Berlin Antisemitismus unter radikalen Muslimen: Woher kommt der islamistische Judenhass?
Der aggressive Antisemitismus der Hamas und anderen islamistischen Gruppierungen wird oft als Reaktion auf den Nahostkonflikt missverstanden. Die Ursachen eines der hartnäckigsten Ressentiments der Menschheitsgeschichte aber liegen viel tiefer.
Die selbsterklärten „Freiheitskämpfer“ der Hamas haben in ihrem Krieg gegen den Todfeind Israel Zivilisten und selbst Kleinstkinder niedergemetzelt. Auch ruft die Terrororganisation dazu auf, weltweit jüdische Einrichtungen anzugreifen. Wieso beschränkt sich Hamas nicht auf Soldaten als Ziele? Und weshalb nimmt sie nicht nur die verhassten Israelis, sondern Juden überall auf dem Planeten ins Visier? Radikal-islamischer Antisemitismus ist, anders, als manche Kommentare vermitteln, nicht bloß eine Folge des Konflikts im Nahen Osten. Er gründet auf einem wahnhaften Weltbild, das komplexe historische Ursachen hat.
Richtig ist: Judenhass hat keinen Migrationshintergrund. Das hartnäckigste Ressentiment der Menschheitsgeschichte kommt rechts und links und in der Mitte vor, durchformt die Weltbilder von streng religiösen genauso wie jene von nichtgläubigen Menschen.
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Feiernde Terrorsympathisanten auf deutschen Straßen sind unerträglich – dennoch ist es grundfalsch, den Judenhass im Anschluss an das Pogrom der Hamas an jüdischen Zivilisten nun wie so oft auf „die Muslime“ auszulagern. Die Entlastungsprojektion der Mehrheitsgesellschaft ist wohlfeil und häufig rassistisch motiviert. Doch auch der Abwehrreflex auf die pauschale Diffamierung – nämlich den Islam von jedem originären Antijudaismus freizusprechen und Antizionismus von Antisemitismus zu trennen – greift historisch gesehen zu kurz. Die Judenfeindschaft von Hamas und Konsorten würde jede Friedenslösung in Nahost überdauern.
Denn genau wie der völkische Antisemitismus erklärt der islamistische Hass auf die Juden diese zu ewigen Feinden der Menschheit und ist auf totale Vernichtung ausgelegt. Der Ursprung dieses Hasses liegt zwar auch im Koran, doch weit mehr in einer späteren Entwicklung begründet.
Im Koran und einigen dem Propheten Mohammed zugeschriebenen Spruchbändern gibt es durchaus Passagen, die eine antijüdische Exegese möglich machen. Islamische Reformtheologen wie Abdel-Hakim Ourghi weisen mitunter darauf hin, dass die entsprechenden Textteile den medinischen Suren entstammen und somit auf eine Zeit datieren, da Mohammed in einen Konflikt mit den jüdischen Stämmen Medinas verstrickt war. Der ältere Teil des Korans, der auf die Phase zurückgeht, als der Prophet noch in Mekka weilte, enthalte für Juden und Christen dagegen jede Menge Lob und Anerkennung und vermittle zeitlose Wahrheiten eines toleranten Miteinanders.
Aus eben jenen zeithistorisch geprägten Textteilen aber, die von der teilweisen Ausrottung eines jüdischen Stammes durch den Propheten Mohammed berichten, leiten islamistische Hardliner wie die Hamas eine ewige Feindschaft von Juden und Muslimen ab.
Dabei ist augenfällig, dass sich die christlichen Judenbilder von denen im Islam unterscheiden. Während die islamische Tradition die im Kampf mit Mohammed unterlegenen Juden als eher schwach und feige beschrieb, hat das Christentum sie dämonisiert. Schließlich sollten sie für Christi Kreuzigung verantwortlich sein. „Im einen Fall hat der Prophet die Juden getötet, im anderen Fall die Juden den Propheten“, hat der Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher Matthias Küntzel diese Differenz auf den Punkt gebracht.
