-Stationen für die Notfallversorgung aus? Die entsprechenden Abmeldungen der Kliniken in Leer, Aurich, Emden und Wittmund in der Nacht zum 2. November waren Anlass für eine Presseanfrage bei Krankenhäusern, Rettungsdiensten und Rettungsleitstellen in Ostfriesland.
Was und warum
Darum geht es: Um die Folgen des intensivmedizinischen Notstands in Ostfriesland.
Vor allem interessant für: Pflegekräfte, Ärzte und Patienten
Deshalb berichten wir: Weil in Ostfriesland alle Intensiv- und Intermediate-Care-Stationen gleichzeitig für die Notfallversorgung abgemeldet waren. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
Noch immer sind nicht von allen Auskünfte eingegangen, schon gar nicht Antworten auf alle Fragen. Doch inzwischen waren schon wieder alle Intensiv- und IMC-Stationen gleichzeitig für die Notfallversorgung abgemeldet und das sogar wiederholt – in der Nacht zum Montag und am Dienstagmorgen. Die Presseanfragen sind damit von den aktuellen Entwicklungen überholt worden. In den folgenden Antworten geht es also um die Abmeldungen in der Nacht zum 2. November – nicht um den intensivmedizinischen Notstand am 5., 6. und 7. November.
194 Notfälle in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund
Die Kooperative Regionalleitstelle Ostfriesland (KRLO) ist für die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund zuständig. Sie registrierte insgesamt 194 Notfalleinsätze am 1. November und am 2. November bis 8 Uhr. „Nach Auswertung der Notfalleinsätze und der entsprechenden Transportziele können wir sagen, das alle Patienten in die örtlichen und dem Krankheitsbild (Fachabteilungen) entsprechenden Kliniken transportiert wurden“, teilte die Wittmunder Kreisverwaltung in Absprache mit der KRLO mit. „Trotz des hohen Einsatzaufkommens kam es zu keinen Rettungsmittel-Engpässen.“
Alle 194 Notfälle konnten demnach „in die nach Örtlichkeit zuständigen Krankenhäuser“, so dass den Rettungsdiensten keine weiteren Fahrzeiten entstanden sind. Auch die Stadtverwaltung Emden, die eine Rettungsleitstelle und einen Rettungsdienst betreibt, teilte mit, dass alle neun dortigen Notfälle im angefragten Zeitraum „in die nächstgelegenen Krankenhäuser transportiert“ worden seien – nach Emden, Leer und Aurich. Und das alles, obwohl zeitweise alle ostfriesischen Intensiv- und IMC-Stationen gleichzeitig abgemeldet waren.
Das geht aus den Stichproben im Ivena-Portal hervor
Ausweislich der Stichproben unserer Redaktion im niedersächsischen Ivena-Portal, in dem die Krankenhäuser den Rettungsdiensten ihre Aufnahmebereitschaft melden, waren am 1. November ab ungefähr 20.30 Uhr alle Intensiv- und Intermediate-Care-Stationen gleichzeitig abgemeldet. Das Zeitfenster der ersten Stichprobe reicht bis ungefähr 1.30 Uhr am 2. November. Das Zeitfenster der nächsten Stichprobe setzt am 2. November gegen 4.30 Uhr ein. Bis ungefähr 8.30 Uhr waren die genannten Stationen weiterhin abgemeldet.
Die Nachfrage, wie viele der 194 Notfälle zwischen 20.30 Uhr und 8.30 Uhr versorgt wurden, ist seitens der KRLO noch nicht beantwortet. Aber die Antwort der Auricher Kreisverwaltung vermittelt einen Eindruck, wie viele oder wenige der Einsätze in der Nacht waren: In diesem einen der drei KRLO-Landkreise gab es demnach zwischen 20.30 und 8.30 Uhr acht Notfälle – auf dem Festland. „Von den acht Patienten wurden sieben in Aurich und Emden aufgenommen“, schreibt die Kreisverwaltung – wie mit dem achten verfahren wurde, bleibt unklar.
Trotz allem soll die Notfallversorgung „jederzeit gesichert“ sein
Mussten die örtlichen Kliniken die Notfallpatienten aufnehmen, weil sie von den Notärzten per Einweisung dazu verpflichtet wurden, oder mussten die Notfallpatienten nicht intensivmedizinisch versorgt werden? Das weiß die Auricher Kreisverwaltung nicht: „Hierzu liegen uns keine Informationen vor.“ Obwohl die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich und Emden dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden gehört.
