Schwerin  Die Rückkehr des Populismus zu seinen Ursprüngen

Michael Seidel
|
Von Michael Seidel
| 29.10.2023 12:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Politischer Frühschoppen auf dem Volksfest Gillamoos Foto: Pia Bayer
Politischer Frühschoppen auf dem Volksfest Gillamoos Foto: Pia Bayer
Artikel teilen:

Über drei Jahrzehnte galt Rechtsextremismus und -populismus als ostdeutsches Phänomen. Die Wahlen in Bayern und Hessen zeigten, dass das nicht stimmt. Die rechten „Vorturner“ waren übrigens immer überwiegend Westdeutsche!

Der erste Kreisverband der NPD in Mecklenburg-Vorpommern wurde im Altkreis Hagenow gegründet. Kurz nach dem Mauerfall. Vorsitzender ein Jüngelchen aus Schwerin; geltungsbedürftig, psychisch angeschlagen, narzisstisch veranlagt. Heute übrigens Reichsbürger. Der Mann im Hintergrund aber kam aus Schleswig-Holstein: Heinrich Förster, NPD-Altkader und Spiritus rector der anarchischen Glatzen- und Kameradschaftszene östlich der Elbe.

In die Landesgeschichte eingebrannt hatte sich dieses Triumvirat mit einem Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Bahlen bei Boizenburg im Juli 1992, noch vor dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, die Gerichtsprozesse als junger Reporter zu begleiten. Auch viele spätere NPD-Führungskader (Pastörs, Köster), die es teils bis in den Schweriner Landtag schafften, waren „Westimporte“. Aber das Phänomen des Rechtsextremismus blieb in der bundesdeutschen medialen Wahrnehmung ein „ostdeutsches“.

Die AfD mag mal eine westdeutsche Professoren-Partei gewesen sein. Auf der Führungsebene turnen zwar heute auch einige „Bio-Ostdeutsche“ herum, wie Partei-Co-Chef Tino Chrupalla. Doch die Treiber, die aus der Anti-Euro-Partei eine rechtsradikale Sammlungsbewegung machten, sind wiederum West-Germanen: Von Alexander Gauland (ok, in Chemnitz geboren, aber 1959 in den Westen geflohen) und Jörg Meuthen (BaWü) über den aus Hessen nach Thüringen eingewanderten Björn Höcke bis zu Alice Weidel (Baden-Württemberg) oder dem langjährigen brandenburgischen Landeschef Andreas Kalbitz (Bayern).

Das soll nun wahrlich keine Entschuldigung sein für die große Gefolgschaft, die diese Anti-Partei in der ostdeutschen Bevölkerung erfährt. Und gewiss erklärt die dank zügiger westdeutscher Überformung nach dem Mauerfall ausgebliebene Selbstermächtigung vieler Ostdeutscher einen Teil des Resonanzbodens für autoritaristische, völkische und simplifizierende politische Angebote. Doch diesen Resonanzboden gibt es eben auch im Westen. Nur wird er dort medial anders, um nicht zu sagen: nachsichtiger, behandelt.

Nationale Leitmedien wie die FAZ reisen eben nicht zuerst nach Kassel oder Nürnberg, um die dortige Bevölkerung daraufhin zu sezieren, was sie wohl in die Arme der Aiwangers, Protschkas oder Licherts treibt (letztere sind die uncharismatischen AfD-Chefs von Bayern und Hessen). Sondern die Feuilletonisten reisten mal wieder nach Thüringen, um die verdorbene Ost-Verwandtschaft unters Brennglas zu legen. Wie so oft im Duktus von Auslandsberichterstattung. Zitat: „Hinter ihnen eine menschenleere Straße, eine halbe Gespensterstadt. Das ist Suhl im Oktober. Suhl, das wie kaum ein anderer Ort für die politischen Herausforderungen steht, für die Probleme der Migration, der Demographie, der Infrastruktur und der Abnabelung der Wähler vom politischen Berlin.“

Würden die Autoren einmal die hessische oder bayrische Gesellschaft nach demselben Muster untersuchen, würden sie wohl dieselben Narrative finden, vergleichbare Orte, die prototypisch „für die politischen Herausforderungen“ stehen. Sie würden dann aber auch feststellen müssen, dass aktiv regierende Politiker dort, in Hessen und noch mehr in Bayern, mit politischen Parolen agieren, die drüben in Thüringen oder gar bei uns im Norden schon als rechtsradikal gelten würden.

Und trotz der Aiwanger-Tiraden in Schul- und Wahlkampfzeiten und trotz des Söder-Furors gegen „die da in Berlin“ hievten bayrische Wähler die AfD noch auf den dritten Platz. Wie erklärt sich denn das nun? Da ist das nationale Feuilleton sprachlos. Da findet es keine Erklärungen. Da guckt es lieber nicht so genau hin, sonst würde es sich selbst im Spiegel sehen. Da bleibt es bequemer, die Orientierungslosigkeit bei den vermeintlich unter DDR-Sozialisation demokratieuntauglich verdorbenen Ossis abzuladen. Willkommen im wiedervereinigten Deutschland.

Ähnliche Artikel