Bad Kleinen Alleinerziehende Mutter berichtet: So schwer ist das Leben mit Bürgergeld
Eine alleinerziehende Mutter lebt vom Bürgergeld und dreht jeden Cent mehrmals um. Sie geht zur Tafel und arbeitet für zwei Euro die Stunde beim Arbeitslosenverband, um über die Runden zu kommen. Das Jobcenter verteidigt die Reform.
Kristina Müller* atmet einmal tief ein. Dann beginnt sie zu erzählen. „Ich habe ein kleines Kind, bin alleinerziehend und komme vorne und hinten nicht hin“, sagt die 33-Jährige sichtlich angespannt. Seit zwei Jahren wohnt sie nun in Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern – ohne Job. Sie muss von Bürgergeld leben. Und das sei ein enormes Problem. „Ich drehe jeden Cent mehrmals um, damit das Geld am Ende des Monats noch reicht“, so Kristina Müller.
Ein Zoobesuch, Urlaube oder sonstige Ausflüge seien für ihren kleinen Sohn nicht drin. Die 33-Jährige geht sogar regelmäßig zur Tafel, weil das Geld für frisches Essen nur für ihr Kind ausreichen würde. „Es war ein schlimmes Gefühl, als ich das erste Mal da war“, erinnert sie sich.
Über aktuelle Debatten in der Politik und das Vorurteil, Arbeit lohne sich aufgrund der Höhe des Bürgergeldes nicht mehr, könne sie nur mit dem Kopf schütteln. Pro Monat stehen Kristina Müller als alleinstehende Frau 506 Euro Bürgergeld zu. Wegen ihres Sohnes erhält sie insgesamt 560 Euro. Zum Vergleich: Wer in Deutschland 12 Euro Mindestlohn verdient, erhält im Monat bei einer 40-Stunden-Woche brutto 2080 Euro. Je nach Abgaben haben Mindestlohnverdiener somit in der Regel mehr als 1100 Euro in der Tasche.
Die Wohnung von Kristina Müller bezahlt das Jobcenter. Zusätzlich erhalte sie noch die üblichen 250 Euro Kindergeld. Doch davon richtig leben, könne sie trotzdem nicht. „Man hat so viele Kosten, vor allem für den Kleinen.“
Kristina Müller ist gelernte Friseurin, hat aber fast ihr gesamtes Berufsleben in der Gatronomie verbracht. „Früher habe ich Saisonarbeit in Österreich gemacht und richtig gutes Geld verdient.“ Doch vor einigen Jahren ist sie in die Arbeitslosigkeit gerutscht. „Ich würde echt gerne wieder arbeiten gehen.“ Doch das sei nicht so leicht. „In der Gastronomie muss man vor allem abends und am Wochenende arbeiten. Das geht wegen meines Kindes nicht.“ Schließlich hätte sie keine Familie in Bad Kleinen, die sie unterstützen könnte. Auch bei den Supermärkten an der Kasse habe sie sich schon beworben. „Aber die wollen auch, dass ich am Wochenende arbeitet. Das geht nicht.“
Um wenigstens ein bisschen was dazuzuverdienen, arbeitet Kristina Müller aktuell für zwei Euro die Stunde beim Arbeitslosenverband Bad Kleinen – sortiert gespendete Kleidung und verkauft sie.
Kerstin Schimske, Mitglied im Vorstand des Arbeitslosenverbandes Bad Kleinen, kennt die missliche Lage, in der sich Kristina Müller und viele andere Betroffene befinden. Ihrer Ansicht nach habe die Veränderung von Hartz IV zu Bürgergeld keine erkennbare Verbesserung mit sich gebracht. „Es ist nur eine Namensänderung. Viel mehr bringt es für die Leute nicht.“ Schließlich würde die Inflation die zusätzlichen 53 Euro auffressen. Auch viele Sozialverbände kritisieren die Reform als unzureichend.
Martin Greiner, Geschäftsführer des Jobcenters Nordwestmecklenburg, verteidigt die Reform. Das Bürgergeld decke den Mindestbedarf zum Leben ab, so Greiner. Zudem sei auch eine Pauschale zur sozialen Teilhabe integriert. „Wir wissen natürlich auch, dass die Anpassung des Regelbedarfs sich nicht immer zu 100 Prozent in den Kostensteigerungen widerspiegelt“, sagt Greiner.
Die Reform jedoch rein auf die finanziellen Aspekte zu reduzieren, sei zu einfach. Schließlich hätten sich abseits vom Geld eine Menge anderer Aspekte durch die Bürgergeldreform verändert, sagt der Geschäftsführer des Jobcenters. So liege der Schwerpunkt des Bürgergeldes auf der Qualifizierung von Arbeitslosen, während das Hartz IV System nur versucht hat, die Arbeitslosen möglichst schnell in irgendeinen Job zu bringen. „Es wird jedem noch einmal die Chance gegeben, eine neue Ausbildung zu machen. Wir versuchen, die Menschen über die längere Qualifizierungsdauer als Fachkräfte wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.“
Laut Greiner stünden die Wünsche und Bedürfnisse der Empfänger mehr im Vordergrund. „Wir haben natürlich auch Handlungsbedarf in manchen Sachen, aber viele Empfänger sind auch zufrieden. Unser Ziel ist es, dass die Menschen ohne Vorbehalt kommen und ohne Ängste und dass man das Gefühl hat, dass einem geholfen wird.“ Und das würden viele Bürgergeldempfänger bestätigen, so Kerstin Schimske vom Arbeitslosenverband Bad Kleinen. „Wir haben vor kurzem eine Umfrage gemacht. Und darin haben viele gesagt, dass mehr auf ihre Wünsche eingegangen wird, als noch bei Hartz IV.“
Künftig dürfte sich aber auch die finanzielle Lage von Kristina Müller und allen anderen Bürgergeldempfängern verbessern. Der Bund hat am vergangenen Freitag eine Erhöhung des Regelsatzes beschlossen. Alleinstehende Erwachsene sollen künftig statt 506 Euro dann 563 Euro im Monat erhalten. Mit Partnern zusammenlebende Erwachsene erhalten künftig 506 Euro statt bisher 451 Euro. Auch für Minderjährige werden die Bezüge nach oben korrigiert. Die Erhöhung soll insgesamt rund 4,5 Milliarden Euro kosten. Aktuell beziehen mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland Bürgergeld. Wenn es nach Kristina Müller geht, gehört sie jedoch bald nicht mehr zu dieser Gruppe. Denn die alleinerziehende Mutter will unbedingt einen Job finden, um künftig besser für sich und ihren Sohn sorgen zu können.
*Name von der Redaktion geändert