In Folge des Vorwurfs vom Gottesmord erfanden die christlichen Kirchenväter des 4. Jahrhunderts „den Juden“ als gleichsam übermächtige Gestalt, die fortan als Sündenbock für alle möglichen Übel diente. Die paranoiden Vorwürfe des christlichen Antijudaismus, vom Ritualmord bis zur Brunnenvergiftung, waren im islamischen Raum dagegen lange Zeit unbekannt. Da die Christen zunächst als jüdische Sekte begannen, hat man sich ungleich stärker am „älteren Bruder“ abarbeiten müssen als der jüngere Islam.
So sind die antijüdischen Passagen in den medinischen Teilen des Korans über weite Strecken der Geschichte kaum wirksam geworden. Juden wie Christen haben als „Schriftbesitzer“ im Islam den Status von Schutzbefohlenen inne. Die Juden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit waren im islamischen Weltteil vielfach unterprivilegiert.
Insgesamt wurden sie aber deutlich besser behandelt als im christlichen Abendland, wo die Pogrome sich aneinanderreihten und die seit Jahrhunderten überlieferte Judenfeindschaft schließlich in einer industrialisierten Massenvernichtung von als jüdisch markierten Menschen kulminierte. Denn als der christliche Antijudaismus im 19. Jahrhundert in den biologistischen Antisemitismus übersetzt wurde, wirkten die kolportierten Erzählungen mit neuen Vorzeichen fort. Das Narrativ von der „jüdischen Weltverschwörung“ stammt aus jener Tradition und ist das alleinige Produkt christlich geprägter Gesellschaften.
Doch glauben heute nicht auch viele Muslime das „Gerücht über die Juden“, wie Adorno es nannte? Wie gelangte der moderne Antisemitismus, der das Denken und Fühlen von heutigen Islamisten prägt, in den arabischen Raum?
Küntzel und andere Forscher erklären, dass der Import mit der Zeit des Kolonialismus begann. Journalisten, Botschaftsangehörige und christliche Fundamentalisten hätten den Antisemitismus westlicher Provenienz in den arabischen Raum getragen. 1840 machte der falsche Vorwurf des Ritualmordes an Kindern erstmals im osmanischen Reich die Runde und provozierte eine Reihe von Pogromen.
Um die Jahrhundertwende begann die Übersetzung westlich-antisemitischer Pamphlete ins Arabische. Dennoch konnten sich antisemitische Einstellungen als relatives Massenphänomen erst sehr viel später etablieren. Der in Europa und speziell in Deutschland seinerzeit wachsende Antisemitismus wurde etwa in ägyptischen Zeitungen anfangs heftig kritisiert.
Auch das Vorhaben der Nationalsozialisten, den völkischen Antisemitismus in der arabischen Welt zu verbreiten, scheiterte zunächst auf ganzer Linie, da die Muslime den westlichen Biologismen ablehnend gegenüberstanden. Küntzels Forschung zufolge erkannte die NS-Propaganda, dass man für die Implementierung antijüdischen Denkens im arabischen Raum eine religiöse Grundlage brauchte.
Vom brandenburgischen Zeesen aus sendeten die Nazis seit den späten 1930ern jahrelang antisemitische Rundfunkpropaganda unter anderem auf Arabisch, Persisch und Türkisch in Teile der islamischen Welt. Die vom amerikanischen Historiker Jeffrey Herf ausgewerteten Sendeprotokolle zeugen von einer Verschmelzung der antijüdischen Quellen des Islam mit den antijudaistisch-antisemitischen Stereotypen des Westens.
Eine nicht unerhebliche Rolle bei der Verbreitung des Antisemitismus in der arabischen Welt spielte der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der am Programm von Radio Zeesen aktiv beteiligt war. Der glühende Hitlerverehrer und Nazikollaborateur Husseini kämpfte gewaltsam gegen jüdische Migration nach Palästina und die dort seit Generationen angestammten Juden.
Mit Hilfe von Leuten wie Husseini und dem Gründer der Muslimbruderschaft Hassan al-Bannā bemühten sich die Nationalsozialisten einen theologisch angepassten Antisemitismus zu lancieren, der von den realen politischen Verwerfungen im späteren Nahostkonflikt verstärkt wurde. Nicht nur, aber wohl auch aufgrund dieses Engagements prägt ein solcher in Teilen der islamischen Welt bis heute den Diskurs.
