Schwerin  Bio-, emo- oder geo-ostdeutsch – wie legitim sind solche Zuschreibungen?

Michael Seidel
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Von Michael Seidel
| 22.10.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Herbstglühen in der Motorsportarena Oschersleben Foto: Matthias Bein
Herbstglühen in der Motorsportarena Oschersleben Foto: Matthias Bein
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Wenn ein AfD-Politiker von „Biodeutschen“ schwadroniert, liegt der Verdacht einer völkischen, also rechtsextremen Intention nahe. Wenn Migrationsforscher von „bio-, geo- oder emo-Ostdeutschen“ reden, gilt das als legitimer soziologischer Versuch, die Zuschreibung „Ostdeutsche“ sauber zu kategorisieren.

Vor fünf Jahren sorgte der Greifswalder Jura-Professor Ralph Weber, damals Landtagsabgeordneter der AfD, für einen Eklat mit seinem Facebook-Post, wonach „Biodeutsche“ mit nicht weniger als zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern dafür sorgen sollten, dass auch in 30 Jahren noch eine deutsche Leitkultur fortbestehen möge.

Webers Forderung ähnelte den Bedingungen des „Kleinen Ariernachweises“ der Nationalsozialisten. Selbst die eigene Landesparteiführung erteilte ihrem Abgeordneten seinerzeit eine Abmahnung wegen parteischädigenden Verhaltens.

Dieser Tage nun präsentierte das „Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung“ (Dezim) in Berlin einen Vorschlag, wie man definieren könnte, was „ostdeutsch“ ist. Vier Kategorien sind es, die die Forscherinnen um Institutsdirektorin Prof. Naika Foroutan für eine differenzierte Zuschreibung ins Feld führen: „Geo, bio, sozio oder emo“. Gemeint ist: Geburtsort, Wohnort, Herkunft der Eltern - oder doch eher ein Gefühl, eine Selbstzuschreibung.

Jede Definition hat, räumen die drei Autorinnen ein, ihre Tücken. Bei „geo-ostdeutsch“ wären die vielen Menschen außen vor, die für Jobs in den Westen gezogen sind. Der Anteil der verbliebenen „Ostdeutschen“ wäre mit 16,7 Prozent so am kleinsten. Die Definition nach Geburtsort ließe ebenfalls Lücken, auch wenn der Anteil an der Bevölkerung mit knapp 20 Prozent größer wäre. Am größten wäre die Gruppe der „Sozio-Ostdeutschen“ mit „Osthintergrund“: 26,1 Prozent wäre dann ihr Bevölkerungsanteil. Die „Emo-Ostdeutschen“ wären davon eine Teilgruppe.

Nach meiner groben Rechnung hieße das: Wenn laut Bevölkerungsstatistik 8,6 Prozent der in Westdeutschland Lebenden einen ostdeutschen Geburtsort haben (“geo-ostdeutsch”), dann wären das etwa sieben Millionen (!) Ostdeutsche im Westen. Im Osten dagegen leben 17,8 Prozent geo-Westdeutsche. Das wären aber nur ca. 288.000 „Zugezogene“, die aber womöglich mehr Lebenszeit in Ost als in West verbrachten. Und womöglich auch noch einen/r ostdeutschen Partner haben! Wat denn nu?!

Die Studie betont die soziale Konstruiertheit von statistischen Kategorien. Die seien aber notwendig, „um Ungleichheiten und Unterrepräsentationen zu erfassen“. Letztlich könnten nur so eine „evidenzbasierte Politik und konkrete Fördermaßnahmen entwickelt werden, um eine gerechtere und ausgewogenere Gesellschaft zu schaffen“. 

Wem aber hilft es, Ostdeutsche wie Migranten zu kategorisieren? Wohnt einem solchen Modell nicht die nächste Diskriminierung inne: dass Ostdeutsche de facto innerdeutsche Migranten, also „Dazugekommene“ seien? Die - je nachdem, wie „gut“ sie sich integriert haben - „mitspielen“ dürfen, aber letztlich nie „richtige Deutsche“ würden? Da überkommt mich doch eine gewisse Ost-Scham. Und eine Portion Groll.

In den zurückliegenden Jahren gab es mindestens drei Urteile von Arbeitsgerichten, die bestritten, dass Ostdeutschsein einen Minderheiten- oder ethnischen Status darstellt, der ansonsten ja ein besonderes identitäres Schutzbedürfnis begründen könnte, wie es etwa bei Geschlecht oder Migrationshintergrund schon gesetzlich verbürgt ist: Bei gleicher Eignung bevorzugt einzustellen.

Wenn man sich die Forschungsarbeit indes unvoreingenommen zu Gemüte führt, ist sie ein durchaus ehrenvoller Versuch, Voraussetzungen zu schaffen, um strukturelle Benachteiligungen Ostdeutscher beseitigen zu können. Der Zweck heiligt zwar nicht die Mittel, aber die gute Absicht zählt. Einen völkisch-rassistischen Hintergrund kann man hier wohl getrost ausschließen. Aber merke: Auf den Kontext kommt es an.

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