Berlin Die Ohnmacht im Nahost-Konflikt: Wie könnte ich an diesem Elend nicht verzweifeln?
Wir alle werden hierzulande nicht beeinflussen, was die Hamas tut und wie Israels Armee reagiert. Aber wir können entscheiden, wie wir hier miteinander leben wollen. Ein Gastbeitrag von Sawsan Chebli.
Ich habe lange überlegt und gezögert, etwas zu Gaza-Israel zu schreiben, habe vielfach angesetzt und alles wieder verworfen. Weil mir die Worte fehlen. Weil ich mich ohnmächtig fühle.
Als ich vom Massaker der Hamas in Israel hörte, die Videos von den verschleppten Geiseln sah, war ich vollkommen fassungslos und schrieb sofort meinen israelischen und jüdischen Freund:innen, um zu schauen, ob sie sicher sind. Sie waren im Schockzustand. Einer sprach vom zweiten Holocaust. Meine Freundin schrieb mir: „Ich kann nicht mehr, Sawsan. Es ist alles so schlimm.“ Ich fühle und leide so sehr mit ihr. Leichenschändungen, Vergewaltigungen, getötete Babys: Wie kann man ein Mensch sein und angesichts dieses Horrors kein Mitgefühl haben? Wie das rechtfertigen?
Ich spreche mit arabischen Jugendlichen. Sie sagen mir, das sei alles Propaganda. Hamas hätte diese Verbrechen nicht begangen. Sie zeigen mir Bilder von toten palästinensischen Kindern und sagen, deutsche Medien würden diese Gräuel bewusst nicht zeigen. Sie fragen, wo der Aufschrei bleibe, wenn Siedler palästinensische Dörfer niederbrennen und was Europa denn gegen die systematische Verdrängung von Palästinenser:innen in Jerusalem oder der Westbank tue. Mit Empathie dürften Muslime in Deutschland sowieso nicht rechnen.
Die Deutschen wollen uns einfach nicht, höre ich immer öfter. Warum sonst forderten deutsche Politiker:innen jetzt Einreisestopps und Ausweisungen für Muslime, würden palästinensische Demonstrationen verboten? Warum sonst würden das palästinensische Tuch und die Palästina-Flagge mit Terrorverherrlichung gleichgesetzt und damit alle, die sie tragen, zu Antisemiten und Terroristen erklärt?
Ich höre zu und frage zurück: Findet Ihr Gewalt gegen Unschuldige richtig? Nein, sagen alle. Ich frage: Kennt Ihr die Videos der weltweit demonstrierenden Jüdinnen und Juden, die sich für einen sofortigen Waffenstillstand einsetzen? Schon, aber diese Leute meinen wir ja nicht. Wisst Ihr, dass sehr viele Jüdinnen und Juden hier und auch viele Israelis gegen das sind, was in Israel geschieht, wisst Ihr, dass Hunderttausende Israelis monatelang gegen ihre Regierung und viele auch für ein Ende der Besatzung demonstriert haben? Nein, das hätten sie nicht mitbekommen.
Es herrschen gigantisches Unwissen und Verblendung gerade unter Jugendlichen, die auf TikTok ständig zugeballert werden, mit Videos von Tod und Leid, die selbst Erwachsene nicht ertragen können.
Ich weine auch angesichts der Videos, Bilder und Berichte aus Gaza von schreienden Kindern, von Kindern, die nicht wissen, wie sie heißen und im Krankenhaus statt Namen Nummern bekommen, von Müttern mit ihren toten Kindern auf dem Arm, von apokalyptischer Zerstörung. Sie begleiten mich überall hin und rauben mir den Schlaf. Mir friert das Herz, wenn gesagt wird, das gehöre eben zum Krieg dazu.
Wie könnte ich an diesem Elend nicht verzweifeln?
Ich bin eine Deutsche mit palästinensischen Wurzeln. Meine Eltern wurden nach der Staatsgründung Israels entwurzelt und verloren alles. Ich weiß keinen Ort, wohin meine Familie gehen könnte, falls der Rassismus in Deutschland gegen uns weiter zunimmt. Wir haben keine zweite Heimat. Seit Jahrzehnten kommen Millionen Palästinenser:innen, Menschen aus Fleisch und Blut, nur als gesichtslose Statistik, als lästiges Problem, als schreiender Mob vor.
Wir alle werden hierzulande nicht beeinflussen, was die Hamas tut und wie Israels Armee reagiert. Aber wir können entscheiden, wie wir hier miteinander leben wollen, und auch etwas tun.
Ich selbst habe mich für Menschlichkeit und gegen Hass entschieden. Die in Deutschland lebende Schriftstellerin Deborah Feldmann sagte kürzlich: „Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige legitime Lehre aus dem Holocaust gibt. Und das ist die absolute, bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte für alle. Punkt“. Punkt.
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.
Weil es sich um einen Gastbeitrag handelt, haben wir die originale Schreibweisen von Sawsan Chebli beibehalten.