Vor allem Theorien des politischen Islam aber vermischen frühislamischen Antijudaismus mit dem antisemitischen Denken des Okzidents. Die ideologische Symbiose lässt sich vielfach in der islamistisch-antisemitischen Literatur nachweisen – von Sayyid Qutbs 1950 veröffentlichter Hetzschrift „Unser Kampf mit den Juden“ bis zur Gründungscharta der Hamas von 1988.
Die altislamischen Bilder von jüdischer Schwäche und Feigheit verschmelzen mit der westlichen Verschwörungsparanoia vom Juden, der auf der Hinterbühne die Fäden zieht. So zitiert die Charta der Hamas die nachweislich gefälschte Propagandaschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ und beschwört einen muslimischen Kampf gegen die Juden bis zur völligen Vernichtung – auch jenseits der Palästinafrage.
Den Antisemitismus der Islamisten als bloßen Reflex auf israelische Politik zu behandeln, greift daher zu kurz. Vielfach ist er nicht Folge, sondern Ursache des Konflikts, wie auch Stephan Grigat, Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule NRW und Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) unterstreicht. Folgt man den Ergebnissen von Grigats und Küntzels Forschung, ist es eher so, dass der von den Nazis forcierte Antisemitismus einen hasserfüllten Antizionismus befeuert hat. So sei in den 1920er und frühen 1930er-Jahren in der Region auf zionistische Bestrebungen noch häufig neutral und mitunter sogar positiv reagiert worden, da sich manche von der jüdischen Präsenz einen Modernisierungsschub erhofft hätten, meint Küntzel.
Leute wie der Großmufti Husseini, die Massaker unter der alten jüdischen Bevölkerung Palästinas zu verantworten hatten, seien in Ägypten verachtet worden. Vor allem der mit den radikalen Husseinis verfeindete Clan der Nashashibis optierte für einen friedlichen Kompromiss, wurde vom Mufti und den Seinen aber schließlich marginalisiert.
Auch wenn manche Forscher einwenden, dass man den Einfluss der Nazis auf den Islamismus nicht überbewerten sollte: Dass der Vorschlag der britischen Peel-Kommission von 1937, der erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah, von arabischer Seite ebenso abgelehnt wurde wie der UN-Teilungsplan von 1947, hatte nicht bloß mit dem Anspruch auf Land, sondern auch mit negativen Einstellungen gegenüber Juden zu tun. Später dann instrumentalisierte der arabische Nationalismus wiederum antisemitische Stereotype, um dem politischen Kampf gegen Israel mehr Schubkraft zu verleihen.
Ein weiterer Multiplikator antisemitischer Einstellungsdimensionen waren die Niederlagen der arabischen Armeen in den Kriegen 1948, 1956 und 1967. Die militärische Stärke des kleinen Israel konterkarierte das mit dem Attribut der Schwäche verknüpfte altislamische Judenbild. Das eigene Scheitern wurde durch die im kulturellen Fundus inzwischen verfügbaren verschwörungsideologischen Muster kompensiert. Natürlich haben Flucht und Vertreibung von 700.000 Palästinensern in der Folge des Angriffskrieges diverser arabischer Staaten auf das neu gegründete Israel, und die bis heute andauernde Annektierung der Westbank und Ost-Jerusalems während des Sechs-Tage-Krieges die Einstellungen gegenüber Juden und Israelis ebenfalls verschlechtert.
Es ist unwahrscheinlich, dass es mit dem Antisemitismus in der islamischen Welt vorbei wäre, sollte der Nahostkonflikt einmal beendet sein. Dass die Lösung des Konfliktes eine Basis für den allmählichen Abbau von Ressentiments schaffen könnte, ist dagegen mehr als wahrscheinlich. Dass umgekehrt der Abbau von Antisemitismus zum Frieden beitragen könnte, gilt aber genauso. Aktuell sieht es leider nicht danach aus. Für die Hamas jedenfalls wäre der Kampf erst dann beendet, wenn das Judentum vollständig ausgerottet wäre.
Dieser Artikel erschien zuerst im Tagesspiegel in Berlin.