TikTok und Notarzt  Scharfe Chips und andere Trends – so sollten Eltern reagieren

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 25.10.2023 18:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Diese Chips sind extrem scharf. Kinder sollten sie nicht essen. Foto: Doreen Garud/dpa
Diese Chips sind extrem scharf. Kinder sollten sie nicht essen. Foto: Doreen Garud/dpa
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Auch in der Region probieren Kinder und Jugendliche extrem scharfe Chips – für manchen endet das im Krankenhaus. Die Mutprobe kommt aus den sozialen Medien. So sollten Eltern reagieren.

Rheiderland - Bauchschmerzen, Luftnot: Scharfe Lebensmittel verleiten immer wieder zu Mutproben. Über Videos in sozialen Netzwerken – zum Beispiel TikTok – werden sie derzeit weit verbreitet. Der sehr hohe Schärfegrad kann gesundheitliche Folgen haben, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Kürzlich musste ein Kind aus einer Grundschule in Weener nach Hause geschickt werden, wie die Rheiderland-Zeitung berichtete. „Von den Vorkommnissen haben wir natürlich auch gehört“, sagt Sozialpädagoge Werner Hoffmann vom Jugendbüro in Bunde. „Wie viele Kinder und Jugendliche im Rheiderland genau solche Trends mitmachen, wissen wir nicht. Man geht ja auch nicht damit hausieren, wenn es schief geht. Aber man kann davon ausgehen, dass es auch hier ein Trend ist“, sagt er.

Was und warum

Darum geht es: Extra scharfe Chips sorgen für Furore: Kinder machen Trends aus den sozialen Netzwerken nach.

Vor allem interessant für: Familien mit Kindern

Deshalb berichten wir: Kürzlich hatte es in Weener einen Fall gegeben.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Wer greift ein?

An manchen Schulen sind die Chips, die es für die sogenannte „Hot-Chip-Challenge“ braucht, verboten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor Mutproben mit bestimmten Chips oder anderen extrem scharfen Lebensmitteln. „Der Verzehr führte vereinzelt bereits zu ärztlichen Noteinsätzen“, hieß es vom BfR. Im August gab es in Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) einen medizinischen Großeinsatz, weil mehrere Fünftklässler von den scharfen Chips gegessen hatten. Die Kinder mussten wegen Magenschmerzen sowie Haut- und Atemwegsreizungen versorgt werden.

Auch die Verbraucherschützer haben die Chips im Auge: Nach Untersuchungen prüft das hessische Verbraucherschutzministerium derzeit mögliche Konsequenzen. Der Hersteller erklärte, das Produkt „Hot Chip Challenge“ werde gemäß EU-Vorschriften hergestellt, sei getestet und für den menschlichen Verzehr zertifiziert. Das Angebot richte sich an Erwachsene. Die Packungen seien mit ausführlichen Warnhinweisen versehen, die jedoch nach den Worten des Sprechers verbessert werden sollen.

Was sollen Eltern tun?

Sicherheitshinweis und Chipverbot hin oder her. Sozialpädagoge Hoffmann rät Eltern dazu, sich dem Thema anders zu nähern, um es in den Griff zu bekommen. Dabei hält er nicht viel von Verboten. „Natürlich kann man ein Handy-Verbot verhängen, aber das ist im Jahr 2023 eine drakonische Strafe und man muss sich fragen, ob man den Ärger zu Hause durchstehen möchte.“ Es gehe vielmehr darum, die Mediennutzung von Jugendlichen und Kindern – gerade, wenn sie jünger als 14 Jahre sind – zu begleiten. „Man muss im Blick haben, was das Kind am Handy macht. Und aktiv fragen, was passiert da, was guckst du dir so an, willst du das auch nachmachen?“, zählt er auf. „Ich weiß, dass das ungemütlich und anstrengend sein kann.“

Es klinge nach Pädagogen-Wischi-Waschi, „aber man muss eben aktiv interessiert sein, an dem, was das Kind da anschaut“, sagt er. „Es gibt zum Beispiel sehr einfache Rezept-Videos bei TikTok, die könnte man mit dem Kind nachkochen oder eines der Experimente nachmachen, die gezeigt werden“, schlägt er vor. „Früher war es Peter Lustig, der Kindern vieles erklärt hat, heute gibt es diese Clips.“ Der Punkt sei: „Wenn man so etwas kategorisch ablehnt, wird das Kind es schwer haben, sich an einen zu wenden, wenn es zum Beispiel etwas Verstörendes gesehen hat.“

Was hat TikTok damit zu tun?

Mutproben hat es immer gegeben. Nachts über den Friedhof laufen oder bei den Nachbarn klingeln und wegrennen. Durch die sozialen Netzwerke erreichen die Mutproben, dann heißen sie Challenges, unzählige Nutzerinnen und Nutzer. „Social-Media-Challenges werden zunächst von einzelnen privaten Nutzer:innen als TikTok veröffentlicht (z.B. mit einer Mutprobe oder einem Streich), manchmal gar nicht mit der Intention, daraus eine Challenge entstehen zu lassen“, erklärt Lea Römer, Sprecherin von Juuuport, einem Verein, der Jugendliche zu Online-Themen berät.

In jeder Menge Videos werden die scharfen Chips gegessen. Foto: privat
In jeder Menge Videos werden die scharfen Chips gegessen. Foto: privat

„TikTok-Videos, die viral gehen, sind oft besonders kreativ, lustig oder in einem anderen Sinne mitreißend. Leider können dadurch auch gefährliche oder schockierende Challenges eine große Reichweite bekommen. Der Mitmachcharakter spielt dabei eine große Rolle und die – oft noch sehr jungen – Nutzer:innen bekommen das Gefühl, dazu zu gehören, wenn sie an einer Challenge teilnehmen.“ TikTok-Trends nutzten meist den gleichen Sound und TikTok erkennt, wenn ein Sound oft genutzt wird. Diese Videos werden dann häufiger ausgespielt. Der TikTok-Algorithmus sei bekannt dafür, virale Videos hervorzubringen. „Wenn dann noch Creator:innen mit vielen Follower:innen bei einem Trend mitmachen, bekommt dieses Video noch mehr Reichweite.“ Man könne sich das wie eine Kettenreaktion vorstellen – nur dass diese nicht linear stattfindet, sondern sich „explosionsartig in alle Richtungen“ ausbreite.

Und wo ist das Problem?

Schwierig werde es dann, wenn Challenges viral gehen, „bei denen andere beleidigt werden, man sich selbst oder andere gefährdet oder bei denen Dinge zerstört werden.“ Auch die Sprecherin betont, dass Eltern ihre Kinder über mögliche Gefahren aufklären sollten. „Dazu gehört, dass sie sich selbst über TikTok und aktuelle Trends informieren. Außerdem sollten sie ihre Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stärken und ihnen vermitteln, dass sie nicht bei solchen Challenges mitmachen müssen, um dazu zu gehören. Es gebe genug Trends und Challenges, die einfach nur Spaß machen, kreativ sind und niemandem schaden. Gefährliche Inhalte sollten bei TikTok oder Beschwerdestellen wie jugendschutz.net gemeldet werden. „Es gibt eben immer Neuheiten wie TikTok, die kann man nicht wegdiskutieren“, sagt Sozialpädagoge Hoffmann. „Bei mir war es der Walkman, da hieß es von meinem Vater, man müsse nicht beim Radfahren Musik hören, das habe es früher auch nicht gegeben“, erklärt er. Man habe die größten Erfolgschancen, tatsächlich auf die Kinder einwirken zu können, wenn man echtes Interesse zeige.

Mit Material von dpa

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