Osnabrück  Peter R. Neumann: „Die gefährlichste Terrorsituation seit zehn Jahren“

Justin Bernhard Hansman, Kim-Khang Tran
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Von Justin Bernhard Hansman, Kim-Khang Tran
| 05.11.2023 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Angriffe auf Israel, Überfall auf die Ukraine: Wie resilient ist der Westen in Zeiten von Polykrisen? Foto: dpa/Abed Khaled
Angriffe auf Israel, Überfall auf die Ukraine: Wie resilient ist der Westen in Zeiten von Polykrisen? Foto: dpa/Abed Khaled
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Steht der dritte Weltkrieg vor der Tür? Das fragten wir unsere Top-Experten Markus Reisner und Peter R. Neumann im Livetalk. Sie warnen vor möglichen Terroranschlägen in Europa und vor einer Eskalation mit dem globalen Süden.

„Krieg gegen Israel und die Ukraine: Wie sicher ist der Westen?“, lautete das Thema unseres Expertentalks am vergangenen Donnerstag. Nach dem Überfall auf die Ukraine und dem Terrorangriff durch die Hamas auf Israel steht der Westen unter Druck. Peter R. Neumann, Politikwissenschafter und Professor am Kings College London, und Markus Reisner, österreichischer Historiker, Militärexperte und Kommandant der Garde, haben gemeinsam mit Moderator Michael Clasen die sicherheitspolitische Lage für den Westen in Zeiten der multiplen Krisen besprochen.

Die Sorge vor einem dritten Weltkrieg hat es schon bald nach 1945 gegeben, ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 und dem Angriff der Hamas auf Israel aber noch einmal gewachsen. Oberst Markus Reisner sieht in den weltweiten Spannungen weniger einen Ost-West-Konflikt, sondern vielmehr eine Auflehnung des globalen Südens gegen den globalen Norden. Verschiedene Staaten und Regionalmächte hätten ihre Chance gesehen, die Schwäche des globalen Nordens zu nutzen. Der globale Süden wolle sich nicht mehr bevormunden lassen. In China, Indien und anderen Teilen der Welt, so Peter R. Neumann, frage man sich: „Warum muss das eigentlich immer der Westen sein, der das Sagen hat?“ Die vom Westen dominierte Weltordnung stehe unter Druck, auch angesichts der schrumpfenden Bevölkerung.

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Verheerend sei laut Reisner die Möglichkeit, dass China die Situation ausnutzen und eine militärische Operation in Taiwan starten und als „lachender Dritter“ aus der Situation hervorgehen könnte. China könnte abwarten und zusehen, wie der Westen seine Ressourcen verbraucht, um zuzuschlagen. Das Dilemma für den Westen bestehe darin, dass die Ressourcenverteilung zwischen der Ukraine und Israel gleichzeitig bedacht werden müsse. Die Aufmerksamkeit verschiebe sich nach Israel, in der Ukraine hingegen seien kaum noch Journalisten.

Zunehmend seien die USA angesichts der vielen Krisen überfordert: „Wir befinden uns in einer Polykrise“, erklärt Reisner. Dramatische Konsequenzen für die Ukraine und den Nahen Osten könne die von Donald Trump angekündigte isolationistische Politik haben, fügt Neumann hinzu. Putin hoffe auf Trumps Wahlsieg. Hinter dem Angriff der Hamas auf Israel stecke Putin nicht. Die entscheidende Variable im Nahen Osten, so Neumann, sei der Iran, der die verschiedenen Gruppen von der Hamas bis hin zur Hisbollah unterstütze.

Ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs stellt Reisner nicht in Aussicht. Er werde so lange dauern, wie „beide Seiten in der Lage sind, diesen Krieg durch Ressourcen zu nähren“. Auf beiden Seiten komme es dabei auf die Unterstützung von außen an: Die Ukraine sei auf den Westen angewiesen, Russland auf den globalen Süden. Dabei stehe die Ukraine nicht nur mit Blick auf die „zurückhaltenden“ Lieferungen aus dem Westen, sondern auch in ihrer Demografie vor Herausforderungen: Wenn man die Geflüchtete nicht mitzähle, seien es 33 bis 34 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Russland habe rund 145 Millionen Einwohner.

