Kolumne „Artikel 1, GG“ Sehnsucht nach der Zeit beim Lesen
Unsere Kolumnistin hat früher einmal viel gelesen, wie sie schreibt. Ein Buch hat sie in ihrem Leben dabei ganz besonders geprägt.
Früher habe ich sehr oft und sehr viel gelesen. Einfach nur für mich gelesen, ohne an irgendeinen beruflichen Nutzen denken zu müssen. Ganze Tage habe ich mit der Lektüre schöngeistiger Literatur verbringen können. Irgendwann, ohne dass ich es bemerkte, muss mir diese Angewohnheit abhandengekommen sein.
Zur Person
Canan Topçu (58) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Das stellte ich vor ein paar Tagen fest, als ich mit einer Freundin spazieren ging und ihr währenddessen von Büchern erzählte, die mich geprägt haben. „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“ von Renan Demirkan beispielsweise, die auch als Tochter türkischer Migranten in Hannover aufwuchs.
In der Ich-Erzählung geht es um eine türkisch-deutsche Frau, die als Heranwachsende ihren Platz im Leben suchte – zwischen den Träumen der Eltern von einer Rückkehr in die Heimat und ihren eigenen Wünschen vom Leben im Hier und Jetzt. Trotz der Ausgrenzungen und Ablehnungen wird der Ich-Erzählerin dieses Land zur Heimat. Ich identifizierte mich nicht nur mit der Romanfigur, sondern auch mit der Autorin. Renan Demirkan – und ihre Erzählung ermutigte mich, meinen eigenen Weg zu gehen.
Während ich der Freundin über die Wirkungen des Buches auf mich erzählte, spürte ich eine dermaßen starke Sehnsucht nach der Zeit, die ich lesend verbrachte.
Es ist nicht so, dass ich weniger lese, meine Lektüre besteht aber meistens aus Artikeln aus Zeitungen, Polit-Magazinen und Fachbüchern. Alles in allem Texte, die mich eher trübsinnig machen und mental sehr anstrengen, als das sie mir eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen und/oder Trost spenden.
Um Abhilfe zu schaffen und das Berufliche mit dem persönlichen Interesse zu verknüpfen, habe ich einen Gedanken: Ich lese aus Lust und Laune und stelle dann hier in meiner Kolumne gelegentlich die Bücher vor, die mir gefallen haben. Was halten Sie davon?
Kontakt: kolumne@zgo.deEs lohnt, eigene Widerstände zu überwinden
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