Diese Trägergesellschaft hat am Dienstag als letztes ostfriesisches Klinik-Unternehmen die Presseanfrage zum intensivmedizinischen Notstand in der Nacht zum 2. November beantwortet – aber erst, nachdem unsere Redaktion Aurichs Landrat Olaf Meinen und Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff in Kenntnis gesetzt hatte, dass die Anfrage noch nicht beantwortet ist. Der Klinikverbund teilte mit: „Für die Meldung beim Ivena-Portal sind die tagesaktuelle Personalbesetzung und das Patientenaufkommen ausschlaggebend. Die Schließungen sind in der Regel das Resultat kurzfristiger krankheitsbedingter Personalausfälle und daraus resultierender fehlender Behandlungskapazitäten. Die Notfallversorgung ist aber jederzeit gesichert.“
So kurzzeitig sind die „kurzzeitigen Abmeldungen“ der Auricher Klinik
Eine Behandlungspriorisierung – also eine Triage – erfolge in den Zentralen Notaufnahmen gemäß den Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) für jeden Notfallpatienten, so der Klinikverbund. „Es kann auch zukünftig zur kurzzeitigen Abmeldung einzelner Teilbereiche von der stationären Versorgung kommen“, erklärt der Chefarzt des Interdisziplinären Notfallzentrums, Dr. Alexander Dinse-Lambracht. Und: „Insgesamt konnten die Schließzeiten der Intensivstation vor allem in Aurich seit Juli aber reduziert werden.“
Eine kurzzeitige Abmeldung einzelner Teilbereiche? Diese Auskünfte gingen am Dienstag um 14.42 Uhr ein. Aus den Stichproben unserer Redaktion im Ivena-Portal geht hervor, dass die Intensivstation der Emder Klinik bis kurz nach 9 Uhr für die Notfallversorgung abgemeldet war und ab ungefähr 18.15 Uhr erneut. Die Intensivstation der Auricher Klinik war von circa 7.15 Uhr bis kurz nach 14 Uhr und von circa 15.15 Uhr bis circa 22.15 Uhr für die Notfallversorgung abgemeldet – also im gesamten Zeitraum, welchen die Stichproben abbilden.
So bringen Rettungsleitstelle und -dienste die Notfälle in Kliniken unter
Die Notfallversorgung soll laut dem Klinikverbund also „jederzeit gesichert“ gewesen sein, obwohl sämtliche intensivmedizinischen Krankenhaus-Stationen in Ostfriesland abgemeldet waren. Und laut den Rettungsleitstellen sind alle Patienten in die örtlich zuständigen Kliniken gebracht worden. Das klingt so, als sei es völlig egal, ob die Kliniken ihre Intensivstationen für die Notfallversorgung an- oder abgemeldet haben. Kann das sein?
Die KRLO erklärte über die Kreisverwaltung Wittmund, wie das abläuft: „Die Rettungswagen fahren trotz einer Ivena-Abmeldung die örtlichen und zuständigen Krankenhäuser an. Im Bedarfsfall erfolgt dann eine Verlegung von Krankenhaus zu Krankenhaus. Die Patienten werden bei einer flächigen Ivena-Abmeldung von der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland den zuständigen und örtlichen Krankenhäusern zugewiesen.“ Die Leitstelle erläutert: „Nicht jeder Patient benötigt eine intensivmedizinische Versorgung. Bei Notfällen, bei denen ein Notarzt vor Ort ist, wird dieser in der jeweiligen Klinik ein Arzt-Arzt-Gespräch führen und nach einer Rücksprache ein für den Notfall und das Krankheitsbild passendes Krankenhaus anfahren.“
So kann sich der Notstand auf Patienten und Pflegepersonal auswirken
Das Leeraner Borromäus-Hospital erklärt, was dann passiert: „Sofern die Leitstelle eine Zuweisung trotz Abmeldung vornehmen muss, würde eine Pflegekraft vorübergehend mehr Patienten betreuen, als im Pflegeschlüssel vorgegeben sind.“ Und das Klinikum Leer schreibt zu diesem Szenario: „Für diesen Fall würde es zu einer Triagierung der Intensivpatienten kommen beziehungsweise es werden dann auch vorübergehend mehr Patienten je Pflegekraft versorgt, als die sogenannte Pflegepersonaluntergrenze mit 1:2 beziehungsweise 1:3 im Tag- beziehungsweise Nachtdienst vorschreibt.“
Demnach sind die flächendeckend abgemeldeten Intensivstationen also ein Hinweis darauf, dass es zu folgenden Situationen kommen kann: Pflegekräfte müssen mehr tun, als rechtlich vorgesehen ist, und der einzelne Intensivpatient bekommt tendenziell weniger Pflege. Manche Intensivpatienten müssen länger auf ihre Behandlung warten.
Das sind die bisherigen Stellungnahmen für die Rettungsdienste
Die Stadtverwaltung Emden und die Kreisverwaltung Aurich haben angegeben, dass ihre Rettungsdienste während des intensivmedizinischen Notstands in der Nacht zum 2. November keine Kapazitäts-Engpässe durch weitere Fahrzeiten hatten – weil die Notfälle in den örtlich zuständigen Kliniken untergebracht werden konnten.
Konkret hatte die Frage an die Rettungsdienste gelautet: „Kam es aufgrund weiterer Fahrtwege im genannten Zeitfenster zu Schwierigkeiten wie Rettungsmittel-Engpässen oder suboptimalen Situationen für Notfallpatienten? Falls ja: Was genau waren die Probleme?“ Die Wittmunder Kreisverwaltung teilte darauf folgende Antwort der Rettungsdienst GmbH in Wittmund mit: „Ist statistisch nicht zu bewerten.“ Und der Leeraner DRK-Rettungsdienst hat die Anfrage unserer Zeitung noch nicht beantwortet.Intensivmedizinischer Notstand – Kliniken im Ausnahmezustand
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