Osnabrück  Lage an der Front: Gehen Russland und der Ukraine die Soldaten aus?

Justin Bernhard Hansman
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Von Justin Bernhard Hansman
| 01.11.2023 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Kampf an der Front, hier in Bachmut, stellt für viele Soldaten ein Wagnis dar. Foto: imago images/Le Pictorium
Der Kampf an der Front, hier in Bachmut, stellt für viele Soldaten ein Wagnis dar. Foto: imago images/Le Pictorium
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Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine dauert bereits 20 Monate an. Militärexperte Nico Lange sprach in unserem Expertentalk über die Lage an der Front, einen potenziellen Personalmangel und warum Russlands Soldaten Kanonenfutter sind.

Die Lage in der Ukraine ist undurchsichtig. Gerade an der Frontlinie ist oft unklar, was Fakt ist und was Fake News. Auch die Frage nach der russischen Militärstärke ist nicht eindeutig zu beurteilen. In Deutschland halte sich dennoch der Mythos der „unendlichen militärischen Stärke Russlands“, sagt Militärexperte Nico Lange im Gespräch mit unserer Redaktion. Russland habe aber bereits 50 Prozent der einst eroberten Gebiete schon wieder verloren.

Nico Lange ist seit Juli 2022 Senior Fellow der Zeitenwende-Initiative bei der renommierten Münchner Sicherheitskonferenz. Im Expertentalk hat er mit uns über die Lage an der Front gesprochen.

Sehen sie hier den Expertentalk zum Thema „Gerät die Ukraine im Schatten des Nahost-Krieges unter Druck?“ in voller Länge:

Aktuell habe Russland bei wichtigen Schlachten, wie um Awdijiwka bei Donezk, kaum Erfolge vorzuweisen, sagt der Experte. Anders sei das bei den Ukrainern. Einerseits habe Russland generell Schwierigkeiten, die ukrainische Gegenoffensive aufzuhalten. Und andererseits würden die Getreideschiffe aus dem Hafen von Odessa wieder fahren. „Das haben nicht wir verhandelt, das hat auch nicht Herr Erdogan verhandelt, sondern die Ukraine hat das selbst erreicht“, begründete er seine Aussage. Und auch die russische Schwarzmeerflotte aus Sevastopol habe Russland wieder abziehen müssen. Das sei „eine ganz bittere, auch symbolisch bittere Niederlage für Russland.“

Durch einen Personalmangel ließe sich die aktuellen Verluste allerdings nicht begründen, so der Experte. Keiner der beiden Kriegsparteien gingen aktuell die Soldaten aus. Auch für das kommende Jahr sieht Lange noch nicht die Gefahr eines Personalmangels.

Peinlich sei es jedoch, dass „die führenden Industrienationen Europas nicht in der Lage sind, mehr Artilleriemunition zu produzieren, als ein von Sanktionen belegtes Russland“, so Lange. Der Experte sieht großen Nachholbedarf auf Seiten der Europäer, der Wille sei jedoch nicht erkennbar.

Was auffalle, sei außerdem die unterschiedliche Behandlung der eigenen Soldaten durch die Streitkräfte. Russland würde gerade bei der Schlacht in der Region um Awdijiwka alle Ressourcen an die Front bringen, in der Hoffnung, dass den Ukrainern die Munition ausgehe – und den Russen sei es dabei „völlig egal, ob die Leute sterben, Hauptsache am Ende kann man sich irgendwie durchsetzen“. Lange erklärte weiter: „Das ist der schlimmste Sowjet-Stil, den man sich vorstellen kann.“

Die Ukrainer hingegen hätten eine gute medizinische Ausbildung. Die Militärmedizin würde dafür sorgen, dass die Soldaten auf dem Schlachtfeld versorgt werden und mit einer Rettungskette in die großen Krankenhäuser des Landes gebracht werden.

Trotzdem, fügte Lange hinzu, hätte er bei seinem letzten Besuch in der Ukraine „noch nie so viele Menschen gesehen, die einen Arm verloren haben oder ein Bein.“ Er resümierte: „Man kann spüren, was für einen hohen Preis die ukrainische Gesellschaft für ihre Freiheit zahlen muss.“ Sein Credo lautet dennoch: „Die Ukraine muss gewinnen und wir müssen so schnell wie möglich dafür sorgen, dass das gelingt.“

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