Eutin  Kleinere Packungen, höhere Kosten: Was Medikamenten-Engpässe für Kunden bedeuten

Jan Melchior Bonacker
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Von Jan Melchior Bonacker
| 07.11.2023 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Asthma-Medikament Salbutamol ist aktuell schwer zu bekommen – der Eutiner Apotheker Lars Hoffmann von der Voss-Apotheke hat derzeit nur die kleinen Packungen im Lager. Foto: Jan Melchior Bonacker
Das Asthma-Medikament Salbutamol ist aktuell schwer zu bekommen – der Eutiner Apotheker Lars Hoffmann von der Voss-Apotheke hat derzeit nur die kleinen Packungen im Lager. Foto: Jan Melchior Bonacker
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Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten sind seit Corona keine Seltenheit mehr. Mitten in der Grippesaison fehlen dieses Jahr Antibiotika und Bronchitis-Mittel. Mehrere Apotheker erklären, was die Auswirkungen sind.

Mit sorgenvollem Blick und murrenden Worten verlässt ein älterer Herr die „Voss-Apotheke“ in Eutin (Schleswig-Holstein). Inhaber Lars Hoffmann musste ihn enttäuschen: Die Augentropfen, die er brauche, gebe es aktuell nicht. Der Grund: Lieferschwierigkeiten. Neben Augentropfen betreffen diese unter anderem auch Penicillin-Saft, Antibiotika-Säfte und das Asthma-Mittel Salbutamol. Die Auswirkungen sind spürbar – auch im Geldbeutel, berichten die Apotheker.

Auch Lars Hoffmann ist unzufrieden: „Das ist jedenfalls keine Regelversorgung mehr“, ärgert er sich. Die erneuten Medikamenten-Engpässe kommen zur Unzeit: In Deutschland herrscht Grippe-Saison – Atemwegserkrankungen grassieren in der gesamten Bevölkerung. Ausgerechnet das Asthma-Medikament Salbutamol, das bei Kindern auch gegen Bronchitis verschrieben wird, fehlt jetzt.

Trotz der Erfahrungen aus den vergangenen Jahren habe es die Apotheken weitgehend unvorbereitet getroffen: „Letztes Jahr waren es Schmerz- und Fiebersäfte, dieses Jahr sind es Antibiotika und Penicillin“, erklärt Hoffmann, „Wir können sowas nicht vorhersehen.“ Das Problem bei den diesmal betroffenen Mitteln: „Da gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten.“ Bei einigen Medikamenten, etwa bei den Augentropfen, gebe es nur einen Hersteller – wenn der nicht liefern könne, sei einfach nichts da.

Die Ursache sieht Lars Hoffmann in der ausgelagerten Produktion der Medikamente ins Ausland: „Das ist ja seit Jahren so. Der Kostendruck war groß und damals waren die Lieferketten ja noch unbelastet“, zeigt der Eutiner Verständnis für die damalige Entscheidung der Pharmaindustrie. „Aber was man jetzt sieht: Sobald es irgendwo in China kriselt, rüttelt es die ganze Versorgungsstruktur durcheinander. Man hat sich abhängig gemacht.“

Während der Pandemie griffen einige Apotheker deswegen wieder auf eine Grunddisziplin ihres Berufes zurück: „Da wurden Medikamente wieder selber gemischt“, erinnert sich Hoffmann. Trotz der aktuellen Engpässe sei das aber gerade keine Option: „Das wäre nicht möglich – zumindest nicht zu Kosten, die die Krankenkassen übernehmen.“

Doch auch ohne teure, hausgemischte Arzneien müssen Kunden in den Apotheken derzeit oft mehr zahlen als sonst. Das Asthmamedikament Salbutamol ist in der Voss-Apotheke nur noch in Einzelpackungen verfügbar: „Für Chroniker gibt es normalerweise Dreierpackungen, aber die sind gar nicht mehr zu bekommen“, sagt Hoffmann. So müssen auch chronische Asthma-Patienten Einzelpackungen bekommen: „Dann müssen sie jedes Mal die Rezeptgebühr zahlen.“ Statt wie gewöhnlich fünf Euro pro Dreierpackung seien es jetzt drei mal fünf Euro. Trotzdem sei er froh, dass es überhaupt noch Salbuhexal – das Medikament mit dem Wirkstoff Salbutamol – gebe, sagt Lars Hoffmann: „Die Versorgung ist noch sichergestellt.“

So steht es auch wenige Meter weiter in einer anderen Apotheke aus. Mitarbeiterin Julia Schneider: „Aktuell lassen sich die Engpässe noch abfedern: Immer mal kommt ein Schwung Medikamente rein.“ Wenn die Hersteller wieder liefern könnten, werde dies auch getan – allerdings über ganz Deutschland verteilt: „Wenn das Kontingent erstmal abgegrast ist, ist es weg“, resümiert sie.

In einer weiteren in der Nähe liegenden Apotheke fällt besonders der Engpass bei Penizillin auf: „Sowohl Säfte für Kinder als auch Tabletten für Erwachsene fehlen. In diesem Jahr hatten wir bisher nur ein Prozent des normalen Jahresumsatzes an Penizillin“, berichtet Inhaber Detlev Schulz. Das Frustrierende für ihn: „Man kann das überhaupt nicht absehen. Manchmal kommt was, manchmal nicht.“

Neben Antibiotika, Salbutamol und Penizillin fehlen bei ihm unter anderem auch Nasensprays: „Wir haben längst nicht das gekriegt, was wir bestellt hatten“, sagt Schulz. Sobald sie wieder verfügbar seien, werde er sich damit bevorraten: „Der letzte Winter war schlimm, da fehlte ja vor allem Ibuprofen. Davon haben wir jetzt aber das Lager voll. Man fängt irgendwann das Hamstern an.“ Sein Mitgefühl gelte Patienten, die auf ein bestimmtes Medikament angewiesen seien, sagt Schulz: „Die sind immer in der Schwebe und müssen im Zweifelsfall vom Arzt umgestellt werden.“

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