Nicht nur ein eigener militärisch-industriellen Komplex, sondern auch Ersatzteile aus dem globalen Süden stünden Russland zur Verfügung. Die Sanktionen des Westens „schaden der russischen Wirtschaft massiv, aber nicht so sehr, dass der Krieg einzustellen wäre“, sagt Reisner und fügt hinzu: „Auch der Westen ist nach wie vor Lieferant von wesentlichen Bauteilen, die Russland verbauen kann.“ Russland sei unterschätzt worden: „Das System in Russland ist resilienter, als wir denken“, sagt Neumann. Viele Prognosen hätten sich als falsch herausgestellt, etwa diese nach dem Putschversuch der Gruppe Wagner im Juni 2023 und den angeblichen Krankheiten des russischen Präsidenten.

Die Alarmbereitschaft ist groß: Die Amerikaner haben zwei Flugzeugträger in den Nahen Osten versetzt, die Region ist in Aufruhr. Wenn es tatsächlich zu einer Eskalation und einem regionalen Flächenbrand kommen sollte, was zunächst von der Entscheidung der Hisbollah abhänge, dann würden sich nicht nur Israel und die Hamas bekämpfen, „sondern dann haben wir einen Krieg zwischen dem Iran auf deiner einen Seite mit dem ganzen verstiegenen Alliierten und auf der anderen Seite den Westen mit Israel“, so Neumann. Es wäre zwar immer noch ein regionaler Konflikt, jedoch möglicherweise mit globalen Auswirkungen, erklärt der Professor weiter.

Die israelischen Streitkräfte könnten sicherlich, wie sie aufgestellt sind, das militärische Potential der Hamas nachhaltig schwächen, so Oberst Reisner. Das Ziel müsste jedoch sein die Geschehnisse vom 7. Oktober zukünftig auch zu unterbinden. Dafür bräuchte es eine politische Zielsetzung, die könnte nur lauten, die palästinensische Zivilbevölkerung von der Hamas zu trennen und ihnen den Nährboden zu nehmen. Es sei sehr wichtig, aber auch schwierig diese Verschränkung zwischen der Terrororganisation und der Bevölkerung zu beenden, erläutert Reisner.

Die emotionale Betroffenheit in der Gesellschaft sei auf beiden Seiten enorm. Neumann ist deswegen der Ansicht, dass auch in Europa Menschen auf die Straßen gehen werden und sich neue Netzwerke und Strukturen von potentiellen Terroristen bilden könnten. Aufgrund dieser extremen Emotionalisierung des Konfliktes sieht der Terrorismusexperte „die gefährlichste Terrorsituation seit zehn Jahren“. Es würde ihn nicht überraschen, wenn in den nächsten zwei Wochen in Europa ein terroristischer Anschlagsversuch stattfinden würde.

Auch in Deutschland hätten wir zwischen 500-600 potentielle Gefährder für Anschläge, die jedoch nicht alle gleichzeitig beobachtet werden könnten. Ebenso würden die bekannten Terrororganisationen, wie der IS, versuchen auf den Zug aufzuspringen und Ziele in Israel anstreben, so Neumann.

In den letzten Tagen sprach Verteidigungsminister Pistorius, davon Deutschland müsste „kriegstüchtig“ werden. Oberst Reisner konkretisierte diese Aussage und nahm Bezug auf den Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Er hätte den Begriff der „postheroischen Gesellschaft“ geprägt. Reisner stellte fest, dass wir in einer solchen Leben würden, also einer Gesellschaft, die darauf hofft, „dass andere für uns die Dinge erledigen. Das Problem ist aber, die anderen werden diese Dinge nicht für uns erledigen“. Europa würde sich zu sehr auf seinen Partner jenseits des Atlantiks verlassen. Wir müssten uns selbst auf die Beine stellen und selbst auch wieder heroisch werden, fordert der Militärexperte. „Heroisch muss jetzt nicht unbedingt bedeuten, in den Krieg zu ziehen, sondern dass wir resilient werden müssen“, führt Reisner aus.

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